Serie Trainingsgast – Teil 21: Beim Ultimate Frisbee ist Körperkontakt tabu Ein Sport für Techniker und Sprinter

Das geht ja gut los! „Hast du Stollenschuhe“, fragt mich Paul Kossmann am Telefon. „Nö, hab ich bis jetzt noch nie gebraucht“, lautet meine Antwort.
16.07.2018, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Liane Janz

Das geht ja gut los! „Hast du Stollenschuhe“, fragt mich Paul Kossmann am Telefon. „Nö, hab ich bis jetzt noch nie gebraucht“, lautet meine Antwort. „Na, macht nix, soll ja trocken bleiben. Dann brauchst du nicht unbedingt welche“, sagt er. Stollenschuhe und Frisbee – diese Verbindung hatte ich bisher nicht gezogen. Ich hab Frisbee immer barfuß gespielt, als ich noch deutlich jünger war, irgendwo am Strand mit der Familie und so einer geschenkten Scheibe mit Werbeaufdruck. Flog auch. Ultimate Frisbee, das lerne ich beim Probetraining, ist aber ein gutes Stück von meiner Kindheitsdaddelei entfernt.

In dieser Sportart ist aus Bremen das Team „Deine Mudder“ vom TV Eiche Horn im Ligabetrieb unterwegs. Die Abteilung stellt ein Mixed- und ein Herren-Team. Donnerstags ist Breitensport-Training; da passe ich rein – hoffentlich. Der Einstieg ist wie in jeder anderen Sportart auch: Warm-up. Angeleitet von Trainer Nils Hase, wärmt sich die Gruppe erst mal auf. Dauerlauf, Steigerungslauf, Stretching – alles soweit bekannt.

Paul Kossmann läuft neben mir – Gelegenheit zu einem Schnack. Paul ist Jugendtrainer und stellvertretender Abteilungsleiter im Ultimate Frisbee bei Eiche Horn und seit 2017 auch Vorsitzender der Ultimate Jugendabteilung im Dachverband Deutscher Frisbeesport-Verband (DFV). Bei Eiche beginnen Kinder ab etwa elf Jahre mit Frisbee. In dem Alter sei der Einstieg ideal, dann lernen sie viel und nehmen die Technik schnell an, erzählt der Jugendtrainer. Durch Kontakte zum Hochschulsport kommen auch immer wieder Studenten ins Training. Die sind dann zwar deutlich älter, können aber immer noch einiges bewegen, wenn sie dran bleiben.

Nach dem Aufwärmen nimmt Paul mich und zwei andere, die auch mal reinschnuppern wollen, zur Seite. Während die Erfahrenen mit Nils Hase Technik und Taktik trainieren, gibt Paul uns eine Wurfeinführung. Und die hat es in sich: Es gibt wie bei anderen Sportarten Vorhand und Rückhand. Jede unterscheidet aber noch mal Inside-Out- und Outside-In-Würfe. „Oje“, denke ich. Nachdem Paul uns gezeigt hat, wie wir bei der Rückhand die Scheibe richtig halten, gehen wir paarweise zusammen und werfen sie hin und her. Das geht eigentlich ganz gut; zumindest kommt sie häufig bei meinem Trainingspartner Niels an. Das Feintuning übernimmt Paul per Zuruf. „Mehr in die Knie gehen!“ „Mehr eindrehen und von unten überkreuz werfen!“ „Mehr Kraft nach vorn!“ Okay, okay, denk ich.

Ich als Rechtshänderin halte den Frisbee also mit rechts. Beim Rückhandwurf steht mein rechtes Bein vorn, der rechte Arm mit Scheibe holt von links unten aus, linkes Bein gebeugt, Scheibe senkrecht nach vorn, dabei Arm strecken und Gewicht auf rechtes Bein verlagern. Klappt irgendwie. Mach ich mir zu viele Gedanken? Die Scheibe jedenfalls fliegt – und flattert. Das soll sie nicht! Warum macht sie das? „Weil du sie beim Werfen waagerecht drehst“, sagt Paul. Mit der Vorhand geworfen passiert genau dasselbe. Das Ding, diesmal über rechst unten ausgeholt, muss schnurgerade nach vorn, aber in senkrechter Position geworfen werden. Dann dreht sie sich, zieht einen schönen Bogen und landet zielsicher beim Mitspieler. Das zumindest ist die Theorie. Das Flattern bekomme ich nicht raus, die anderen beiden machen es besser. Trotzdem sagt Paul nach einer Weile, wir sollten zurück zum Team und einfach mal spielen.

