30 Prozent Verlust in fünf Jahren

Bremer Tischtennis-Verband auf der Suche nach Nachwuchs

Im Bremer Tischtennis-Verband ist die Anzahl von Nachwuchsteams dramatisch gesunken. Der neu gewählte Jugendausschuss möchte den Negativtrend mit einem Konzept und gezielter Arbeit möglichst bald umkehren.
23.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Bremer Tischtennis-Verband auf der Suche nach Nachwuchs
Von Jörg Niemeyer
Bremer Tischtennis-Verband auf der Suche nach Nachwuchs

Über viele Jahre herrschte reger ­Betrieb bei den ­sogenannten Mini-Meisterschaften. Der Jugendausschuss des Bremer Tischtennis-­Verbands hofft, ­vielleicht auch über diesen bundesweiten Wettbewerb künftig wieder mehr ­Mitglieder gewinnen zu können.

Ingo Moellers

Die Situation ist alarmierend: Der Fachverband Tischtennis Bremen (FTTB) hat in den vergangenen fünf Jahren rund 30 Prozent seiner Kinder und Jugendlichen verloren – und will diesen Trend nun mit Macht umkehren. „Unsere Hauptaufgabe ist erst einmal, mehr Kids in die Halle zu bekommen“, sagt Karsten Hansen. Der Mann vom SV Werder wurde am 13. Juni vom FTTB-Jugendverbandstag als Nachfolger von Dominik Janssen an die Spitze gewählt und am gleichen Tag auf der FTTB-Mitgliederversammlung als neuer FTTB-Vizepräsident Jugendsport bestätigt.

Ab sofort machen sich Hansen und seine sechs Vorstandskollegen aus dem Jugendausschuss an die Arbeit, um mit ihrem Konzept „Verbandsjugendarbeit 2025“ dem Abwärtstrend im Nachwuchsbereich entgegenzuwirken. Federführend hatten Karsten Hansen, Marian van Hove (BTV Friesen) und Sebastian Schulze (ATSV Sebaldsbrück) das Konzept erstellt.

Ihre Mitstreiter für die nächsten Jahre sind Maximilian Wojciechowski (ATSV Habenhausen), Christiane Detert (SV Werder), Joel Tietze (TSV Borgfeld) und Jessica Brahms (SC Vahr-Blockdiek). „Ich finde ihr Engagement super“, sagt FTTB-Präsident Tobias Genz, „ich bin gespannt, was sie in der Praxis umsetzen können.“ Genz ist froh, dass der Vorsitzende des Jugendausschusses ab sofort auch einen Sitz im FTTB-Präsidium hat, was bisher nicht der Fall war. „Das ist ganz wichtig, da kann er im Verband jetzt direkt an höchster Stelle mitreden.“

Lesen Sie auch

Jugend-Tischtennis in Bremen liegt mit seiner Mitgliederentwicklung im nationalen Trend. Bundesweit ging die Anzahl der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahre in den vergangenen fünf Jahren von etwa 150 000 auf etwa 130 000 Mädchen und Jungen zurück. Während an der Weser 2015 noch 62 Teams mit insgesamt mehr als 300 Mädchen und Jungen am Punktspielbetrieb teilgenommen hatten, ist die Anzahl bis zur Spielzeit 2019/20 auf 43 gesunken. Die Verantwortlichen befürchten aufgrund der Corona-Krise zur kommenden Saison einen weiteren Rückgang auf 37 oder 38 Teams und wollen, so schnell es geht, neuen Nachwuchs rekrutieren.

Mädchen-­Tischtennis findet im kleinsten Bundesland praktisch gar nicht statt. Lediglich 14 Spielerinnen waren in der Vorsaison aktiv. Sie liefen in Jungenmannschaften auf, weil es keinen eigenen Mädchen-Spielbetrieb mehr gibt. „Wir wollen den Tischtennissport gemeinsam wieder voranbringen“, sagt Karsten Hansen. Kurzfristig gehe es erst einmal um die Organisation der neuen Saison, deren Start und Gestaltung allerdings noch nicht absehbar ist. Möglichst bald möchte der FTTB auch in Grundschulen und Kindergärten gehen, um die Kinder für Tischtennis zu begeistern. Jessica Brahms ist als Kind selbst auf diesem Weg zum Tischtennis gekommen und wird sich schwerpunktmäßig um den Bereich Mini-Meisterschaften und die Kontakte zu Bildungseinrichtungen kümmern.

