Jahresabschluss für Lennard Kämna

Ein Kandidat für Olympia

Der Bremer Lennard Kämna fährt in China das letzte Rennen des Jahres, die Planungen für 2020 sind schon in vollem Gange. Die Frage ist: Fährt er bei Olympia oder die Tour de France - oder sogar beide Rennen?
18.10.2019, 06:10
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Ein Kandidat für Olympia
Von Mathias Sonnenberg
Ein Kandidat für Olympia

Lennard Kämna holte sich im Endklassement der diesjährigen Tour de France den 40. Platz.

Frank Thomas Koch

Die Platzierung ist nur noch zweitrangig. 135 Kilometer lang war die erste Etappe der Gree-Tour of Guangxi in China, Lennard Kämna radelte auf Rang 111 ins Ziel. Noch bis Dienstag muss der Bremer in Asien die insgesamt sechs Etappen für sein Team Sunweb bewältigen, dann kommt er seinem eigentlichen Ziel ein großes Stück näher: Urlaub, freie Zeit und endlich die Chance, mal in Ruhe zu realisieren, was für ein Radsportjahr hinter ihm liegt. Die Experten haben ihr Urteil längst gefällt, und es ist ein gutes: Kämna hat endlich den internationalen Durchbruch geschafft mit dem 40. Platz in der Gesamtwertung der Tour de France. Und viele prophezeien ihm ein goldenes Jahr 2020. Und mit der Tour de France und den Olympischen Spielen in Tokio stehen zwei große Events an.

Die Voraussetzungen jedenfalls könnten schlechter sein. Nach drei Jahren bei Sunweb hat er vom 1. Januar an einen neuen Arbeitgeber, Kämna fährt künftig für Bora Hansgrohe. Dort wird er Team-Kollege von Emanuel Buchmann, der bei der Tour 2019 auf einem sensationellen vierten Platz landete. Angedacht ist, dass Kämna im kommenden Jahr helfen soll, Buchmann wieder in eine gute Position zu fahren. Großen Druck will sein neuer Rennstall jedenfalls nicht aufbauen. Bora-Manager Ralph Denk sagt: „Wohin die Reise mit Lennard geht, werden wir die nächsten Jahre sehen. Er wird seine Chancen bekommen, wir werden sicher nichts überstürzen.“

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Kämna gefällt das. 2019 ist das Jahr, in dem er sein sportliches und privates Leben neu geordnet hat. Sportlich, weil er nach Sunweb eine neue Herausforderung in einem neuen Rennstall gesucht und gefunden hat. Und auch privat, weil er seinen Lebensmittelpunkt wieder in die Heimat verlegt hat. Kämna ist in Fischerhude aufgewachsen, aber er wechselte schon mit 13 Jahren nach Cottbus in ein Sportinternat. Das führte zwangsläufig auch zu einer familiären Entwurzelung. „Ich habe eine Zeit lang in Köln gelebt, das war einfach nur schrecklich“, hat er vor einigen Monaten mal über seine Vergangenheit gesagt. Jetzt wohnt er mit seiner Freundin im Zentrum Bremens, trainiert mit Bruder John im Blockland, wenn er nicht für seinen Rennstall fährt oder Termine absolviert. Kämna hat erkannt, dass er eine gute Basis braucht, um auch als Persönlichkeit weiter zu reifen.

Ob sein Aufstieg 2020 weiter an Fahrt aufnimmt, ist von vielen Faktoren und auch Zufälligkeiten wie Krankheiten abhängig. In den vergangenen Wochen hatte Kämna oft mit grippalen Infekten zu tun, ganz so, als müsse sein Körper dem Jahr und der anstrengenden Tour de France jetzt Tribut zollen. Dabei hat er sich nicht geschont, fuhr Tagesrennen in London und Hamburg, nahm an der Deutschland-Tour teil (Platz 58 im Gesamtklassement), war zuletzt bei zwei Rennen in Kanada am Start und auch in Münster.

