Tennis Vorteil: Tennis

Jammern war gestern – viele Vereine können sich über eine ungeahnt große Nachfrage freuen. „Wir mussten einfach nichts anderes tun, außer da zu sein“, sagt Rot-Weiss-Chef Nicos Schlüter.
24.07.2020, 16:48
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Vorteil: Tennis
Von Olaf Dorow

Nicos Schlüter ist oft und gerne draußen, draußen auf der Anlage des TV Rot-Weiss, Nähe Weserstadion. Es muss nicht weiter verwundern, dass Nicos Schlüter da so oft ist. Er spielt gern Tennis, und vor allem ist er seit anderthalb Jahren der Vorsitzende des Vereins, der mit immerhin 13 Asche- und drei Hallen-Plätzen, dazu einem Multifunktionsplatz und einer Vereinsgaststätte inklusive Sonnenterrasse aufwarten kann. Wenn Nico Schlüter, so erzählt er es, also so über die Anlage schlendert, dann ertappt er sich neuerdings bei einem Denkfehler. Er habe lange Zeit gedacht, er kenne hier jeden, der ihm begegnet. Der Verein als große Familie halt. Nun müsse er feststellen: „Nee, ich kenn‘ die nicht alle.“ Die Familie wächst. Oder zumindest tauchen andauernd neue Gesichter auf.

Die Pandemie hat, das darf man wohl behaupten, in vielen Tennisvereinen eine Entwicklung provoziert, die fast schon mehr nützlich als schädlich war. Mit dem Zusatz „Gott sei Dank“, möchte Schlüter diesen Satz versehen wissen. Es ist ein Trend, den wohl nur die wenigsten Sportarten verzeichnen. Alfons Hörmann, Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, hat zuletzt in Interviews betont, dass der Sport sich auf Schäden im Milliardenbereich einrichten müsse und man mit einem „nicht unerheblichen“ Rückgang bei den Mitgliederzahlen rechne.

Wenn er so herumfrage bei den anderen größeren Tennisvereinen in der Stadt, bei den Klubs namens 1912 oder 1896, beim TV Werder, TV Ost oder TV Süd, dann höre er Ähnliches: Der Zulauf ist gut, die Plätze sind gut gebucht. Mike Cole vom BTV von 1896, der zudem am Jürgenshof eine private Anlage betreibt, sagt: „Vielleicht kann man von einem Mini-Boom sprechen.“. Seine Frau Karin, die bei 1896 die Geschäftsstelle betreut, kann das nur bekräftigen. Kinder, Erwachsene, Anfänger oder Ehemalige; querbeet kämen die Anfragen, um das technisch nicht eben anspruchslose Spiel mit seinen leicht begreifbaren Spielregeln mal auszuprobieren. Oder es wieder neu zu versuchen nach 20 oder 30 Jahren. Netz, Schläger, Ball: Können offenbar auch bei längeren Auszeiten ihre Anziehungskraft behalten.

Corona scheint diese Anziehungskraft verstärkt zu haben. Sybille Schmidt vom Tennisverband Niedersachsen-Bremen (TNB) kann das bestätigen. Rausgehen und Sporttreiben, das rückte weit nach oben auf der Wunschliste, als Rausgehen und Sporttreiben nur noch eingeschränkt erlaubt werden konnte. Und als gelockert wurde, befand sich Tennis in einer Art Pole-Position. TNB-Sprecherin Schmidt schätzt das so ein, dass vielen, die nicht joggen mochten oder sich ins Fitness-Studio noch nicht trauten, den Tennis-Court entdeckt haben. Oder wiederentdeckt. Dass es guten Zulauf gibt, höre man beim TNB aus verschiedensten Ecken des Verbandsgebietes. Vom Sottrumer TC habe eine Trainerin gemailt, dass sie nur noch am Ausfüllen von Eintrittsformularen sei. Der TC TSV Burgdorf melde, dass alle Kurse ausgebucht seien. „Und wir vom Verband sagen den Vereinen immer: Nutzt diese Chance!“, sagt Sybille Schmidt.

