Schach-Bundesliga

Ein besonderes Erlebnis mit Werder: Kaffeeduft in abgestandener Luft

Es ist ein Tag der Premieren und Debüts: Werders Trainer Jonathan Carlstedt feiert mit dem 4,5:3,5 über die SG Solingen einen gelungenen Saisonstart und glänzt als Organisator und Kommentator im Internet.
23.11.2019, 21:35
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Ein besonderes Erlebnis mit Werder: Kaffeeduft in abgestandener Luft
Von Jörg Niemeyer
Ein besonderes Erlebnis mit Werder: Kaffeeduft in abgestandener Luft

Auch das sind Aufgaben für Werders Klubverantwortliche: Trainer Jonathan Carlstedt (rechts) und Manager Olaf Steffens kommentieren live die Partien ihrer Spieler.

Fotos: Frank Koch

Was ist denn das: Der Trainer des SV Werder sitzt hier unten im Konferenzraum des Bremer Kaffeequartiers in der Überseestadt vor dem Mikrofon seines Laptops und kommentiert die Partien, die seine Schützlinge eine Etage höher gerade gegen ihre Gegner von der SG Solingen spielen? Jawohl, so ist es. Ist eben Schach. Schach-Bundesliga sogar. Oben sitzen oder stehen zwar auch Zuschauer in der Nähe der Bretter, aber Reden ist eigentlich verboten. Zumindest lautes. Flüstern geht vielleicht noch, stört den Betrieb jedoch auch schon und nicht unerheblich.

Gut eine Stunde zuvor an diesem Sonnabend: Es ist kurz vor 14 Uhr, wenige Minuten vor dem Auftakt der Bundesliga-Saison 2019/20. Weil Werders Fußballer gegen Schalke auflaufen, ist das Weserstadion für die Schachspieler tabu. Sie weichen heute aus, haben Obdach gefunden in den Räumlichkeiten des Bremer Kaffeequartiers in der Lloydstraße. Hier in der Kantine in der ersten Etage, wo sich sonst die Büroschaffenden stärken, fiebern heute insgesamt 64 Schachspieler ihrem ersten Auftritt entgegen. Links von den weißen Stützen im Saal, auf kleinerer Fläche, messen sich vier Zweitligisten, rechts von den Stützen vier Erstligisten. Alle Teams besetzt mit jeweils acht Akteuren. Werder trifft auf Solingen, einen Meter daneben Aufsteiger Lingen auf Mülheim-Nord. Mülheim-Nord ist Werders Gegner an diesem Sonntag ab 10 Uhr.

Schach Bundesliga - SV Werder Bremen vs. SG Solingen -

Volles Haus im Bremer Kaffeequartier: Insgesamt acht Mannschaften kämpften an 64 Brettern um den Sieg.

Foto: Frank Thomas Koch

Um kurz vor zwei herrscht von der Lautstärke her noch normales Leben in der Kantine. Die Luft ist nach dem vorangegangenen Kinderturnier zwar nicht die allerbeste, hat aber im Vergleich zu später fast schon Luftkurort-Qualität. Werders Abteilungsleiter Oliver Höpfner und Bundesliga-Manager Olaf Steffens begrüßen die Gäste, stellen den eigenen, neuen Trainer Jonathan Carlstedt vor und überreichen Werders neuen Spielern kleine Willkommensgeschenke.

Um kurz nach zwei, mit leichter Verspätung, geht's los. „Die Runden sind freigegeben“, heißt es. Während es bei vielen Sportarten mit dem Start laut wird, kehrt beim Schach Ruhe ein. Schluss mit Gemurmel und Gelächter. Konzentration an den Brettern, wo die ersten Figuren verschoben werden. Es dauert keine zwei Minuten, da verlässt Werders Luke Mc Shane schon seinen Tisch. Das darf man im Schach, und das wird manchmal auch gemacht, um dem Gegner zu zeigen: Ich habe hier alles im Griff. Darum geht es bei Mc Shane aber nicht. Sein Kugelschreiber hat den Geist aufgegeben. Der Werderaner hat sich einen neuen geholt, um die Züge an seinem Brett, das ist Brett zwei, zu notieren.