Bei Bora Hansgrohe schaut man jedenfalls genau hin, was Kämna leistet. Denn es gilt schon jetzt, das kommende Jahr zu planen. Am 5. Dezember wird in Bayern das neue Team präsentiert, danach in einem Camp in Tirol der Rennplan für 2020 erstellt. Das wird nicht leicht, sagt Ralph Scherzer, bei Bora Hansgrohe für die Kommunikation verantwortlich. „Olympia erschwert die Planungen.“

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Was er meint: Nur sechs Tage nach der Schlussetappe bei der Tour am 19. Juli findet in Tokio das olympische Straßenrennen statt. 234 Kilometer lang, dabei sind 4865 Höhenmeter zu absolvieren. Scherzer sagt: „Wir müssen mit unseren Fahrern klären, welche Priorität sie 2020 haben. Tour de France oder Olympia? Beides ist nicht ausgeschlossen, aber sehr, sehr schwer umsetzbar.“ Man müsse den Transfer von Paris nach Tokio berücksichtigen, den Zeitunterschied, das unterschiedliche Klima. „Und es gibt vor Ort so gut wie keine Trainingsmöglichkeiten, weil Tokio eben groß und voll ist.“

Bora Hansgrohe will deshalb mit seinen Fahrern genau besprechen, wie groß eine Siegchance bei Olympia ist, wenn der Körper bereits drei Wochen Tour de France hinter sich hat. „Das müssen wir ganz realistisch abwägen“, sagt Scherzer. „Wer keine Medaillenchance hat, wird eher nicht in Tokio fahren.“

Beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR), der die deutschen Fahrer für Olympia nominiert, zeigt man sich noch entspannt. „Wir machen uns erste Gedanken über das Streckenprofil in Tokio, das offenbar den Kletterern entgegenkommt. Deshalb ist Lennard Kämna ganz sicher auch ein Kandidat“, sagt Christina Kapp, Sprecherin des BDR. Er stehe derzeit im erweiterten Kreis, aber ob Kämna dann auch wirklich bei Olympia 2020 antrete, sei ungewiss. Kapp sagt aber auch: „Wenn er wie 2019 mit so guter Form aus der Tour de France kommt, dann bin ich schon der Meinung, dass ein Lennard Kämna auch bei den Olympischen Spielen fahren kann.“

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Im Gegensatz zu Bora-Sprecher Scherzer ist Kapp eben der Ansicht, dass es durchaus möglich sei, erst die Tour und dann das Straßenrennen bei den Olympischen Spielen zu fahren. „Es gibt ja Athleten, die jetzt schon sagen, dass das machbar ist. Ich denke das auch, immer vorausgesetzt, man kommt mit der entsprechenden Fitness aus der Tour.“ Ärger könnte es geben, wenn das Radsport-Team bei der Olympia-Nominierung anderer Ansicht ist als der BDR. „Da gibt es natürlich Konfliktpotenzial“, sagt Scherzer, denn schließlich würden die Radställe auch die Fahrer bezahlen. „Aber wir sind da eigentlich in einem guten Austausch mit dem BDR.“

Info

Zur Sache

Tour-Strecke liegt Kämna

Wie in diesem Jahr wird auch die Tour de France 2020 wieder eine Angelegenheit für Kletterer wie Emanuel Buchmann, der dann Lennard Kämna als Kollegen im Team Bora Hansgrohe haben wird. Aber auch für Kämna ist die Tour-Strecke gut, schon 2019 überzeugte er bei den Berg-Etappen. Unvergessen sein vierter Platz in den Alpen auf der Etappe von Embrun nach Valloir. Insgesamt stehen vier schwere Bergankünfte auf dem Etappenplan der 107. Frankreich-Rundfahrt.

Gestartet wird die Tour am 27. Juni in der Küstenstadt Nizza im Südosten Frankreichs und endet nach 3470 Kilometern am 19. Juli auf der Pariser Prachtmeile Champs-Élysées. Nur sechs Tage später steigt dann das Straßenrennen in Tokio bei den Olympischen Spielen. Eine echte Strapaze für die Fahrer, die 9700 Kilometer weit fliegen, einen Zeitunterschied von sieben Stunden überwinden und sich auf deutlich höhere Temperaturen einstellen müssen.

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