100. Geburtstag

Mensch, Wilma!

Bewundernswert und hoch dekoriert: Die ewig engagierte und immer noch rüstige Wilma Meier wird an diesem Sonntag 100 Jahre alt. Zu recht trägt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande
13.09.2020, 05:43
Lesedauer: 4 Min
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Mensch, Wilma!
Von Olaf Dorow
Mensch, Wilma!

So betagt, so fit: Die 100-jährige Wilma Meier, die ihr Leben zu einem Großteil dem Sport gewidmet hat und unzählige Funktionen ausfüllte.

Christina Kuhaupt

Knapp zwei Jahre ist es jetzt her. Sie stand, so erzählt es Wilma Meier, an einer Straßenkreuzung in der Neustadt und wurde Zeugin eines Verkehrsunfalls. Aufregung, Tatütata, Zeugenbefragung. Ein Polizist bat sie um ihren Ausweis. Er: Kann ja wohl nicht angehen! Sie: Wieso, was? Er: Sie haben mir wohl den falschen Ausweis gezeigt. Sie: Hä? Er: Na, hier steht, geboren am 13. September 1920. Kann ja wohl nicht angehen.

Man mag Wilma Meier so dies und das ansehen. Dass sie an diesem Sonntag 100 Jahre alt wird, gehört eher nicht dazu. Wer in diesem Alter sich noch selbst versorgt, inklusive einer kleinen Wohnung mit Garten, wer da noch prima hört, sich an alles erinnert, sich regelmäßig an einen modernen Laptop setzt und zweimal die Woche ausgeht, zum Kartenspiel beziehungsweise zum Seniorentreff, der erfüllt nicht eben die Vorstellung, die man gemeinhin von einem steinalten Menschen hat. Wer Beweise sucht, dass das geht – alt werden, aber nicht älter werden – der würde hier in der Neustadt, wo Wilma Meier seit einem Jahrhundert lebt, fündig werden. Ein besonderes Geheimnis: Gibt's eigentlich nicht, sagt sie. Besonders asketisch habe sie jedenfalls nicht gelebt. Alkohol? Ja, war auch dabei. Ganz normal.

Die Gene, natürlich. Da wird man fündig. Schon die Großmutter sei 94 geworden. Bei Wilma Meier gehört aber unbedingt der Satz dazu, dass der Sport sie jung und fit gehalten hat. Ihr Leben hat aus viel Sport bestanden, aus sehr viel. Sie hat als Kind damit angefangen, ihn zu betreiben, und später hat sie sich in Vereinen, Verbänden, Institutionen so engagiert, dass sie 1996 das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt. Sie war Sportlehrerin, Lehrwartin, Geschäftsführerin oder stellvertretende Vorsitzende im Turnverband. Übungsleiterin, Abteilungsleiterin, Mitbegründerin und Leiterin des Bundesstützpunkts Rhythmische Sportgymnastik (RSG). Trainerin, Landesfachwartin, Landesfachpressewartin. Die Aufzählung ist sehr unvollständig, ihr sportlicher Werdegang, nur stichpunktartig notiert, passt nicht auf eine DIN-A4-Seite. Sie musste immer was machen, quasi übergangslos. Als sie Ende der 1980er-Jahre das durchaus zeitfressende Ehrenamt als RSG-Landesfachwartin aufgab, wurde sie umgehend die Leiterin des Stützpunkts. Knapp 70 war sie da. „Mein Mann ist aus allen Wolken gefallen“, sagt sie. Du gibst einen Posten endlich auf und fängst gleich den nächsten an, habe er gezürnt.

Wilma Meier erzählt das ganz zackig, trocken. Klassischer trockener norddeutscher Humor. Sie ist eine, von der man denkt: Die weiß, was sie will. Oder: Die hat sich nicht so schnell die Butter vom Brot nehmen lassen. Sabine Brandt, aktuell Geschäftsführerin bei der BTS Neustadt, sagt: „Wilma hat schon damals gesagt, wo es lang geht.“ Damals, als im Sport noch vorwiegend die Männer die Posten besetzten. „Die mussten schon klappen, meine Ansagen“, sagt Wilma Meier. So gelenkig, wie sie war, so sehr sie sich verbiegen konnte, so klar sei ihre Haltung gewesen: nicht verbiegen lassen. Dagegenhalten, wenn es angezeigt schien.

