Deutsche Eishockey-Liga

Erst der Jubel, dann der Schock bei den Fischtown Pinguins

Drei Sekunden vor Schluss schießt Jan Urbas die Bremerhavener im Play-off-Viertelfinale in die Verlängerung. In der sind die Grizzlys Wolfsburg dann das glücklichere Team und siegen mit 3:2.
24.04.2021, 21:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Erst der Jubel, dann der Schock bei den Fischtown Pinguins
Von Jörg Niemeyer
Erst der Jubel, dann der Schock bei den Fischtown Pinguins

Drei Sekunden vor Schluss ist plötzlich wieder alles gut: Miha Verlic (l.) und Tye McGinn jubeln über das 2:2 der Fischtown Pinguins von Jan Urbas (nicht im Bild), während die Grizzlys Wolfsburg das Geschehene kaum fassen können.

CARMEN JASPERSEN/dpa

Sie sind gefühlt schon raus aus dem Kampf um die deutsche Meisterschaft. Mit 1:2 liegen die Fischtown Pinguins im dritten und entscheidenden Play-off-Viertelfinalspiel der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) gegen die Grizzlys Wolfsburg in Rückstand – 11,9 Sekunden sind noch zu absolvieren. Ein letztes Bully vor dem Tor der Gäste, ein letztes Time-out, in dem Pinguins-Trainer Thomas Popiesch seinen Spielern eine letzte Idee vermitteln kann. Die Bremerhavener verlieren das Bully, die Situation scheint zu Gunsten der Gäste geklärt. Bis fünf Sekunden vor Schluss Jan Urbas sich den Puck angelt, ihn zurechtlegt auf seine Vorhand – und zum 2:2 (0:1, 1:1, 1:0) trifft. Die Pinguins sind zurück, wahren ihre Chance auf den größten Erfolg der Vereinsgeschichte, den Einzug ins Halbfinale.

Ausgleich – Verlängerung – Wahnsinn: Das ist Eishockey. 59 Minuten und 56,8 Sekunden machen es die Grizzlys richtig gut. Sie stören ihren Gegner früh. So früh, dass der keine Zeit hat, in Ruhe gefährliche Angriffe aufzubauen. Die Gastgeber stecken nicht auf, aber es sieht so aus, dass sie es am Ende nicht schaffen sollen. Und dann stellt Jan Urbas, der wichtigste Akteur der Pinguins, alles wieder auf Null.

Verlängerung in der entscheidenden Play-off-Partie heißt: Kein Penaltyschießen, sondern spielen, bis das nächste Tor fällt. Hier oder dort. Es kann schnell passieren, es kann aber auch Stunden dauern – hat es alles schon gegeben. An diesem Sonnabend in der Bremerhavener Eisarena wird es schnell gehen – auch deshalb, weil sich die Wolfsburger trotz des Tiefschlags kurz vor Ende der regulären Spielzeit sofort wieder fangen. „In den Play-offs geht's nun mal knapp zu“, sagt Grizzlys-Kapitän Sebastian Furchner im Siegerinterview mit Magenta Sport, „Dramatik gehört dazu.“ 1067 DEL-Spiele und damit die zweitmeisten überhaupt hat Furchner seit Sonnabend auf dem Puckel. Da kann ihn nichts mehr erschüttern – und wohl auch nichts mehr aus der Ruhe bringen.

Pinguins Bremerhaven - Grizzlys Wolfsburg

Stimmungswechsel nach 5:08 Minuten der Verlängerung: Die Grizzlys sind obenauf, nachdem Phillip Bruggisser soeben den 3:2-Siegtreffer markiert hat. Halbfinale für Wolfsburg, Urlaub für Bremerhaven.

Foto: CARMEN JASPERSEN/dpa

Nach 5:08 Minuten in der Verlängerung ist der Traum der Pinguins von der ersten Halbfinalteilnahme der Vereinsgeschichte geplatzt. Anderthalb Minuten drücken sie zuvor selbst auf die Entscheidung, dann sind die Niedersachsen wieder am Zuge. Zweimal verhindert Torwart Brandon Maxwell das 2:3, aber gegen den „Hammer“ von Philipp Bruggisser ist er machtlos.

