Sportler sollen sich finanziell absichern EU-Projekt: Eisbären Bremerhaven bekommen Talente

Zu oft brechen junge Sportler ihre Karriere ohne Berufsausbildung ab, meint die EU - und testet deshalb Projekte für eine duale Karriere. Fünf Basketball-Talente aus ganz Europa kommen so nach Bremerhaven.
03.02.2016, 00:00
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EU-Projekt: Eisbären Bremerhaven bekommen Talente
Von Kristin Hermann

Zu oft brechen junge Sportler ihre Karriere ohne Berufsausbildung ab, meint die EU - und testet deshalb Projekte für eine duale Karriere. Fünf Basketball-Talente aus ganz Europa kommen so nach Bremerhaven.

Raul de la Cruz blickt vom Sail City Hotel auf den Weserdeich in Bremerhaven. Vor ihm glitzert das Wasser, über ihm erstreckt sich ein strahlend blauer Himmel. Es sieht zwar nicht aus wie in Kuba oder Italien – wo de la Cruz eigentlich wohnt und es viel wärmer ist – , doch ihm gefällt diese Aussicht. Es ist der Blick auf einen Teil seiner neuen Heimat. Warum? Der 22 Jahre alte Kubaner mit italienischem Pass ist eigentlich Profi-Basketballspieler in Italien. Obwohl er davon aktuell gut leben könne, sorgt sich de la Cruz um seine berufliche Zukunft. „Wenn es alles gut geht, kann ich bis Mitte 30 professionell spielen“, sagt er. „Und was kommt danach?“

Neben dem Sport eine Ausbildung zu finden, sei bei der momentan schlechten Wirtschaftslage in Italien schwer, erzählt de la Cruz. Schwer, weil es sowieso kaum Jobs für junge Menschen gibt – und weil der Arbeitgeber auch noch Verständnis für den Profisport aufbringen müsste. Und auf Kuba, wo de la Cruz lebt, wenn die Basketball-Saison in Italien vorbei ist, da würden fast alle das Gleiche verdienen – nämlich sehr wenig. „Da ist es egal, ob man studierter Arzt ist oder einfacher Arbeiter“, sagt er.

Deswegen will der 1,89 Meter große de la Cruz eine Chance nutzen, die ihm schon bald in Deutschland geboten wird. Bremen hat erfolgreich an einer europaweiten Ausschreibung der Europäischen Union (EU) teilgenommen, die Projekte fördert, die sich für eine duale Karriere von Spitzensportlern einsetzen. Mithilfe verschiedener Ansätze soll getestet werden, wie sich Sport und Beruf besser kombinieren lassen können. Bisher würden zu viele talentierte Sportler zu früh abbrechen oder nach ihrer Profi-Karriere an der Armutsgrenze leben, weil sie nebenbei keinen Beruf erlernt haben. Von 330 eingegangenen Bewerbungen habe nur eine Handvoll auch die Bewilligung und den Zuschlag bekommen, sagt Ulrich Mix, der als Europabeauftragter beim Senator für Inneres für die Umsetzung des Bremer Projekts verantwortlich ist.

Internationale Talente trainieren mit den Eisbären

Ab Sommer sollen fünf bis sieben junge Talente aus ganz Europa nach Bremerhaven ziehen, um bei den Eisbären mitzutrainieren und gleichzeitig eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen. Um passende Spieler zu finden, ist Mix in den vergangenen Monaten viel unterwegs gewesen. Teilweise wurde er dabei von Eisbären-Trainer Jan Lipke unterstützt, der sich im Verein unter anderem um die Nachwuchsförderung kümmert. Lipke hat bei einem Besuch in Italien auch de la Cruz mit ausgewählt. Dem Projekt steht Lipke offen gegenüber. Die Basketballer, die vom Alter her passen, sollen möglichst schnell in das U19-Bundesliga-Team integriert werden. Die Älteren, zu denen auch de la Cruz mit seinen 22 Jahren gehört, will Lipke möglichst in der Regionalliga-Mannschaft einsetzen. Wer sich bewährt, könnte sogar Chancen auf Bundesliga-Einsätze bekommen.

Für Ulrich Mix ist Jan Lipke der perfekte Trainer und Partner für das Projekt. Er war selbst jahrelang Bundesliga-Profi und hat sich dann so schwer verletzt, dass er seine sportliche Karriere nicht weiterführen konnte und erst einmal nicht wusste, wie es für ihn weitergeht. „Lipke kann den Jungs sehr authentisch erklären, was ihnen passieren kann, wenn es mit dem Sport plötzlich vorbei ist und es wichtig wird, noch etwas anderes gelernt zu haben“, sagt Mix.

In den vergangenen Tagen waren zusammen mit de la Cruz drei weitere Kandidaten aus Italien und Lettland in Bremen und Bremerhaven zu Besuch, um sich einen Eindruck vom Verein und ihrem neuen Zuhause zu verschaffen. Sie wurden von Projektmitarbeitern aus den Partnerländern Spanien, Griechenland, Italien und Lettland begleitet.

