Reportage Dienstreise in Grün-Gold: 21 Stunden für den Triumph

Bremen. Es war mal wieder ein perfekter Abend. Die Lateinformation des Bremer Grün-Gold-Club gewann das dritte Bundesligaturnier der Saison und hat sich damit vorzeitig für die Weltmeisterschaft im Dezember qualifiziert. „Das haben sie wirklich super gemacht“, freute sich Trainer Roberto Albanese.
16.02.2010, 09:00
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Dienstreise in Grün-Gold: 21 Stunden für den Triumph
Von Ruth Gerbracht

Bremen. Es war mal wieder ein perfekter Abend. Die Lateinformation des Bremer Grün-Gold-Club gewann am späten Samstagabend das dritte Bundesligaturnier der Saison und hat sich damit vorzeitig für die Weltmeisterschaft im Dezember qualifiziert. „Das haben sie wirklich super gemacht“, freute sich Trainer Roberto Albanese über die ausdrucksstarke Leistung seiner Mannschaft, die schließlich – zum dritten Mal – mit sieben Einsen belohnt wurde.

Völlig unverständlich war dagegen die Bewertung des B-Teams, das in Düren nach seinem schwachen Auftritt im zweiten Turnier dieses Mal eine fehlerfreie und rasante Vorstellung ablieferte. Die Mannschaft von Trainerin Uta Albanese wurde zwar hinter dem TSZ Velbert Dritter, allerdings knapp mit drei Vieren und vier Dreien.

Gefeiert werden durfte trotz dieses kleinen Wermutstropfen. Schließlich tanzt der Europameister aus Bremen, das A-Team, derzeit in einer eigenen Liga. Acht Paare, zwei Runden à sechs Minuten in perfekter Harmonie und Synchronität – und am Ende heißt der Sieger Grün-Gold Bremen – in dieser Saison immer mit allen Einsen.

Doch was am Abend so glamourös und leicht ausschaut, ist das Ergebnis harter Trainingsarbeit. Und nicht nur das. Auch ein Turniertag hat wenig Glanzvolles zu bieten. Stattdessen: Viel Arbeit, eine Menge Schweiß, ein elend langer Tag, das permanente Bemühen, über viele Stunden eine Wettkampfspannung zu halten. Alles, was zum Erfolg gehört, bleibt für den Zuschauer meist unsichtbar. Um ein wenig Transparenz zu bieten, haben wir uns an die Fersen der Lateinformation des Grün-Gold-Club Bremen geheftet und sie zum dritten Bundesligaturnier nach Düren begleitet.

Beginn einer Dienstreise

8.00 Uhr: Bei ungemütlichen 3 Grad minus treffen sich die Tänzer am ZOB. Der Bus, der beide Bremer Lateinformation, A- und B-Team, nach Düren bringen soll, wartet bereits. Noch ziemlich blass, etwas müde und in dicke Schals gehüllt sind die Formationstänzer kaum zu erkennen. Dennoch: Es herrscht bereits ein großer Begrüßungstrubel, begleitet vom Klappern der Koffertrolleys, die schließlich im Bauch des Busses verschwinden. Noch schnell einen Kaffee beim Fastfood-Shop nebenan ergattern und dann endlich, geht’s los. Mit dabei: 52 Reisende – Teams, Trainer, Präsident sowie die unzähligen Kisten an Marschverpflegung – von Vereinswirtin Inge Neumann liebevoll zusammengestellt.

8.30 Uhr: Die ersten versuchen, die kurze Nacht mit einer Runde Schlaf zu kompensieren. Andere hingegen sind zu aufgekratzt, um die Augen zu schließen. Ein Video muss her: Zum x-ten Mal flimmern die Animationsfiguren von Ice Age über den Videobildschirm.

