Fischereihafen-Rennen in Bremerhaven Elmar Geulens letzter großer Auftritt

Elmar Geulen hat in Bremerhaven viele Rennen gewonnen und fast sein Leben verloren. Nun nimmt er Abschied – vom Fischereihafen-Rennen und dem Versuch, seinen geschundenen Körper weiter zu besiegen.
02.06.2017, 12:20
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Elmar Geulens letzter großer Auftritt
Von Nico Schnurr

Elmar Geulen hat in Bremerhaven viele Rennen gewonnen und fast sein Leben verloren. Nun nimmt er Abschied – vom Fischereihafen-Rennen und dem Versuch, seinen geschundenen Körper weiter zu besiegen.

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Er kann sich die Erinnerungen nicht einfach aus dem Kopf streichen. Sie sind auf seinem Hinterkopf verewigt. Er trägt sie mit sich, immer und überall. Über den kahl rasierten Schädel bis in den Nacken streckt sich seine Narbe. Neben ihr prangt ein Tattoo. „Thanx Dr. Martin Theis“ steht da in verwischtem Schwarz – als Dank an den Arzt, der ihm das Leben rettete. Sie lassen Elmar Geulen nicht mehr los, die Erinnerungen an den 20. Mai 2013 in Bremerhaven.

„Wie in Slow-Motion sehe ich diese Bilder immer wieder vor mir, so tief haben sie sich in mein Unterbewusstsein gemeißelt“, sagt Geulen. Im ersten Training des Fischereihafen-Rennens war es passiert. Geulen raste in eine scharfe Linkskurve, als seine Hand über die Bremse seines Motorrads rutschte. Er wurde panisch, fasste nach und überbremste das Vorderrad seiner Suzuki-Hayabusa. Geulen stürzte über den Lenker, mit dem Helm zuerst schlug er auf dem Asphalt auf. Beim Aufprall zerplatzte sein erster Wirbel in drei Stücke. Dreifacher Genickbruch.

Geulens „Ritt auf der Kanonenkugel“

„Eigentlich hätte ich damals tot sein müssen“, sagt Geulen. Auch vier Jahre danach kämpft er noch mit seinen Erinnerungen und den Folgen des Sturzes. „Ein Leben lang habe ich versucht, meinen Körper zu besiegen“, sagt er. Von diesem Versuch will sich Geulen an diesem Wochenende verabschieden, genauso wie vom Fischereihafen-Rennen. In Bremerhaven, wo er seit 1983 so viele Rennen gewonnen und sein Leben fast verloren hat, will er seinem „Ritt auf der Kanonenkugel“ nun ein Ende setzen. Die Fishtown Open sollen kurz vor seinem 60. Geburtstag sein letztes Straßenrennen werden.

„Mir fällt es schwer, einzusehen, dass es jetzt vorbei sein soll“, sagt Geulen. Sein Körper lässt ihm keine andere Wahl. Seit dem Sturz kann er seinen Kopf kaum noch bewegen. Um etwa anderthalb Zentimeter lässt er sich noch zu beiden Seiten drehen. Über die Schulter blicken, kann Geulen nicht mehr. „Ich fühle mich inzwischen einfach nicht mehr wohl in diesem Grenzbereich, wo die Gefahr durch meine Beeinträchtigung einfach allgegenwärtig ist”, sagt Geulen. Trotzdem will er sich in Bremerhaven noch ein letztes Mal in die Kurven legen. Weil er das immer schon so gemacht hat. Weil es immer schon Teil seines Lebens war, den Tod mitfahren zu lassen. Weil Geulen immer schon entlang einer schmalen Grenzlinie gefahren ist, die Sport und Wahnsinn voneinander trennt.

„Der Kick, über Grenzen zu gehen, dieser Rausch, immer alles zu riskieren, das ist ein Bazillus, der ganz tief in mir drin steckt”, sagt Geulen. Er war der erste Motorradpilot, der mit einer Hayabusa Straßenrennen gefahren ist, dem ersten Serienmotorrad, das 300 Tempo überschritt. Einer Maschine, die als viel zu schwer galt, um damit scharfe Kurven zu fahren. Bis Geulen das widerlegt hat. Bis er sie gezähmt hat. Bis er die vermeintlich geltenden physikalischen Gesetze verschoben hat. Seitdem wird Elmar Geulen „Mr. Hayabusa” genannt, sogar vom Hersteller Suzuki. Der Konzern hat ihm den Namen freigegeben, nur er darf sich so nennen. Inzwischen steht das „Mr. Hayabusa” sogar als Künstlername in Geulens Personalausweis. Mit der Hayabusa jagte er über Jahrzehnte hinweg Geschwindigkeitsrekorde. Geulen schien alles besiegen zu können: die Physik, die Zeit und sogar seinen langsam alternden Körper.