Schach Bundesliga - SV Werder Bremen vs. SG Solingen -

Die Uhr läuft mit: Schach ist ein Denksport, aber die Bedenkzeit ist endlich.

Foto: Frank Thomas Koch

Nach und nach erheben sich andere Spieler. Die Uhr neben dem Brett, die die zur Verfügung stehende Bedenkzeit eines Spielers angibt, läuft weiter, während er einfach nur so durch den Raum geht oder zum Getränkestand oder zur Toilette. „Manche sortieren so nur ihre Gedanken neu“, sagt Jonathan Carlstedt, der als Trainer während des Spiels weitgehend überflüssig ist. Coachen darf er laut Reglement nicht, höchstens einem Spieler signalisieren, dass dieser Remis anbieten kann oder auf Sieg spielen muss. Kurios: Jonathan Carlstedt, der 29-jährige Trainerdebütant, lernt erst am ersten Spieltag seine Mannschaft kennen. Das ist im Schach kein Problem. Anders als in den meisten Sportarten, kann ein Schachtrainer seinen Schützling nicht speziell einstellen. Er braucht es auch nicht. „Die Spieler kennen sich ganz genau“, sagt Carlstedt, der in Bremen seine erste Festanstellung als Coach angetreten hat. Noch pendelt der junge Vater zwischen Hamburg und Bremen, weil die Familie mit dem sechsmonatigen Sohn bislang keine Wohnung gefunden hat.

Weil es weder gemeinsames Training noch gemeinsames Warmmachen beim Schach gibt, macht es nichts, dass die Mannschaft ganz kurzfristig zusammenkommt. Zwei Stunden vor Spielbeginn, heute also um 12 Uhr, teilen die Klubs verbindlich mit, wer an welchem Brett sitzt. Acht Duelle, auf die ein Trainer in der Kürze der Zeit unmöglich einzeln eingehen könnte. Also machen es die Akteure selbst. Um 12 Uhr ist an diesem Sonnabend also der Moment gekommen, an dem alle Spieler zu ihren wichtigsten Helfern greifen: Laptop und Datenbank. Sie geben Auskunft über Spielweise und Stärke des jeweiligen Gegners. „Wir Verantwortliche müssen das Umfeld bereiten“, sagt Carlstedt, „als Trainer werde ich nicht gebraucht.“

So hat der 29-Jährige Zeit, im Konferenzraum die Partien ins Internet zu übertragen und zu kommentieren – übrigens auch eine Premiere bei Werder. „Die Züge werden aber mit 15 Minuten Verzögerung angezeigt“, sagt er. Damit Schummeleien ausgeschlossen sind. Oben in der Kantine sind die Bretter verkabelt, sodass unten Trainer-Kommentator Carlstedt die Partien aufrufen kann. Routiniert wie ein Reporter, spricht er zu unsichtbaren Zuschauern im Netz und Gästen im Raum.

Schach Bundesliga - SV Werder Bremen vs. SG Solingen - Sachar Jefymenko

Mann des Tages auf Seiten des SV Werder: Nach sieben Unentschieden seiner Mannschaftskameraden gewann Zahar Efimenko gegen die SG Solingen als Einziger seine Partie. Er sicherte damit Werders Gesamtsieg.

Foto: Frank Koch

Derweil herrscht oben inzwischen ziemlich dicke Luft. Es ist viertel vor vier, es duftet nach Kaffee, aber nicht wirklich frisch. Den Spielern sind die bisherigen Anstrengungen anzumerken. Brett fünf mit Werders Romain Edouard und Borki Predojevic ist als erstes fertig. Remis. Sechs weitere Unentschieden folgen, dann macht Zahar Efimenko um kurz vor 19 Uhr an Brett vier mit dem einzigen Sieg des Tages Werders 4,5:3,5-Gesamterfolg perfekt. "Wir haben früh realisiert", dass Zahar wohl die besten Chancen auf einen Sieg hat", resümiert Jonathan Carlstedt, der bei dieser Entscheidung auch mal als Trainer gefragt war. Und weiter: "Es sind zwei wichtige Punkte gegen einen Mitkonkurrenten um die Europapokalplätze." Werder hat seine Chance gegen einen Gegner mit Aufstellungssorgen genutzt. Und der Trainer freut sich über seinen gelungenen Einstand.

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