Rehasport

Wo Covid-19 doppelten Schaden anrichtet

Corona zwingt Rehasportler nicht nur zur Trainingspause, sondern kann auch zu körperlichen Beschwerden führen. Wenigstens Orthopädie-Patienten sollten weiter trainieren dürfen, fordern Verantwortliche von Tura.
10.12.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Wo Covid-19 doppelten Schaden anrichtet
Von Jörg Niemeyer

Derzeit kann die Gesundheitsabteilung von Tura Bremen für ihre Mitglieder nicht viel tun. Die „Übungen für das Wohnzimmer“, mit denen der Klub aus Gröpelingen im Frühjahr zu Zeiten des ersten Lockdowns über das Internet Übungsanleitungen verschickte, sind zwar mehr als nichts, aber sie können das Training vor Ort nicht ersetzen. Die Folgen bekommt nicht nur der Verein zu spüren, der um Mitglieder bangt, sondern speziell im Fall der Rehabilitation auch jeder einzelne Sportler. „Ich habe Zweifel, ob ich allein auch richtig trainiere“, sagt Cornelia Kühne, die – inzwischen als Selbstzahlerin und nicht mehr auf Kosten der Krankenkasse – bei Tura seit ihrer Hüftoperation 2014 Dauergast in einer Rehasport-Gruppe von Roland Klein ist, die wegen Corona derzeit aber nicht zusammenkommen darf.

Cornelia Kühne sagt, dass sie wegen starker Rückenschmerzen gerade wieder ihren Orthopäden aufsuchen musste. Die 60-Jährige arbeitet im Homeoffice, sodass ihr die Bewegung auf dem Fahrrad zu ihrer Arbeitsstätte fehle – ebenso wie das wöchentliche Training bei Tura. Auch Hartmut Immisch aus derselben Reha-Gruppe hat wieder Probleme bekommen, bei ihm sind es die Bandscheiben. „Ich brauchte keine Tabletten mehr, musste nicht zum Orthopäden gehen und bin sogar um eine Operation herumgekommen“, sagt der 62-Jährige. Am 29. Oktober kam seine Gruppe letztmals in der Halle Lissaer Straße zusammen, dann war Schluss – und prompt stellten sich die Beschwerden wieder ein.

„Die Folgen des Lockdowns treffen die Falschen“, sagt Turas Pressesprecher Ekkehard Lentz und meint, dass die Bestimmungen noch einmal durchforstet werden sollten. Auch Lentz betont, dass die Gesundheit aller natürlich im Vordergrund stehe. Doch es solle schon unterschieden werden, wer unter welchen Bedingungen Sport machen könne. Bei 20 Personen in einer Dreifach-Turnhalle ist für genügend Abstand gesorgt. Besonders unglücklich ist die Lage bei den Rehasportlern, bei denen wegen der Folgen des Lockdowns gesundheitliche Probleme auftreten – bei denen der Schutz vor Corona also beispielsweise zu Schmerzen und möglicherweise vermeidbaren Arztbesuchen führt.

Mit mehr als 600 Mitgliedern ist die Gesundheitsabteilung Turas größte Sparte. Auch ihr Leiter, Roland Klein, wünscht sich, dass die Behörden ihre Auflagen differenzieren, weil sie manchmal eben die Falschen treffen. Dass der Rehasport für Herz-Kreislauf-Erkrankte derzeit ruhe, findet Klein okay. Dass aber auch die Orthopädiepatienten nicht vor Ort trainieren dürfen, bereitet ihm große Sorgen. „Diesen Menschen, von denen viele keine Vorerkrankungen haben und die auch nicht zu den Risikogruppen zählen, geht's total schlecht, sie brauchen Anleitung und Begleitung“, sagt Klein. Cornelia Kühne und Hartmut Immisch sind Beispiele dafür, dass der Lockdown nicht nur zu Einnahmeverlusten bei Vereinen führen kann, sondern auch zu unnötigen Ausgaben für die Gesundheit.

Das sogenannte T-Rena-Training, eine besondere Form des Rehasports, darf trotz des Lockdowns als Einzelangebot aufrecht erhalten bleiben. Roland Klein sagt, dass er etwa 35 Personen betreue – normalerweise in Kleingruppen, jetzt jeweils allein. Das führt dazu, dass der Übungsleiter nachmittags vier Stunden im Einsatz ist, um vier Menschen zu trainieren. Er macht das, damit sich ihre gesundheitliche Lage nicht verschlechtert. „Aber kostendeckend ist das für den Verein nicht“, sagt Klein.

„Die Sorgen bei unseren Mitgliedern werden größer“, sagt Ekkehard Lentz, „das merken wir in den Telefonaten, die wir mit ihnen führen.“ Den Mitgliedern fehle nicht nur ihr Sport und die Bewegung, sondern auch die sozialen Kontakte, die das Vereinsleben nun einmal mit sich bringt. „Da stehen ältere Menschen mit Tränen in den Augen vor mir – und ich kann nichts machen“, sagt Roland Klein.

Für Hartmut Immisch und Cornelia Kühne sind die sozialen Kontakte eher zweitrangig, sagen sie. Gleichwohl seien sie aber trotzdem wichtig. „Wir sind eine lustige Truppe, es macht Spaß“, sagt der 62-Jährige, für den der Rehasport „medizinisch notwendig ist“. „Mir fehlt die Gruppe“, sagt die 60-Jährige, „sie sorgt für zusätzliche Motivation und hilft sich untereinander, wenn es nötig ist.“ Für Cornelia Kühne wäre die Fortsetzung des Sportbetriebs gut, um die Rückenprobleme wieder in den Griff zu bekommen. Für erst vor Kurzem Operierte aber sei das Training erforderlich, um überhaupt wieder in die richtigen Bewegungen zu kommen. Dieser Personenkreis, so Kühnes Einschätzung, sei vom derzeitigen Lockdown noch stärker betroffen als sie selbst.

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