"Irgendwie ging immer alles gut”

„Ich habe mich mein Leben lang über meinen Körper hinweggesetzt und ihn über Grenzen getrieben, über die er nicht gehen wollte“, sagt Geulen. „Alles war möglich, irgendwie ging immer alles gut.” Bis zu jenem 20. Mai 2013 in Bremerhaven. „Ich dachte immer: Das trifft nur die anderen – und plötzlich traf es mich.” Geulen wollte es nicht wahrhaben, glaubte nicht daran, dass sein Genick dreifach gebrochen ist. Er wollte weiterfahren, so wie er es immer gemacht hat, wenn er mal gestürzt war. 2008 hatte er sich bei einem Sturz in Bremerhaven eine Bizepssehne im Training gerissen und gewann das Rennen trotzdem. An jenem 20. Mai würde das auch so sein, dachte Geulen und verschwieg den Rennärzten wieder einmal seine Schmerzen. Er startete zwar nicht mehr, fuhr aber noch 450 Kilometer zurück nach Hause ins Rheinland. Erst über eine Woche später wurde sein Genickbruch operiert. Zum ersten Mal hatte Geulen den Kampf gegen seinen Körper verloren. Zum ersten Mal hatte sein Körper über ihn gesiegt. Und wie. Es folgten die schlimmsten Wochen seines Lebens.

Geulen nahm 20 Kilogramm in wenigen Wochen ab, „höllische Schmerzen” plagten ihn, trotzdem verließ er das Krankenhaus schon nach vier Tagen. Er hielt es dort nicht aus. In seinem rasanten Leben war der Tod immer auch ein Teil gewesen – als Restrisiko, das sich nicht vermeiden lässt, das er, Mr. Hayabusa, aber schon im Griff hat, so wie er eben alles immer im Griff hatte. Im Krankenhaus spürte er nun, wie real dieses Restrisiko doch sein kann.

Samuel Koch als Vorbild

„Dort wirkt das Leben auf einmal nicht mehr selbstverständlich”, sagt Geulen. Er verschwand aus dem Krankenhaus, doch der Eindruck blieb. Auch wenn er acht Wochen nach dem Unfall schon wieder auf dem Motorrad saß. Einfach, um sich, seinem Körper und den Medien zu beweisen, dass es geht. Dass sich auch im Gesundwerden Geschwindigkeitsrekorde aufstellen lassen. Natürlich war er da noch längst nicht wieder gesund, er ist es ja bis heute nicht.

„Ich musste in den letzten Jahren das Wort Geduld ganz neu lernen. Richtig auf meinen Körper zu hören, ihm Zeit zu geben, das musste ich erst lernen”, sagt Geulen. Geholfen, mit seinem Schicksal umzugehen, hat ihm Samuel Koch. Jener Samuel Koch, der im Dezember 2010 einen vierfachen Genickbruch vor einem Millionenpublikum bei 'Wetten, dass...?' erlitt. Kochs Unfall berührte Geulen unmittelbar. Er wäre an jenem Tag die Risiko-Außenwette gewesen, mal wieder war einer seiner aberwitzigen Rekordversuche auf der Hayabusa geplant. Dazu kam es nicht mehr, die Show wurde abgebrochen. Als er sich selbst dreifach das Genick brach, erinnerte er sich wieder an Koch und nahm ihn sich zum Vorbild. „Ich weiß nicht, ob ich den Willen gehabt hätte, weiterzuleben. Ich bewundere, wie er das meistert”, sagt Geulen. Kochs Geschichte habe ihm gezeigt: „Ich darf mich nicht beschweren und kann froh sein, wenn ich noch ein letztes Mal Straßenrennen fahren kann.”

Dieses letzte Mal ist nun gekommen, in Bremerhaven, wo alles anfing für ihn und beinahe alles vorbei gewesen wäre. „Ich bin auf dem Programmheft und den Postern, einmal noch werden da viele Leute für mich kommen”, sagt Elmar Geulen. „Das ist wirklich der perfekte Zeitpunkt, um loszulassen.”


Das Fischereihafen-Rennen
Seit 1952 gibt es das Fischereihafen-Rennen in der heutigen Form – einer der letzten Straßenrennkurse Deutschlands, seit über 60 Jahren an gleicher Stelle im Bremerhavener Fischereihafen. Auf 2,7 Kilometern Rennstrecke kämpfen auch in diesem Jahr, am 4. und 5. Juni, jeweils von 8 bis 18 Uhr, über 400 Fahrer aus 14 Nationen in elf Klassen um den Sieg. Die Zuschauer erwarten klassische und aktuelle Rennmaschinen, Super Bikes mit über 200 PS und spektakulär fahrende Renngespanne.
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