Integration Sport

Eine anstrengende Annäherung

Sich als Geflüchtete in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, ist ein schwieriger Prozess. Das weiß die Syrerin Mariana Chami. Für sie wurde ein Volleyballtraining zum Wendepunkt.
05.09.2019, 16:21
Lesedauer: 4 Min
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Eine anstrengende Annäherung
Von Eva Przybyla
Eine anstrengende Annäherung

Mariana Chami spielt im Volleyballteam des Rad- und Sportvereins Strom.

Christina Kuhaupt

Hastig zieht Mariana Chami Frischhaltefolie über die Käseplatte. Dabei spricht die Syrerin schnell auf Arabisch mit ihren zwei Schwestern. Dann holt sie den Sekt aus dem Kühlschrank, obwohl sie den nicht mag. „In Syrien trinkt keiner Sekt“, sagt Chami. Aber die Deutschen würden das mögen. Und sie will mit den Deutschen in ihrem Volleyball-Team auf ihren eigenen 33. Geburtstag anstoßen. Wenig später erreichen die drei Schwestern die Sporthalle in Woltmershausen, in der Mariana Chamis Bremer Sportlaufbahn begann. Das Volleyball-Team vom Rad- und Sportverein Strom spielt bereits.

Vor über zwei Jahren kam Chami dort an. Seitdem ist sie Teamkapitänin und Trainerin mit Lizenz gewesen. Doch das Team zu trainieren, schafft sie heute nicht mehr, sagt sie. Chami arbeitet Vollzeit als Beraterin und Übersetzerin in einer Geflüchteten-Unterkunft der Caritas. Außerdem unterrichtet sie Arabisch an der Bremer Volkshochschule und Bauchtanz in ihrem selbstgegründeten Kurs beim TS Woltmershausen.

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Wie Chami in einen Verein zu gehen, gelingt nicht allen Frauen mit Fluchthintergrund, die in Deutschland leben. Die Gründe dafür erläutert der Sportsoziologe Silvester Stahl von der Fachhochschule für Sport und Management: Allgemein seien weniger Frauen als Männer nach Deutschland geflohen. Außerdem würden mehr geflüchtete Männer als geflüchtete Frauen Sport machen, sagt Stahl. Das sei etwa auf die Rollenbilder und die Herkunftsländer vieler Geflüchteter zurückzuführen. Nicht in allen Ländern würden Frauen Sport treiben, Vereinssport sei teilweise nur wenig verbreitet.

Mariana Chami und ihre Schwestern kennen Sportvereine schon aus Syrien. Sie haben dort über viele Jahre Volleyball gespielt, ihre Schwester Mila sogar in der Nationalmannschaft. Wegen ihrer Vorerfahrung fand Mariana Chami den Weg in den Verein. Doch es sei ein schwieriger und langwieriger Weg gewesen, betont Chami. Vor dem Training sitzt sie auf dem Balkon ihrer Wohnung in Woltmershausen. Sie trägt einen pinken, sommerlichen Overall und ihre blondierte Lockenmähne offen.

„In Syrien war ich groß, man kannte mich, doch hier war ich so klein.“

Die Syrerin strahlt ein unumstößliches Selbstbewusstsein aus, auch während sie über den schlimmsten Tiefpunkt in ihrem Leben spricht: ihre Ankunft in Deutschland 2013. Die Anwältin war aus Aleppo in Syrien geflohen und kam nach einiger Zeit in Osnabrück allein nach Bremen. Sie fand schnell die Wohnung, in der sie auch heute noch lebt, und fiel in eine Depression. „In Syrien war ich groß, man kannte mich, doch hier war ich so klein“, sagt Chami. Sie hebt ihre rechte Hand, an der sich Daumen und Zeigefinger fast berühren. Ihr Jura-Studium wurde in Bremen nur teilweise anerkannt, sie müsste ein Masterstudium machen, um hier als Anwältin arbeiten zu können. Doch die Universität Bremen nahm sie nicht auf. Ihr Englisch-Zertifikat sei laut Uni veraltet, erklärt Chami.