Lesen Sie auch

Marian van Hove, der den Bereich Leistungssport übernommen hat, weiß, wie wichtig der Faktor Zeit für die Nachwuchsarbeit ist. Er arbeitet seit Jahren als Trainer beim BTV Friesen. Während seiner Zeit im Bundesfreiwilligendienst, als sogenannter Bufdi oder BFDler, konnte er sich in diesem kleinen Verein im Bremer Viertel intensiv um die Jüngsten kümmern. Das Resultat: Mit etwa 40 Jugendlichen erlebte Friesen einen Boom. Inzwischen ist die Anzahl auf 25 gesunken.

„Wer einem Beruf nachgeht, kann diese Intensität im Trainingsbetrieb auf Dauer nicht halten“, sagt van Hove aus eigener Erfahrung. Ein Problem, dem kaum beizukommen ist. Die Nachwuchsförderung im Amateursport hängt grundsätzlich vom persönlichen Engagement der Übungsleiter und Funktionäre ab – und vom Geld, ohne das Maßnahmen kaum ergriffen werden können. Deshalb erwägt der Jugendausschuss unter anderem, einen Förderverein zu gründen, und er hofft dabei auf Unterstützung auch aus der Wirtschaft.

An Ideen mangelt es dem neuen Gremium also nicht. Das neue Konzept ist inhaltlich umfassend und sieht nicht nur Maßnahmen zur Gewinnung neuer Mitglieder vor, sondern auch Umstrukturierungen beispielsweise im Spielbetrieb, um für vorhandene Mitglieder interessanter zu werden. Nur wenige Jugendmannschaften im FTTB bedeuten nur wenige Spielklassen, genau sind es je zwei im Bereich Jungen U 18 und U 15.

Lesen Sie auch

Bremenliga und Stadtliga führen wegen wenig Konkurrenz und sehr unterschiedlicher Leistungsstärke zu Langeweile im Spielbetrieb und letztlich auch zur Abwanderung der besten Akteure. „Ein Spieler ist zu Hannover 96 gewechselt, weil er in Bremen keine vergleichbaren Gegner hat“, sagt Marian van Hove. Bezeichnend für das Problem: In der höchsten Jugend-Spielklasse, der Bremenliga, traten zuletzt nur vier Teams an – gleich zwei vom SV Werder und je eins vom ATSV Sebaldsbrück und vom BTV Friesen. Kein Wunder daher, dass es im FTTB auch Gedanken über eine Annäherung an Niedersachsen gibt. „Wenn du höher spielen kannst, ist das auf jeden Fall von Vorteil“, sagt Karsten Hansen.

Schon wegen der fehlenden Masse an Spielerinnen und Spielern dürften perspektivisch einige Veränderungen im Bremer Jugend-­Tischtennis anstehen. Bremen verfüge derzeit über 34 aktive Tischtennis-Vereine, sagt Verbandspräsident Tobias Genz, Bremerhaven über acht. Nur etwa die Hälfte dieser Klubs habe auch Jugendliche, von denen noch nicht einmal alle in Mannschaften spielten – weil es von der Anzahl nicht reicht, ein Team zu bilden. So steht der neue Jugendausschuss des FTTB vor einer großen und schwierigen Aufgabe. Aber er hat immerhin den Mut, Ideen und Elan, sich der Aufgabe zu stellen.

Info

Zur Sache

FTTB-Präsident Genz wiedergewählt

Im Gegensatz zum Jugendbereich, der zwischen 2015 und 2020 etwa 30 Prozent seiner aktiven Mitglieder verlor, ist die personelle Situation im Bremer Tischtennis-Verband (FTTB) bei den Erwachsenen nicht so dramatisch. „Der Rückgang lag im gleichen Zeitraum im einstelligen Prozentbereich“, sagt Verbandspräsident Tobias Genz. Er wurde Mitte Juni beim Verbandstag für zwei weitere Jahre im Amt bestätigt. Wieder­gewählt wurden auch die Vizepräsidenten Patrick Jahic (Organisation/Verwaltung) und Werner Meyer (Finanzen). Neue Vizepräsidenten sind Helge Röcker (Sport) und Karsten Hansen (Jugendsport), dessen Position durch Erweiterung des Gesamtpräsidiums jetzt geschaffen worden ist.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+