Olympische Spiele Die Werte einer Tradition

Ursprünglich war Karate keine Sportart, in der sich Menschen messen sollten. 2020 wird es trotzdem olympisch. Davon sind nicht alle Karateka überzeugt – zu Besuch in einem traditionellen Dojo.
14.02.2020, 16:31
Lesedauer: 4 Min
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Die Werte einer Tradition
Von Kim Torster

Eine Faust rast auf das Gesicht einer Frau zu. Sie rührt sich nicht, blickt dem Mann, dem die Faust gehört, fest in die Augen. Knapp einen Zentimeter vor ihrem Gesicht stoppt er, nimmt den Arm ruckartig runter, stellt sich hüftbreit vor die Frau, die Arme gerade vom Körper abgewinkelt. Keiner von beiden sagt ein Wort.

Es ist nicht so, dass der Mann es sich kurz vorher anders überlegt hätte. Er wollte sein Gegenüber niemals wirklich treffen. Darum geht es beim Karate nicht – weder im Training noch bei Wettkämpfen. Im Gegenteil: Wer seinen Gegner tatsächlich einmal treffen sollte, bekommt im Wettkampf sogar Punktabzug. Andererseits erfordert diese Genauigkeit viel Konzentration. Deshalb sind während des Trainings an diesem Abend im Karate Djojo Shogun in der Neustadt alle sehr ernsthaft und aufmerksam bei der Sache. Mit Betreten des Trainingsraums werden die Gespräche eingestellt. Eine Stunde lang sollen sich alle nur noch auf die Atmung, die Technik, die Schläge konzentrieren.

Das Karate Dojo Shogun wurde 1991 von Kirsten Manske und Thomas Schulze gegründet und wird bis heute von dem Ehepaar geleitet. Schulze gibt an diesem Abend das Training der sogenannten Oberstufe – so nennt man erfahrene Karateka mit violettem, braunem oder schwarzem Gürtel. Anders als bei anderen Sportarten werden die Trainingsgruppen im Shogun nicht nach Geschlecht oder Alter separiert, sondern nach der Farbe des Gürtels, nach Erfahrung und Können. Sofort fällt auf, dass die 30-köpfige Gruppe sehr heterogen ist. Es gibt nicht nur etwa gleich viele Männer und Frauen, die zum Training gekommen sind. Fast jede Altersklasse ist hier vertreten. 60-Jährige stehen neben 30-Jährigen, die 18-jährigen Zwillingstöchter von Manske und Schulze sind auch dabei, genauso wie der Jüngste der Gruppe – ein 12-Jähriger.

In der Regel dauert es etwa sechs oder sieben Jahre, bis man es zum Schwarzen Gürtel schafft, sagt Manske. Wer oft und gewissenhaft trainiert, kann die entsprechenden Prüfungen aber auch schneller erreichen.

Gemeinsam stehen die 30 Karateka in zwei Reihen in der Halle verteilt, das Gesicht ist Trainer Schulze zugewandt. Schulze muss immer nur kurze Stichwörter nennen und sofort wissen alle, was zu tun ist. Trainiert werden die Disziplinen Kumite und Kata. Beim Kumite stehen sich zwei Karateka gegenüber und versuchen Schläge zu setzen, ohne abgeblockt zu werden. Dabei wird eine Art Kampfsituation simuliert. Kata hingegen ist eine Art Choreografie: Die Karateka kämpfen gegen unsichtbare Gegner aus allen Richtungen. Die Abfolge der Bewegungen ist immer gleich. Mit einem dumpfen Poltern landen dann 30 nackte Füße synchron auf dem Fußboden, 30 Arme und Fäuste schnellen in die gleiche Richtung, 30 Münder formen einen Kampfschrei. Die Energie im Raum ist förmlich spürbar.

2020 wird Karate, werden Kumite und Kata erstmals olympisch. Schulze und Manske haben gemischte Gefühle. „Einerseits“, sagt Schulze, „sind wir froh über die Werbung.“ Aber andererseits... und hier wird es kompliziert. Im Laufe der Jahre haben sich im Karate unterschiedliche Stile entwickelt. Die einen betreiben den Sport, um sich in Wettkämpfen zu messen. Andere möchten genau das nicht.

Im Dojo Shogun wird seit knapp 29 Jahren Karate nach traditionellen Werten gelehrt. Ein Training, das der Versportlichung von Karate entgegenstehen möchte und dementsprechend, laut Schulze, einen anderen Fokus setze. Während es bei Karate-Wettkämpfen unter anderem darauf ankommt, im Zweikampf mit möglichst präzise und schnell ausgeführten Bewegungen viele Punkte zu sammeln und so den Gegner zu schlagen, steht beim traditionellen Karate der Karateka und seine Entwicklung im Vordergrund.

In allererster Linie soll der Charakter durch den Sport gestärkt werden. Trainerin Manske sagt, das sei vor allem bei Kindern zu beobachten. Häufig würden eher schüchterne Kinder mit Karate beginnen – und dabei regelrecht aufblühen.

Hinzukommt, dass hier im Shogun eine bestimmte Lebenseinstellung vermittelt wird: Zu Beginn und Ende des Trainings sitzen die Karateka mit geschlossenen Augen auf den Boden. Eine Weile ist es still, jeder ist ganz bei sich. Dann beginnt ein Mann zu der Gruppe sprechen: „Sei höflich und bescheiden. Sei gerecht und mutig“ und so weiter. Er zählt wichtige Tugenden im Karate auf. Dazu zählen auch Selbstbeherrschung, Geduld, Respekt und Hilfsbereitschaft – aber auch Disziplin.

Und: Karate ist auch Selbstverteidigung. Im Training wird sich zwar nicht wirklich geschlagen, aber Karateka lernen, gezielte Schläge zu setzen und wiederum Schläge des Gegners abzublocken. Vor allem im traditionellen Karate gehe es darum, nur einen effektiven Schlag auszuführen, der im Zweifel einen Gegner außer Gefecht setzt. „Die Idee ist eine andere als beim wettkampforientierten Karate“, sagt Schulze.

Schulze und Manske sind früher selbst häufig auf Wettkämpfe gegangen, auch einige Mitglieder aus ihrem Dojo bestreiten Wettkämpfe. Schulze findet das okay, er habe nichts gegen Wettkämpfe. Solange der Wettkampfgedanke nicht den ganzen Sport bestimmt. Und so blickt er auch auf die olympischen Spiele. Er sagt: „Mein Karateherz ist skeptisch.“

Nach etwa einer Stunde verlassen die Karateka das Dojo wieder. Sie sind durchgeschwitzt und lächeln. Die Oberstufe trainiert bis zu sechs Mal die Woche, zweimal davon morgens. Nur ein kleiner Teil der Gruppe gehe auch auf Wettkämpfe, sagt Schulze. Für ihn ist trotzdem klar: Auch ohne Wettkämpfe ist Karate ein Leistungssport. Er sagt: „Jeder leistet hier für sich selbst.“

Info

Zur Sache

Ohne einheitlichen Weltverband

Wegen der unterschiedlichen Ausrichtungen von Karate, hat der Sport keinen einheitlichen Weltverband. Stattdessen gibt es mehrere Verbände, die wiederum eigene Nationalmannschaften stellen. Für Deutschland wird eine Mannschaft des Deutschen Karate Verbands (DKV) als Mitglied der World Karate Federation (WKF) antreten. Geprüft werden die beiden Disziplinen Kata und Kumite.

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