Auf dem Weg zu den anderen, gibt er uns eine kleine Regelkunde. Der aktive Körperkontakt wird vermieden. „Deshalb ist der Sport für Mixed-Teams besonders gut geeignet“, so der Jugendtrainer. Mit der Scheibe in der Hand wird nicht gelaufen; ein Sternschritt, ähnlich wie im Basketball, ist aber erlaubt. Der Rest des Teams muss sich eben freilaufen und sich als Zuspieler anbieten. Nach zehn Sekunden muss die Scheibe aus der Hand sein.

Wir bilden Teams. Es wird immer sieben gegen sieben gespielt. In meinem Team stehen unter anderem Trainer Nils und Jugendtrainer Paul sowie Neuling Niels und die erfahrene Dorit Klug. Das Spielfeld ist so lang wie ein Fußballfeld, aber nur halb so breit. Wie beim American Football gibt es Endzonen auf beiden Seiten, die es zu verteidigen gilt. Schafft es eine Mannschaft, den Frisbee in der Endzone der anderen zu fangen, hat sie einen Punkt.

Wir sind in Frisbeebesitz. Paul und Nils bleiben hinten und bilden den Aufbau. Ich laufe im Stack. „Äh, was?“ „Mir nach“, sagt Dorit. Mach ich. Dann merke ich, dass ich selbst verfolgt werde. Wiebke Körtke aus dem gegnerischen Team deckt mich. Wo ich hinlaufe, läuft auch sie, versucht sich so in den Weg zu stellen, dass ich nicht anspielbar bin. Irgendwie muss ich sie abschütteln. Sie bleibt hartnäckig. Wir verlieren die Scheibe auch ohne ihr oder mein Zutun. Jetzt greifen die anderen an. Und was mache ich? „Du läufst mit mir“, kommt ungefragt der Hinweis von Wiebke. Lieb von ihr. Das wird unsere Aufgabe, bis ich ausgewechselt werde. Sind wir am Zug, muss ich versuchen, mir Wiebke von den Hacken zu halten. Haben die anderen die Scheibe, darf ich den Anschluss an sie nicht verlieren.

Davon abgesehen, gibt es jede Menge Feinheiten, die es zu beachten gilt, beispielsweise welche Seite gerade verteidigt wird, welche dadurch offen ist. Dazu gibt es auch passende Kommandos, wie „links auf“ und „rechts auf“, mit denen ich überhaupt nichts anzufangen weiß. Überhaupt hab ich Schwierigkeiten, den Überblick zu behalten. Die Kommunikation auf dem Platz läuft aber. Auf einmal stehe ich relativ frei in der gegnerischen Endzone. Wo ist Wiebke? Hab ich sie tatsächlich abgeschüttelt oder will sie mir einfach mal eine Chance geben? Paul holt aus und passt die Scheibe zu mir. Fange ich, haben wir einen Punkt – wir liegen zurück, ein Punkt wäre wichtig. Die Scheibe kommt knapp über dem Rasen auf mich zu. Ich greife daneben. Mist! Das passiert mir auch noch ein zweites Mal. Nicht mein Tag. Ich werfe das Handtuch.

An der Seitenlinie stehen Trainer Nils und Neuling Niels, die sich ebenfalls ausgewechselt haben, und fachsimpeln über Verteidigungstaktiken. Niels hat schneller begriffen, worum es geht, als ich. Seine Fragen gehen sehr ins Detail. Nils bleibt geduldig und erklärt. Ich drifte ab und lasse mich lieber im Schatten nieder. Irgendwann ist die ganze Mannschaft da und verschnauft. Neben mir sitzt Wiebke. Seit knapp zwei Jahren sei sie jetzt in Bremen, davor habe sie über den Unisport in Oldenburg gespielt. Sie habe einen Sport gesucht, bei dem sie viel in Bewegung und draußen sein kann. Also ging sie einfach mal zu einem Probetraining im Ultimate Frisbee. „Dann war ich einmal da und wusste, ich komm wieder“, erzählt sie. Das viele Laufen, das ist genau ihr Ding.

Dass mir das viele Laufen zu schaffen machen würde, hatte ich zuvor befürchtet. Dabei hab ich dann aber ganz gut mitgehalten, ­zumindest fühlte es sich so an. Den Überblick zu behalten und die Technik auf die Schnelle umzusetzen, das waren die Herausforderungen. Um sie zu meistern, braucht es mehr als ein Probetraining. Als Mannschaftssport ist Ultimate Frisbee auf jeden Fall eine super ­Alternative zu den üblichen Vereinsangeboten.

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