12.30 Uhr : Nach viereinhalb Stunden ist das Ziel erreicht. Die letzten zwei Stunden haben einen mehr und mehr an eine Klassenfahrt erinnert. Musik, viel Gelächter und viel Unsinnreden sorgen für gute Laune. Von Wettkampfanspannung ist noch nichts zu spüren. Die wird erst jetzt, nachdem alle aus dem Bus stürmen, ein kleines bisschen erkennbar. In Windeseile ist der Bus leer. Die beiden Umkleidekabinen werden schnellstens in Beschlag genommen. Die modernen Räume der Arena Kreis Düren mit den anliegenden Duschen können sich wirklich sehen sehen lassen. Großzügig geschnitten, lassen sie die vielen kleinen Verschläge, in denen Tänzer bei Formations-Turnieren oftmals hausen müssen, in Vergessenheit geraten.

12.40 Uhr: Katrin und Karola Löffler haben alle Hände voll zu tun. Ein langer Tisch muss her und vor die Garderobe gestellt werden. Hier soll das Büfett mit der Verpflegung für den ganzen Tag stehen. Die beiden sind nicht mehr wegzudenken, wenn es darum geht, die Mannschaften zu verköstigen. Der Blick anschließend aufs Büfett verheißt Sensationelles: Salate, Gemüse, Obst, Kuchen, belegte Brötchen und eine köstliche Nudelpfanne – das muss bis ungefähr 22 Uhr reichen. Es grenzt fast an ein kleines Wunder, was die beiden – ehrenamtlich versteht sich – in so kurzer Zeit auf die Beine stellen. Eine Logistik, die Mutter und Tochter schon zu Hause bei sich ausgetüftelt haben.

Verwandlungen

13.00 Uhr: Unterdessen geht es in der Kabine darum, blonde, blasse Norddeutsche in schwarzhaarige braungebrannte Lateintänzer- und Tänzerinnen zu verwandeln. Vor allem der zusammengerührte „Profitan“ lässt kein bisschen weiße Haut mehr zu. Gegenseitig sprühen sich die Damen die ziemlich eklig aussehende braune Flüssigkeit auf den gesamten Körper. Dann wird das Ganze mit einem Schwamm verteilt. Die Spuren dieser Bräunungsaktion sind anschließend in den makellos sauberen weißen Duschräumen nicht zu übersehen. Angeblich verschwinden diese auch wieder so schnell, wie sie gekommen sind. Wir werden sehen.

13.15 Uhr : Wer zunächst die Verspanntheit einer vierstündigen Busfahrt loswerden will, kann dies bei Heiner Wolken tun. Der Physiotherapeut ist immer dabei, und für die Wehwehchen der Tänzer zuständig. Hier in Düren schlägt er seine mobile Massagebank im Duschraum auf. Kurz nach dem Aufklappen gibt’s die ersten Anfragen. „So ein Bundesligatag ist anstrengender als bei einer WM, wo wir einen Tag vorher anreisen und ein Hotelzimmer haben“, stöhnt Ernst Rych. An diesem Abend hat der Physiotherapeut eine Menge zu tun. Doch Heiner Wolken legt nicht nur Hand an. Aus seinem Koffer verteilt er eine Kopfschmerztablette an die Trainerin, ein ätherisches Öl für die verschnupfte Tänzerin Katja – und einen witzigen Spruch gibt’s noch für alle obendrauf.

13.30 Uhr: 18 Tänzer und Tänzerinnen drängeln sich vor zwei Spiegeln. Alle mit Haargel, Kamm oder Makeup-Schwamm bewaffnet. Hektik allerdings ist Fehlanzeige. Denn einige drehen wieder ab und setzen sich mit kleinen Spiegeln in der Hand auf den kalten Fliesenboden und frisieren weiter. Jeder hilft jedem. Uta Albanese, Trainerin des B-Teams, übernimmt in vielen Fällen das Augen-Make-up, die routinierten Tänzerinnen versorgen für sich selbst. Schwarzes Haarspray mit einer Ladung Haarlack geben den Herren der Grün-Gold-Formation den entschiedenen Kick für den Latinolook. Bei den Damen geht es dann richtig rund. Erst muss Maß für den exakten Mittelscheitel genommen werden, bevor die Haare mit einer dicken Gelschicht stramm nach hinten gekämmt werden. Dann wird’s ernst: Wenn das Haar glatt am Kopf anliegt, wird schwarze Schuhcreme aufgetragen. Die hält am besten, ist am preiswertesten und lässt sich am besten wieder auswaschen. Die Marke spielt dabei keine Rolle.