Zu ihrer Arbeitslosigkeit damals kam die Einsamkeit. „Als Ausländer in Bremen kennst du niemanden“, sagt sie. Dazu seien die Kälte und die Dunkelheit für sie ungewohnt gewesen. Chami zog sich in ihre Wohnung zurück. Doch eines Tages, nach einem Jahr, habe sie sich aufgerafft. „Jetzt muss ich mein Leben ändern“, habe sie damals gedacht. Sie besucht einen Deutschkurs und viele Fortbildungen, engagiert sich ehrenamtlich und findet einen Job. „Es war sehr anstrengend“, sagt sie rückblickend. Über eine Freundin kommt sie zum Landessportbund (LSB) in das Programm „Ausbildung und Integration“, einer Förderung unter anderem für Mädchen und Frauen, die in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen. Zum Volleyball führte sie jedoch nur eine kleine Anzeige in einem Pusdorfer Lokalblatt von ihrem heutigen Verein. Neue Mitspieler seien willkommen, heißt es darin.

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Chami hat bereits in Syrien zehn Jahre lang Volleyball gespielt. Sie kontaktiert den Trainer. Der habe sehr freundlich auf ihre E-Mail geantwortet und sogar ihre Verspätung habe ihn nicht gestört, berichtet sie. Deutlich wird schon beim ersten Training: Der Trainer heißt sie willkommen. „Ich habe nach einem kleinen weißen Licht gesucht“, sagt Chami, „und da war es.“ Der Trainer habe sie auch danach mehrmals zum Kaffee eingeladen und mit ihr Deutsch gesprochen. „Ich war so glücklich“, sagt Chami. Jede Woche trainiert sie seither in dem Team. „Das ist gut für die Seele und den Körper.“ Für den Trainer wolle sie immer im Team bleiben. Denn er gebe ihr dieses besondere Gefühl, dass Chami so beschreibt: „Es gibt Leute, die noch auf dich warten.“

Der Trainer heißt Dieter Lübkemann und ist über 70 Jahre alt. Er geht beim Training in der Halle auf die Knie, um den Ball zu holen, und grinst nach jedem Punkt. Angesprochen auf seine Herzlichkeit, die für Chami ein Wendepunkt in ihrem Leben war, sagt er schlicht: „Meine Frau und ich gehen immer offen mit Leuten um.“ Das Team sei multikulturell, heute sei etwa auch ein Afghane dabei. Chami habe sich in dem Team entfaltet. „Am Anfang war sie schüchtern“, sagt er. Und auch Deutsch zu sprechen sei noch schwierig für sie gewesen. Dennoch: „Jeder hat sie gern aufgenommen“, sagt der Trainer über die 15 Volleyballspielerinnen und -spieler im Verein.

In der Pause stockt der Austausch

Nicht alle von ihnen sind an diesem Tag in der Halle. Die meisten sind älter als Chami und ihre zwei Schwestern. Während des Spiels holt besonders Mila jeden noch so schwierigen Ball, ihre deutschen Mitspieler sind begeistert. Doch in der Pause stockt der Austausch. Es bilden sich zwei Grüppchen in der Halle: die deutschen Spieler und die syrischen Schwestern. Für Chami ist es trotzdem ein harmonisches Verhältnis. Nur die Verständigung sei manchmal schwierig. Sie meint damit die Kulturunterschiede zwischen Syrien und Deutschland. Ihre Schwestern nicken zustimmend, als Chami erklärt: Deutsche sprechen ausführlicher und detaillierter über Dinge als Syrer. Deutsche bestehen auf körperlichen Abstand. „In Syrien macht Abstand keinen Sinn“, sagt Chami. Wie um das zu verdeutlichen, sitzt sie eng neben ihrer Schwester Mila. Ihre Arme berühren sich.

Viele dieser Erkenntnisse über Deutsche hat Chami in ihrem Volleyballteam gehabt. Sie hat sich angepasst. Doch ihre schwierige Ankunft scheint ihr noch nachzuhängen. „Es wäre schön gewesen, wenn die Nachbarn mir geholfen hätten“, sagt Chami. Sie wünscht sich persönliche Gespräche, in denen Geflüchtete über Sportvereine informiert werden. Denn Info-Broschüren kämen nur selten an. Als Geflüchtete habe man viele Sachen im Kopf, für das Lesen von Broschüren habe man keine Kraft. In der Halle ist ihr der Ernst nicht mehr anzumerken. Laut stampfen Chami und ihr Volleyball-Trainer auf den Hallenboden. „Doppelpunkt“, rufen sie, bevor sie sich gegenseitig abklatschen. Sie haben eine Punkteserie hingelegt.

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