Ein Leben für den Sport, ein Sport-Leben, das ihr Selbstbewusstsein verliehen hat. Und in dem sie alles genauso machen würde, wenn sie es noch mal leben könnte. So ist das bei dieser bewundernswerten wie hochdekorierten Frau, deren Söhne knapp 80 und 77 sind und deren ältestes Enkelkind auch nicht mehr so viele Jahre bis zur Rente hat. Angefangen habe alles, erzählt sie, bei Herrn Albert Hübner. Der sei Mitte der 1920er-Jahre der Turnlehrer bei der Bremer Turn- und Sport-Gemeinde gewesen, einer Art Vorläufer der BTS Neustadt. Die Halle stand da, wo heute das „Modernes“ steht. Herr Hübner habe auf einem Podest gestanden und seine Ansagen gemacht, die fünfjährige Wilhelmine Bülow sei sehr schüchtern den Anweisungen gefolgt. Du musst nach vorne, in die Musterriege, habe Herr Hübner gesagt. Es war einer der frühen Kernsätze auf dem Weg zu einer selbstbewussten Person. Mit sieben ging sie zur Ballettausbildung am Bremer Staatstheater.

Mit 25 hatte sie zwei Söhne – und den Krieg überstanden. Die Söhne stammen von zwei Männern. Der erste kam 1941 an der Ostfront um, der zweite überlebte den Horror. Wilma Meier, wie sie seit 1943 hieß, war im letzten Kriegsjahr mit den Kindern in den Harz gezogen, zu den Großeltern. An Sport war da nicht zu denken. Es blieb die einzige Zeit ohne Sport. Und blieb auch die einzige Zeit ohne Bremer Neustadt, abzüglich der Wintermonate zwischen 1997 und 2007, die sie in Andalusien verbrachte. Einer der Söhne lebt seit längerem in Spanien. Nach dem Krieg arbeitete sie zunächst als Sekretärin im Laboratorium der AG Weser, später fand nach dem Ehren- auch das Hauptamt in Turnhallen statt. Sie wurde Sportlehrerin.

Als 1999 ihr zweiter Mann starb, „musste ich mein Leben allein in die Hand nehmen.“ Sie war gut darin, sie bewahrte auch jenseits der 80 körperliche wie geistige Fitness. Wer rastet, der rostet, sagt man gern, das wird schon stimmen. Rasten war keine Option für sie. Resultat: Als die betagte wie rüstige Dame neulich eine Haushaltshilfe beantragte, sei der Antrag abgelehnt worden. Die Frau vom Medizinischen Dienst habe nicht gewusst, was sie in den Antrag schreiben solle. Von den zwölf Prüfpunkten für eine Bedürftigkeit habe gerade mal einer zugetroffen.

Der freundliche Nachbar in der Wohnung obendrüber putze die Fenster oder bringe morgens schon mal die Brötchen mit. Ansonsten: Selbst ist die Frau, auch mit 100. Ihre Einladung zur Geburtstagsfeier im Grollander Krug hat sie selbst geschrieben, auf dem PC. Zum Geburtstag hatte sie sich einen neuen Laptop gewünscht. In der Einladung steht voller Selbstironie: „Mein Mindesthaltbarkeitsdatum hat mir noch keiner verraten. Ich weiß nicht, ob ich mich darauf zubewege oder ob ich es schon überschritten habe.“ Jedenfalls wünsche sie sich nix außer „eure Anwesenheit“. Das wertvollste Geschenk sei doch Zeit.

Und was erwartet sie, was an diesem Sonntag passiert im Grollander Krug? Das weiß sie nicht so genau, man habe da nur so Andeutungen gemacht. An dieser Stelle darf natürlich nichts verraten werden, vielleicht nur soviel: Es wird ordentlich was passieren. Versprochen.

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