14.45 Uhr: Stellprobe. So langsam wird es ernst auf dem Parkett. Erste Wettkampfanspannung ist zu spüren. Für 15 Minuten darf jede Lateinformation auf die unbekannte und ungewohnte Tanzfläche. Das Parkett kann getestet werden. Die Fläche in Düren ist extrem schmal. Es wird geprüft, wie und wo die Tänzer am besten bei den Diagonalen stehen. Mal ist es zu eng, mal zu weit auseinander. Trainer Roberto Albanese gibt oben von der Tribüne, wo er von einer Ecke zur anderen tigert, die nötigen Anweisungen. Die letzten Korrekturmöglichkeiten werden genutzt. Der Trainer ist im Großen und Ganzen zufrieden. Seine Aufmerksamkeit gilt vor allem einem Paar, das in der Vorrunde zum ersten Mal in dieser Saison aufs Parkett muss. Sie brauchen viel Zuspruch, die Nervosität ist dort besonders groß. Pünktlich nach 15 Minuten wird die Mannschaft vom Wettkampfleiter vom Parkett gescheucht. Betteln um weitere Minuten sind verpönt.

15.00 Uhr: Reparaturarbeiten: Weiter geht’s mit Bräunen, Schminken oder Restaurierungsarbeiten an den Fingernägeln. Auch dafür gibt es beim Grün-Gold-Club einen Ansprechpartner: Claudia Weber reist mit ihrem Koffer von Turnier zu Turnier mit und hat nageltechnisch alles im Griff. Fazit an diesem Abend: Lediglich drei abgebrochene Nägel müssen repariert werden.

16.00 Uhr: Ansonsten heißt es: Weiter warten bis zum ersten Auftritt. Die Zeit überbrücken. Mit lauter Rockmusik versuchen die Mannschaften sich in Stimmung zu bringen. Aufwärmübungen in den leeren Gängen der Halle sollen den Körper schon mal in die richtige Form bringen. Dehnübungen auf kalten Betonböden würde kein Fußballer akzeptieren, die Tänzern tun dies klaglos. Sie sind es nicht anders gewohnt. So langsam hält es kaum einen noch in der Kabine. Alle wollen endlich raus. Wollen endlich tanzen. Ein lateinamerikanisches Feuerwerk abbrennen.

Einmarsch der Gladiatoren

18.40 Uhr: Dann ist es soweit. Die Veranstaltung beginnt. Alle acht Formationen begeben sich zur ersten Vorstellung aufs Parkett und werden von 1500 Zuschauern begeistert empfangen. Die Begeisterung steckt an und lässt den Adrenalinspiegel bei den Formationstänzern in die Höhe schnellen.

18.50 Uhr: Wieder warten. Die Bremer starten als letztes der acht Teams. Die Kabinentür ist geschlossen. Roberto Albanese hat seine Mannschaft zusammengeholt. Die Videoaufnahme der Stellprobe wird auf dem mitgebrachten Fernseher gezeigt und konzentriert analysiert. Der Trainer ist ein Meister der Motivation. Er lobt, kritisiert, baut auf und gibt dem Team eine Menge Selbstbewusstsein mit auf den Weg. „Mit zwei Siegen im Rücken habt ihr genügend Selbstvertrauen, um noch präsenter aufzutreten. Leidenschaft will der Coach sehen. Das Publikum soll eingefangen und verzaubert werden. Konzentriert hören alle zu. Keine Blödelei, kein dummer Spruch ist in dem Moment zu hören. Alle wissen, worum es geht. Die Formation ist die beste, die es zurzeit gibt. Das wollen sie unter Beweis stellen. Alle Entbehrungen, die dieser glamourös aussehende, aber ungemein trainingsintensive Sport mit sich bringt, sind in dem Moment vergessen, wenn die Musik erklingt.

