7. swb-Marathon in Bremen Eine Stadt im Ausnahmezustand

Bremen. Musik an vielen Ecken, Straßensperrungen und Hochbetrieb bei den Rettungskräften: Auch das ist Marathon. Bei der siebten Auflage des swb-Marathons am Sonntag ist auch neben den Laufstrecken viel los gewesen.
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Von Stefan Freye

Bremen. Die Bässe wummern, buntes Licht erhellt den dunklen Tunnel, und Shakira singt davon, dass nun „time for africa“ sei. Die kleine Unterführung unter der Kurfürstenallee ist nicht die einzige Attraktion der Laufstrecke des 7. swb-Marathons. Aber sie ist eine der ersten. Nach rund 18 Kilometern erwartete die Läufer der 42,195 Kilometer langen Strecke eine Atmosphäre, die eigentlich gar nicht passen will zu einer Sportveranstaltung.

Doch der Disko-Tunnel kommt gut an. Nicht wenige Teilnehmer juchzen angesichts der DJ-Rhythmen,andere schreien ihre Freude hinaus. Nachdem an dieser Stelle noch nicht einmal die Hälfte der Strecke absolviert ist, sind ja auch noch alle richtig gut drauf. Trotz der Temperaturen. Weil bereits seit einigen Tagen klar war, dass es rund 25 Grad werden würden beim großen Lauf am Sonntag, hatte man in der medizinischen Abteilung allerdings vorgesorgt. Mit Unterstützung des Arbeiter-Samariter-Bundes brachten die Johanniter stattliche 108 Sanitäter und 25 Fahrzeuge an den Start.

Etwa die Hälfte der Einsatzkräfte war im Zielbereich auf dem Domshof platziert, der Rest bildete die mobilen Einheiten an der Strecke. Ernsthafte Hilfe leisten mussten die Johanniter rund 50 Mal. Rund zwei Drittel der Fälle begaben sich allerdings erst nach dem Zieleinlauf in die Hände der Helfer, 15 Mal rückten die Rettungswagen aus. Insgesamt sechs Läufer wurden zur weiteren Behandlung in Bremer Kliniken verbracht.

„In den meisten Fällen machte die Erschöpfung unsere Hilfe notwendig“, sagt Einsatzleiter Dennis Schmidt. Er klingt erleichtert angesichts einer Einsatzzahl, die zwar etwa 50 Prozent über der des Vorjahres, aber eben auch deutlich unter seinen Erwartungen lag. „Wir hatten bei diesen Temperaturen mit mehr gerechnet“, so Schmidt. Dass es trotzdem „spannend“ wurde, lag an der Einsatzhäufung zwischen 13 und 14 Uhr. In dieser Zeit leisteten die Johanniter nämlich nahezu alle Maßnahmen ihrer „Marathon-Statistik“.Am Sonntag gegen 19 Uhr war der Stress gleichwohl vergessen. Die Johanniter hatten Feierabend und blickten auf einen ebenso arbeitsreichen wie erfolgreichen Tag zurück.

Da hatte es Martin Becker schon ein wenig leichter. Er war einer von rund 20 Bundeswehrreservisten, die sich als Streckenposten gemeldet hatten. „Soweit ganz ruhig“, vermeldete er, nachdem das Marathonfeld seinen Posten am Universum fast schon passiert hatte. Er hatte es eben gut getroffen. Melanie Heyer eher nicht. Sie stand etwa vier Kilometer weiter an der Ecke Utbremer Straße/Hemmstraße. Dort kommen nicht nur viel mehr Läufer vorbei, weil auch die rund 3000 Starter des Halbmarathons mit von der Partie sind. Auch verkehrstechnisch ist Findorff eine ganz andere Nummer.

Das gilt insbesondere, wenn, wie am Sonntag, die Motorshow auf der Bürgerweide die Autoliebhaber anlockt. „Zum Anfang hatten wir schon Stress mit den Messebesuchern“, berichtet die Elko-Mitarbeiterin also. Autofahrer würden schnell mal unfreundlich und zickig, wenn es nicht weitergeht. „Aber ein Großteil hat es verstanden und akzeptiert die Umwege“, sagt Patrick Kanitz, der Polizeibeamte an der Findorffer Kreuzung. Mit Verständnis auf beiden Seiten fand man doch noch zusammen.

Zumal am Sonntag ja auch nicht alles ganz glatt über die Bühne ging: Zunächst war nicht ganz klar, wo man die Messebesucher durchschleusen sollte. Da hatten die Posten die Autofahrer erst mal hin und her geschickt. Und während Patrick Kanitz noch so erzählt, kommt schon der nächste. Ein Vierfachauspuff versorgt den Mittelklassewagen mit einem mächtigen Sound. Die Frage seines Fahrers ist Programm: „Wie kommen wir zu den Messehallen?“ Er wird sie irgendwann gefunden haben und vermutlich ähnlich zufrieden gewesen sein wie Joachim Münch. „Das hat gut geklappt“, bilanzierte der Einsatzleiter der Bremer Straßenbahn AG bereits in den Mittagsstunden.

Das einzige Problem, man ahnt es, hatte der Nahverkehr in Findorff. Als Marathon- und Halbmarathonfeld sich zu einer zähen Masse zusammengetan hatten, ging eine halbe Stunde nichts mehr. Also wurden ein, zwei Busse schnell auf dem Findorffmarkt gedreht – und weiter ging die Fahrt. Bereits gegen 16 Uhr sollte am Sonntag auch die allerletzte Sperrung aufgehoben sein. Da war sich Joachim Münch sicher, und er sollte recht behalten.

Während in Findorff übermäßig diskutiert wurde, kehrte in der Überseestadt Ruhe ein – zumindest bei den Läufern. In Scharen kamen sie um die Ecke an der Konsul-Smidt-Straße, gesprochen wurde wenig. Auf die Marathonis wartete bei Kilometer 32 ja ohnehin der „Mann mit dem Hammer“, also jener hartnäckige Gedanke ans Aufgeben und die Frage, wie um Himmels willen man sich auf diesen Lauf einlassen konnte. Aber auch die Halbmarathonläufer, hier deutlich in der Überzahl, müssen langsam beißen zur Halbzeit. Als doch mal einer seinen Laufkollegen volltexten möchte, folgt eine klare Ansage: „Red' nicht so viel, das stört beim Laufen.“

Beim Mann von Elko ist Reden dagegen Pflicht: Alle 20 Sekunden warnt er die Läufer mit einem deutlich vernehmbaren: „Vorsicht Pfeiler“. Gleich um die Ecke warten nämlich zwei Begrenzungspfähle mitten auf der Strecke. Nicht auszudenken, wenn die einer übersieht. Solche Sorgen muss sich DJ Lynn definitiv nicht machen. „Geile Stelle, geiles Wetter“, lautet sein Kommentar zum sonntäglichen Arbeitsplatz.

Der junge Mann ist einer von rund einem Dutzend DJ’s an der Strecke, und Lynn hat den Platz oberhalb der Rampe am Weserstadion ergattert. Ob die Läufer seine euphorische Beschreibung der äußeren

Umstände teilen, ist allerdings sehr ungewiss. Nicht wenige gehen die anstrengenden Meter hinauf zum Osterdeich. Da können die Zuschauer noch so wohlmeinende Worte finden, und auch die motivierende Musik des DJ’s hilft bei Kilometer 37 nicht mehr. Andererseits ist das Ziel hier in greifbarer Nähe, ein Ende der Quälerei in Sicht. Und angekommen sind sie dann ja doch fast alle.

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