Klischees, Risiken und Olympia-Skepsis

Zwischen Freiheit und Tod: Bremer gibt Einblicke in die Surfer-Szene

Der Bremer Chris Landrock surfte 2018 bei der WM in China mit den Großen des Sports. Auf Olympia blickt er kritisch und erklärt, warum Wellenreiten anders ist, als sein Ruf.
04.07.2020, 19:29
Lesedauer: 5 Min
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Von Simon Wilke
Zwischen Freiheit und Tod: Bremer gibt Einblicke in die Surfer-Szene

Ein Mann, ein Brett, eine Welle: Der Bremer Chris Landrock, Surfer und Surflehrer.

Gino Ula

Chris Landrock ist wohl das, was man unter einem typischen Surfer versteht. Schlabberpulli, blonde lange Haare und sonnengebräunte Haut. Vorurteile, klar. Der Bremer kennt das: „Entspannte Typen, die in der Sonne rumliegen und hübsche Frauen um sich scharen.“ Viel damit anfangen kann er nicht. Das gilt nicht für ihn, nicht für die eingefleischte Surf-Szene, sondern höchstens für Anfänger, sagt er. „Ich habe schon Leute gesehen, die jemandem die Zähne ausgeschlagen haben, weil der ihnen in ihrem Revier vor die Nase gefahren ist“, erzählt Landrock. Entspannt klingt das nicht.

Ihr Revier, das sind die Strände ihrer Heimatorte, die die meist männlichen Wellenreiter für sich beanspruchen. Und wo man nicht einfach so ins Wasser gehen sollte, wenn man keine Probleme mit surfendem Testosteron bekommen möchte. Selbst bei den Profis ist schnell Schluss mit entspannter Stimmung. Das merke, wer mal an einem Surf-Wettkampf teilnimmt. „Während des Heats gibt es keine Freunde“, sagt Landrock.

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Ein Heat, das ist eine Wettbewerbs-Runde. Dann sind mehrere Athleten gleichzeitig im Wasser und warten auf die ideale Welle. Ob man sie aber bekommt, entscheidet eine Mischung aus Talent und Regelwerk. Denn grundsätzlich darf jeder Surfer jede Welle anpaddeln, also auf dem Brett liegend versuchen, das Tempo aufzunehmen, das nötig ist, um von der Welle getragen zu werden. Aber: Während des Heats gibt es eine festgelegte Reihenfolge unter den Surfern, sogenannte Prioritäten.

Paddeln dann mehrere dieselbe Welle an, muss derjenige mit der niedrigeren Priorität Platz machen. Die Übersicht zu behalten – gar nicht so leicht im offenen Meer. Kommen sich die Kontrahenten trotzdem in die Quere, hat der Rangniedrigere Pech: Zur Strafe wird sein zweitbester Durchlauf nicht gewertet. Das komme oft vor, sagt Landrock, und: „Wenn das passiert, kannst du den Durchgang eigentlich nicht mehr gewinnen.“

Fördergelder könnten kommen

Landrock war Außenseiter, als er Anfang 2018 bei der WM in China surfte. Zwischen den ganz Großen des Wellenreitens landete er auf Platz 31 von insgesamt 40 Teilnehmern. Die Kosten für die Reise mussten außerdem privat aufgebracht werden, weil es damals keine Fördergelder für Sportler wie ihn gab. „Vielleicht kommt das ja jetzt“, sagt Landrock mit Blick auf die olympischen Sommerspiele, die eigentlich in diesem Juli im japanischen Tokio stattfinden sollten und wegen Corona um ein Jahr verschoben wurden.

Dass sein Sport überhaupt ein olympischer Wettkampf werden soll, kann Landrock nicht nachvollziehen. „Grundsätzlich verstehe ich das nicht“, sagt er. Surfen ist für Landrock ein Natursport. Wenn er auf dem Brett steht, fühlt er sich frei. Wettkämpfe nutzt er vor allem dazu, um herum zu reisen. „Es gibt ganz viele tolle Surfer, die nichts mit Wettkämpfen zu tun haben wollen“, sagt er. Und dann ist da noch die Sache mit den Wellen. In Japan wären die Wettkampf-Bedingungen kaum vorhersehbar. „Für gute Wellen muss man auf einen Taifun-Swell hoffen.“

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Das ist ein starker Wind, der auf dem offenen Ozean Wellen erzeugt, die dann an die Küste wandern. Doch wann ist eine Welle gut? Landrock sagt: „Wenn ihre Form nicht vom Wind beeinflusst ist. Deshalb darf der Wind an Land nur schwach sein, sonst wird die Brechung beeinflusst.“ Heißt das, dass Surfen bei schlechtem Wind unmöglich ist? Nicht ganz. Wer richtig gut ist, sagt Landrock, kann die Bedingungen entsprechend lesen und auch bei widrigen Verhältnissen sein Können abrufen.