Eishockey ist aber nicht nur Dramatik, Härte und Kampf Mann gegen Mann, sondern auch Fairness und Respekt voreinander. Die hartumkämpfte Begegnung, in der sich die Pinguins nach 0:2-Rückstand (Tore von Jeff Likens/4. und Max Görtz/29.) zurückmelden und dem 1:2 von Mitch Wahl (34.) das 2:2 von Jan Urbas folgen lassen, ist nach dem 2:3 kaum vorüber, da klatschen sich die Akteure beider Seiten ab. Auch Trainer Thomas Popiesch und sein Co-Trainer Martin Jiranek gratulieren dem Sieger. „Alle drei Spiele waren eng – Wolfsburg hat mehr gemacht“, sagt Jiranek. In allen drei Partien des Viertelfinales lagen die Bremerhavener mit 0:1 zurück. Am Dienstag hatten sie es zum 4:2 umdrehen können, dann folgten in Wolfsburg und nun auch zu Hause jeweils ein 2:3.

Es ist ein bitterer Moment an diesem 24. April: Von einer Sekunde zur nächsten wirst man in den Urlaub geschickt. Egal, nach welchem Modus die DEL-Saison gespielt wird: Irgendwann kommen die Klubs an den Punkt, dass sie in einem Endspiel stehen und dass die Niederlage das Aus im Titelrennen bedeutet. „Der Sieg hätte heute an beide Seiten gehen können“, sagt Pat Cortina später im Medienraum der Eisarena. Der Gäste-Trainer freut sich, dass „wir auf das 2:2 gut reagiert haben“, und dann gratuliert er Thomas Popiesch zu einer guten Saison.

Der Pinguins-Trainer ist so kurz nach der Niederlage natürlich tief enttäuscht. „Wir sind rausgeflogen. Jetzt im Moment ist es das beschissenste Gefühl, das es gibt“, beschreibt Thomas Popiesch mit einem einzigen deftigen Wort, wie es in ihm drin gerade aussieht. In zwei, drei Tagen könne es aber ganz anders aussehen, sagt er auch. Und er betont, dass er stolz auf seine Mannschaft sei, wie sie in den vergangenen Wochen gekämpft hat.

Hinter den Pinguins liegen abwechslungsreiche Monate. Nach langer Unsicherheit wegen Corona waren die Fischtown Pinguins am 18. Dezember vergangenen Jahres endlich in die verkürzte Hauptrunde gestartet, in der sie so erfolgreich wie nie waren. Schon im Magenta-Sport-Cup im November und Dezember hatten die Pinguins aufgetrumpft, erst im Finale gegen den EHC Red Bull München verloren. In der verkürzten und in zwei regionalen Staffeln ausgetragenen DEL-Hauptrunde wurden die Pinguins im Norden dann souveräner Zweiter.

Und sie gewannen auch noch das erste Play-off-Spiel gegen die Grizzlys, während die drei höher eingeschätzten Teams aus Mannheim, Berlin und München ihren Auftakt überraschend verpatzten und München nach der zweiten Niederlage schon am Donnerstag ausschied. Sollte also die Mannschaft von der Nordseeküste, der Klub mit dem kleinsten Liga-Etat, den Marsch in Richtung Meisterschaft fortsetzen? Er sollte nicht, auch wenn nur ein Hauch fehlte.

Während Mannheim und Berlin am Sonnabend trotz zwischenzeitlicher Rückstände dem ERC Ingolstadt ins Halbfinale folgten, zogen die Grizzlys und nicht die Pinguins mit in die Vorschlussrunde ein. Wolfsburg spielt nun ab Montag gegen Mannheim – gegen den wegen des DM-Ausfalls im Vorjahr schon seit 2019 amtierenden Meister. Gegen Mannheim hatten die Pinguins vor Kurzem übrigens beide Vergleiche für sich entschieden. Eine schöne Erinnerung, die aber nichts mehr wert ist. Und trotzdem: Es wird vermutlich nicht lange dauern, bis in Bremerhaven nach kurzem Schmerz über das Aus der Stolz auf eine erneut starke Saison die Oberhand gewinnen wird.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+