Einige Spieler sind erst 16 Jahre alt

Vom ersten gemeinsamen Training mit den Eisbären-Spielern ist de la Cruz begeistert. „Ich will diese Chance unbedingt nutzen“, sagt er. Auch Bremerhaven gefällt dem Kubaner bisher. Besonders die Innenstadt mit dem angrenzenden Weserdeich hat es ihm angetan. „Und ich habe das Gefühl, alle verstehen Englisch. Das ist praktisch“, sagt er.

Bis die jungen Basketballer im August ihre große Reise antreten dürfen, haben Mix und die Projektpartner noch ein ambitioniertes Programm vor sich. Für die vier Spieler, die bereits in Bremerhaven waren, steht so gut wie fest, dass sie im Sommer in diese Stadt ziehen. Mit einigen Spielern muss noch weiter verhandelt werden, andere werden im März noch in Spanien gesichtet. „Die sind teilweise erst 16 Jahre alt. Da müssen alle Faktoren stimmen“, sagt Mix. Mit Faktoren meint er zum Beispiel die Eltern der Spieler. „Die müssen es unterstützen, ansonsten funktioniert das nicht“, sagt Mix. Zusätzlich müssen passende Ausbildungseinrichtungen oder Studiengänge gefunden werden, die sich mit dem Training (zweimal pro Tag) und Spielen an den Wochenenden vereinbaren lassen. Ist in dem Projekt auch Raum fürs Scheitern – beispielsweise, wenn der gewählte Studiengang oder die Ausbildung nicht gefällt? Darf dann gewechselt werden? Ulrich Mix meint ja. „Das ist ganz natürlich und das muss drin sein“, sagt er.

470 000 Euro Fördergelder

Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Dafür stehen insgesamt etwa 470 000 Euro Budget zur Verfügung. 330 000 Euro davon kommen von der Europäischen Union. Damit werden unter anderem die Stellen der Projektmitarbeiter in Bremen und den Partnerländern sowie die Heimflüge für die Spieler bezahlt. Der Rest des Geldes stammt aus Fördermitteln der Bundesregierung, aus einem Programm des Vereins Arbeit und Bildung, das ausländische Jugendliche in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren soll. Davon werden unter anderem auch Teile der Ausbildung und Sprachkurse bezahlt. Wohnen werden die Spieler in vergünstigten Appartments der Gewoba.

Im Gegensatz zu einigen seiner künftigen Mannschaftskollegen weiß Raul de la Cruz schon genau, welche Ausbildung er in Bremerhaven beginnen möchte. „Ich möchte Physiotherapeut werden“, sagt er. Der Beruf passe gut zu seiner Leidenschaft Basketball, weil er viel über den Körper lerne. Sport war in der Familie des Kubaners schon immer ein großes Thema. Seine Mutter sei vor mehr als zehn Jahren eine sehr erfolgreiche 100-Meter-Sprinterin gewesen, die es nur aufgrund einer Verletzung nicht zu den Olympischen Spielen geschafft hätte. Deswegen unterstützt seine Familie ihn in seinem Vorhaben auch zu 100 Prozent.

Wenn da la Cruz und die anderen das Abenteuer in der neuen Heimat schaffen wollen, wartet viel Arbeit auf die Sportler: Deutsch lernen innerhalb weniger Monate, eine Ausbildung in einem fremden Land – weit weg vom gewohnten Umfeld. Doch Raul de la Cruz will das gerne in Kauf nehmen. Er glaubt fest daran, dass seine Zukunft in Deutschland liegt. Beruflich und sportlich.

Eisbären: Ausbildung wichtiger als Bundesliga

Dass die Entscheidung für das EU-Projekt auf die Bremerhavener Eisbären gefallen ist, hat mehrere Gründe, sagt der Projekt-Verantwortliche Ulrich Mix, der auch Präsident des Bremer Basketball-Verbandes ist. „Neben Werder Bremen gibt es in Bremen kaum Vereine, die professionell aufgestellt sind“, sagt er. Die Eisbären gehören aber dazu. Sie haben im Vergleich zu anderen Vereinen hauptamtliche Mitarbeiter und trainieren auf hohem Leistungsniveau. „Wir haben auch Gespräche mit anderen Vereinen geführt“, sagt Mix. „Die waren aber alle relativ schnell beendet, weil das Projekt viel Aufwand bedeutet.“

Eisbären-Geschäftsführer Jan Rathjen findet das Projekt unterstützenswert und spannend. Ob unter den Spielern tatsächlich auch jemand für die Bundesliga dabei ist, sei erst einmal abzuwarten. Zunächst sei es wichtig, dass die Jugendlichen nebenbei die Ausbildung machen, sagt Rathjen. Im richtigen Bundesliga-Betrieb sei dafür nebenher keine Zeit. Für Ulrich Mix ist das Projekt erfolgreich, wenn mindestens einer der Spieler nach den drei Jahren in der Bundesliga landet. Und wenn alle ihre Ausbildung beendet haben.

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