Nicos Schlüter sagt, dass diese Chance quasi auf dem Silbertablett lag. „Wir mussten einfach nichts anderes tun, außer da zu sein“, sagt er. Was das anbelangt, so muss er zugeben, besteht dann doch irgendwie eine Querverbindung zum Boris-Becker-Boom von einst. Obwohl man ja eigentlich Quervergleiche zwischen einem Wunderkind und einem vielfach todbringenden Virus tunlichst unterlassen sollte. In den 1980-er und 90-er Jahren hatten der sensationelle Wimbledon-Triumph des damaligen Teenagers Boris Becker, später die Erfolge von Steffi Graf und Michael Stich dem Tennissport in Deutschland einen kolossalen Auftrieb verschafft. Auch Nicos Schlüter, heute 42 Jahre alt und von Beruf Psychologe, ist damals mit dieser Welle der Begeisterung auf einen Tennisplatz gespült worden. So erzählt er es.

Das Einfach-nur-da-sein-Müssen ging in diesem Frühjahr dann nach seiner Schilderung beim TV Rot-Weiss so: Am 17. März musste die Anlage geschlossen, für den 18. März die Mitgliederversammlung abgesagt werden. Am 25. April durfte, unter Einhaltung diverser Hygiene-Auflagen, wieder geöffnet werden. Zwischendurch konnte, auch diesem Umstand gilt der Gott-sei-Dank-Kommentar, eine beauftragte Firma die Plätze herrichten. „Wir hatten Riesenglück“, sagt Nicos Schlüter. Covid-19, dem sich draußen deutlich besser ausweichen lässt als drinnen, kam im beginnenden Frühjahr statt im auslaufenden Herbst. Man hätte schon Jahre gehabt, in denen die Freiluft-Saison auch erst im Mai anfangen konnte, erzählt Schlüter. Im Verein sei man ein bisschen nervös gewesen, wie es werden, wie die Leute sich verhalten würden, wenn sich die Tore wieder öffnen. Viele hätten immer wieder nachgefragt, wann denn wieder gespielt werden dürfe. Viele habe ein zufällig erscheinender Spaziergang immer wieder genau an die Zäune um die Anlage herum geführt. Ihn selbst ja auch.

Und dann füllten sich die Kurse, auch mit vielen Kindern, und bekamen die Trainer in der Tennisschule zahlreiche Anfragen und gut zu tun. Inzwischen dürfen nach der entsprechenden Erlaubnis durch die Behörden auch die Duschen und Umkleideräume wieder benutzt werden, seit rund zwei Wochen dürfen auf den Plätzen auch Doppel und nicht nur Einzel gespielt werden. Es gibt auf der Terrasse der Rot-Weiss-Gaststätte wieder das Bierchen oder die Apfelsaftschorle danach, und vor allem: den Schnack danach. Schlagwort: Vereinsleben. Und sehr oft – das bestätigt Vereinschef Schlüter auf entsprechende Nachfrage – falle dabei der Satz: „Ham' wir das gut, dass wir Tennis spielen!“

Info

Zur Sache

Auf dem Weg zur Fusion

Der TV R ot-Weiss , der auf der Stadionbad-Seite neben dem Weserstadion beheimatet ist, besteht seit 2016 praktisch aus zwei Vereinen. Es gibt einen Kooperationsvertrag mit dem TC Rot-Gelb, der auf der anderen Seite der Arena den Baumaßnahmen weichen musste. 2021 sollen Rot-Weiss mit seinen rund 600 Mitgliedern und Rot-Gelb (rund 100 Mitglieder) komplett fusionieren, der Vereinsname soll TV Rot-Weiss bleiben. Während der TV Rot-Weiss sich früher leistungsorientierter aufgestellt und auch in höherklassigen Ligen mitgemischt hat, „sind wir jetzt eher ein Breitensportverein“, sagt der Vereinsvorsitzende Nicos Schlüter.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+