Sixdays-Kolumne (1)

Die Weichei-Taktik

Unser Autor Jörg Niemeyer erzählt in unserer ersten Kolumne zu den Sixdays 2020, wie er beim Thema Radfahren vor vier Jahren einen mobilen Kompromiss fand.
12.01.2020, 17:09
Lesedauer: 2 Min
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Die Weichei-Taktik
Von Jörg Niemeyer
Die Weichei-Taktik

Nun drehen die Fahrer in der ÖVB-Arena wieder ihre Runden. Ohne Bremse. Ohne Gangschaltung. Immer mit der gleichen Übersetzung, die eine Beinmuskulatur erfordert, wie sie ein Radprofi nun mal hat. Wer keine kräftigen Beine hat, wird nichts in diesem Geschäft. Mal abgesehen davon, dass auf diesem besonders steilen, mit 166 Metern besonders kurzen Bremer Holzoval auch ohne Mut nichts geht. Und, na klar, eine ordentliche Grundausbildung in Sachen Technik ist ebenfalls zwingend erforderlich. Kurzum: Der Beruf der 24 Männer ist höchst anspruchsvoll.

Warum ich das erwähne? Vielleicht wissen Sie ja aus dem Vorjahr noch, dass wir Schreiber in dieser Kolumne auch Persönliches von uns erzählen dürfen. Mein Problem: Wenn ich auf der Bahn diese Topsportler sehe, muss ich immer daran denken, wie lange ich gekniffen habe, um mich aufs Rad zu setzen. Nicht dass Sie jetzt Falsches von mir denken: Ich bin, ganz ehrlich, in meinem Leben immer sportlich gewesen – und das nicht nur als Sportredakteur. Natürlich kann ich auch Rad fahren. Aber um auf dem Rad täglich zwölf Kilometer hin zur und zwölf wieder zurück von der Arbeit zu fahren, hat mir einfach der Mumm gefehlt. Nicht mal unbedingt in den Beinen, sondern eher im Kopf.

Wer will schon den ersten Kampf des Tages hinter sich haben, wenn er im Büro ankommt? Ich jedenfalls wollte das nicht! Hab mich damit rausgeredet, dass ich nicht langsam fahren kann und deshalb ins Schwitzen komme. Und so etwas sei den Kollegen im Büro doch wirklich nicht zuzumuten. Viele Jahre bin ich dieser Weichei-Taktik treu geblieben. Bis ich vor fast vier Jahren einen mobilen Kompromiss fand, mit dem ich gut leben kann: ein Elektrofahrrad, auf Neudeutsch auch E-Bike oder Pedelec genannt.

Wenn ich Ihnen erkläre, warum ich diesen Kompromiss eingegangen bin, weiß ich gar nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ausgerechnet Bremens Verkehrsplaner haben bei mir den Stein ins Rollen gebracht – mit ihrer Ankündigung, dass Ende 2017 die Unterführung von der Neuenlander Straße zum Autobahnzubringer Arsten zugemacht werden sollte. Welch eine Drohung! Ich wollte es mir nicht antun, mit dem Auto oder im Bus ständig im Stau zu stehen.

Obwohl die Unterführung immer noch offen ist, habe ich meinen Umstieg nie bereut. Ich finde, dass ich jetzt auch ein richtiger Radfahrer bin. Nur vielleicht nicht ganz so urtümlich wie die Profis in der ÖVB-Arena. Aber deren Job ist es ja schließlich auch, alles zu geben. Wohlgemerkt während der Arbeit und nicht schon davor.

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