Riesenwellen, wie man sie auf zahlreichen Videos im Internet sehen kann, gibt es nur an den wenigsten Stränden. Überhaupt hat das prominente Big-Wave-Surfing nicht viel mit dem Wellenreiten zu tun, das mittlerweile vermehrt auch im TV übertragen wird. Während Riesenwellen mit langen Brettern befahren werden, wird bei vielen Wettbewerben auf den höchstens sieben Fuß, also circa 2,1 Meter langen Shortboards gesurft. Eine Disziplin, die Landrock weniger liegt. Mit den Profis könne er aber ohnehin nicht mithalten, sagt er. „Die gehen zweimal am Tag surfen, machen Dehneinheiten und Videoanalyse. Und außerdem bin ich zu alt“, sagt der 37-Jährige.

„Als Nicht-Surfer ertrinkst du“

Surfen erfordert Fitness. Eine Mischung aus Gleichgewicht, Ausdauer, Kraft und Erfahrung macht einen guten Wellenreiter aus. Und trotzdem verlieren immer wieder auch die Geübtesten unter ihnen ihr Leben in den Wellen. Wer vom Brett gespült wird, muss Ruhe bewahren – je größer die Welle, desto mehr – und braucht auch ein wenig Glück. Die Riesenwellen vor Hawaii würde selbst Landrock sich nicht zutrauen. Dafür sei sein Lungenvolumen zu gering, sagt er. „Wird man überspült, muss man hoffen, dass einen das eigene Brett nicht trifft und möglichst ruhig sein, bis die Turbulenzen aufhören. Dann spüren oder gucken, wo Licht ist oder wo die Blasen aufsteigen.“ Wer Riesenwellen surfe, könne bis zu fünf Minuten lang den Atem anhalten. „Als Nicht-Surfer ertrinkst du“, sagt er.

Landrock hatte schon einige Unfälle. Wenn man auf Unterwasser-Riffs gespült wird, bleibt das nicht aus. Seine letzte Verletzung verdankte er allerdings seinem Surfbrett. Die Finne, eine Art Stabilisator unter dem Brett, hatte ihm seinen Knöchel aufgeschnitten. Wenn Landrock nicht surfen kann, kümmert er sich um sein Herzensprojekt. Der ausgebildete Mathe- und Sportlehrer, der ausschließlich Surfunterricht gibt, stellt dann seine Kunst aus. Sie entsteht zwischen Treibholz und kaputten Surfbrettern, Delfinknochen und Schädeln von Meerestieren im Keller seines Hauses.

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Zusammen mit Plastikmüll von Stränden verarbeitet es Landrock zu Kunstwerken, die auf die Meeresverschmutzung aufmerksam machen sollen. Zuletzt hatte er eine Ausstellung vor Schulklassen in Tübingen. Schließt sich da der Kreis zum Lehrerberuf? „Vielleicht kommen irgendwann die Beamtenhandschellen“, sagt er. „Aber eigentlich bin ich ja schon ein Lehrer – Surflehrer.“ Und das soll noch möglichst lange so bleiben.

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Zur Sache

Olympia am Kujukuri Beach

Lange war unklar, wie der Surfwettbewerb bei den auf 2021 verschobenen Olympischen Spielen in Japan aussehen könnte. Einen Strand, an dem das ganze Jahr über mit konstanten Wellen zu rechnen ist, gibt es dort nicht. Daher stand auch ein Wavepool, eine in einem Becken künstlich erzeugte Welle, zur Debatte. Jetzt soll der Wettbewerb am Kujukuri Beach, etwa 75 Kilometer entfernt von Tokio, stattfinden.

Um diesen bei möglichst guten Bedingungen durchführen zu können, gibt es keinen festen Austragungstermin, sondern die sogenannte Waiting Period: ein Zeitraum von 16 Tagen, in denen die 40 Surferinnen und Surfer auf Abruf bereit stehen. Ob es soweit ist, erfahren die Starter in der Regel am Morgen des jeweiligen Tages. Pro Runde werden vier bis fünf Athleten gleichzeitig im Wasser sein. Sie müssen innerhalb von 20 bis 25 Minuten zwei möglichst gute Wellen surfen. Gewertet werden neben dem Schwierigkeitsgrad der gezeigten Tricks Geschwindigkeit, Kraft und Stil.

Es geht darum, die Welle möglichst radikal ohne zu stürzen abzureiten, um bis zu zehn Punkte pro Jurymitglied zu bekommen. Die beiden bestbewerteten Wellen werden gezählt. Noch steht nicht fest, ob deutsche Wellenreiter an den Spielen teilnehmen werden. Als aussichtsreichster deutscher Kandidat gilt Leon Glatzer. Da sich Surf-Nationen wie Brasilien und die USA voraussichtlich schnell mit den zulässigen zwei Startern qualifiziert haben werden, könnte es ausreichen, bei einem der noch nicht terminierten Wettkämpfe einen nachfolgenden Rang zu belegen.

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