19.40 Uhr: Als letztes der acht Teams schreiten die Tänzer und Tänzerinnen der Grün-Gold-Formation auf die Fläche. Begleitet werden sie vom sympathischen Applaus der ungefähr 1500 Zuschauer. Der Trainer nimmt auf seinem Stuhl Platz, gibt das Zeichen – darauf haben sie seit heute morgen gewartet: Die italienisch-klassische Musik der neuen Choreographie „Siamo noi“ erklingt, und sechs Minuten lang bewegen sich acht Paare elegant, dynamisch, rasant und ungemein synchron auf dem Parkett. Eine überzeugende Vorstellung. Fürs erste zumindest. Schließlich wartet noch das Finale. Dort tanzen dann die besten fünf Formationen am Abend schließlich um den Sieg im dritten Saisonturnier.

20.20 Uhr: Erneut Besprechung: Der Trainer ist zufrieden. Für den ersten Durchgang war das eine souveräne Vorstellung. Kleine Fehler werden mittels Videoaufzeichnung aufgearbeitet. Wieder sitzen alle im Umkleideraum eng zusammen. Die meisten auf dem Boden. Für alle ist kein Platz auf den Bänken. Selbstkritisch versuchen sie, sich selbst auf eine noch bessere Endrunde einzustimmen. Der Trainer will vor allem eins im Finale noch besser sehen: „Mehr Leidenschaft“. Das macht Lateintanzen aus, und genau das ist die Stärke der Bremer.

Finale

21.15 Uhr: Die Lateinformation des Grün-Gold-Club muss als erste auf die Fläche. Manchem erscheint dies als Nachteil, in diesem Fall ist es egal. Schon beim Einmarsch sieht man an der Körpersprache: Hier sind wir (italienisch: Siamo noi) – wir sind die besten. Selbstbewusst und mit den vom Trainer geforderten Emotionen schöpfen sie ihr großes tänzerisches Potenzial perfekt aus. Der Lohn: Sieben Einsen, die beste Wertung, die man bekommen kann. Der Jubel ist grenzenlos. Sie haben es wieder geschafft. Zweimal sechs Minuten lang haben sie bewiesen, dass ihnen national zurzeit keine andere Lateinformation nahekommt. Sie haben den Lohn für ihr hartes Training erhalten. Eine kleine Glasschale bekommt der Trainer bei der Siegerehrung in die Hand gedrückt. Für die Aktiven gibt es Medaillen. Sonst nichts. Ein Scheck – Fehlanzeige. Doch das ist auch kein Thema bei den Teams. Sie sind Amateure. Der Sport, obwohl immens aufwändig, ist Hobby – neben Beruf oder Studium. Damit haben sie sich längst abgefunden. Jetzt wird erst einmal gefeiert.

22. 00 Uhr: Es darf abgeschminkt werden. Der Andrang unter den Duschen ist groß. Runter mit dem Bräunungsmittel, der Schuhcreme und den Haarteilen. Rein in bequeme Jeans und T-Shirts. Der Koffer ist schnell gepackt. Als alle aus der Kabine kommen, sehen sie wieder bremisch aus: Blond und ein bisschen blass. Nur der Inhalt des zurückbleibenden Müllbeutels verrät, dass hier mal Lateintänzer zu Gast waren.

23.00 Uhr: Auf der After-Showparty mit allen Teams wird noch weiter „abgerockt“. Müde scheint hier keiner zu sein. Die Tanzfläche ist prall voll, die Stimmung auf dem Höhepunkt. Für die Bremer Lateinformationen ist allerdings um 0.15 Uhr Schluss. Während Frank, der Busfahrer, seine Insassen sicher durch die Nacht kutschiert, geht die Party im Bus weiter. Einige machen tatsächlich bis zur Ankunft am ZOB um 5 Uhr morgens durch. Allen anderen fallen zuvor – erschöpft aber glücklich – doch die Augen zu.

5.00 Uhr: Zurück in Bremen nach mehr als 21 Stunden, der Sieg – ein hartes Stück Arbeit. In zwei Wochen geht’s wieder los.

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