Leichtathletik

Zehn Hürden und ein Traum

Die peruanischen Hürdensprinterin Mariana Olivares kommt nach Bremen – weswegen in Arsten der Trainer Jens Ellrott eine Entscheidung gefällt hat. Er kehrt in den Leistungssport zurück
04.11.2020, 05:01
Lesedauer: 4 Min
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Zehn Hürden und ein Traum
Von Olaf Dorow
Zehn Hürden und ein Traum

Erste Trainingsschritte in Bremen, Fernziel Paris: die peruanische Hürdenläuferin Mariana Olivares und Trainer Jens Ellrott auf der Anlage des TuS Komet Arsten.

Christina Kuhaupt

Irgendwie hat jeder so seine magischen Momente, zumindest wäre das jedem zu wünschen. Dem Trainer Jens Ellrott widerfuhr solch ein Moment 2004. Eine Athletin von ihm, die Hürdensprinterin Carolin Nytra, holte in der Saison den deutschen U 20-Meistertitel und Rang sechs bei der Junioren-WM. Sie sagte zu Ellrott, so erzählt er es: „Und 2008 in Peking, da bin ich dabei bei Olympia!“

Gut, es war erst mal nicht so besonders magisch und wurde es erst später, sozusagen nachträglich, als Nytra sich tatsächlich für Peking qualifizierte. Zunächst hatte Ellrott, heute Trainer und Geschäftsführer beim TuS Komet Arsten, gedacht: „Ach du Scheiße.“ Olympia? Das schien ihm ein paar Fächer zu hoch gegriffen im Regal der Träume. Jedenfalls gingen Athletin und Trainer das aber an und entwarfen einen Vier-Jahres-Plan für das hoch angesetzte Ziel. 16 Jahre später steht die Neuauflage eines Vier-Jahres-Plans mit Fernziel Olympia im Raum, in diesem Fall Paris 2024. Es ist sehr ähnlich zu damals und doch sehr anders. Weil erstens die Athletin Mariana Olivares heißt und aus Peru kommt. Und zweitens Jens Ellrott sich vor einem Jahr aus dem Leistungsbereich zurückgezogen hat. Ein Rückzug mit eingebauter Ausnahmeregelung: Sollte noch einmal ein Talent seinen Weg kreuzen, dann . . .

Die Kreuzung der Wege ging so: Aus Lima schrieb Jorge Vara Hermoza den Bremer Leichtathletik-Verband (BLV) an. Hermoza, der einst in Leipzig und Mainz seine Trainerausbildung absolviert hatte und in Lima als Sportlehrer an der Deutschen Schule arbeitet, berichtete in seiner Mail von der 19-jährigen Mariana Olivares, die demnächst in Bremen studieren werde. Umwelttechnik an der Hochschule. Sie sei 2019 peruanische Jugendmeisterin geworden und Siebte der südamerikanischen Meisterschaften. Der BLV fragte Ellrott, der fragte sich selbst. Und hatte, so sagt er es, „nach circa zwei Stunden“ eine Antwort. Ja, die Ausnahmeregel wird angewandt. Mariana Olivares kam Ende Oktober zu einem ersten Training nach Arsten.

Ellrotts fachliche Bewertung: Sie habe eine sehr gute Technik, ordentlichen Nachholbedarf in Sachen Grundschnelligkeit, aber trotzdem ordentlich Talent. Mit einer Bestzeit von 14,75 Sekunden würde sie in Deutschland noch nicht zur absoluten Spitze ihrer Altersklasse zählen. Und auch in Bremen wäre sie nicht auf Anhieb die Schnellste. Werder-Sprinterin Zoe Gercken, zuletzt Fünfte der deutschen U 20-Titelkämpfe, ist rund drei Zehntelsekunden schneller. Allerdings hinkt der Vergleich ein wenig.

Während es in Deutschland in diesem Sommer mit Verzögerung eine fast schon umfassende Leichtathletik-Saison gab, gab es in Peru fast gar nichts. Mariana Olivares erzählt, sie habe sich nur zuhause fit halten können und dort zum Beispiel Gewichte gestemmt. Ins Stadion auf die Laufbahn, von denen in ihrem Land ohnehin nur sehr wenige existieren würden, in der Millionenstadt Lima angeblich nur drei oder vier, durfte sie wegen der Corona-Vorschriften von März bis September überhaupt nicht. Kein Wettkampf, kein Training. Dazu kam noch eine Fußverletzung.

Training ja, Wettkampf nein, das ist jetzt erst mal in Deutschland die Sport-Aussicht für die Neu-Bremerin aus Peru. Wobei die Wettkampfpause zunächst mehr mit dem Kalender für ihre Disziplin und nur bedingt mit dem neuerlichen Sport-Lockdown zu tun hat. Eine Hallensaison wird es in der Leichtathletik womöglich nicht geben in diesem Winter, es wäre die erste gewesen für Mariana Olivares. In Peru gibt es so etwas nicht: Hallen mit Laufbahnen drin. Die Winter seien warm genug, und außerdem steht dort die Leichtathletik noch deutlich stärker als hierzulande im Schatten des populären Fußballs. Claudio Pizarro kennt in Lima jeder, Leichtathleten kennen nur die wenigsten.

Mariana Olivares erzählt von sich, von ihrem Land in bemerkenswert flüssigem Deutsch. Deutsche Schule halt, sagt sie. Ihre Mutter arbeite dort, so wie auch ihr Trainer. Sie könne Mathe oder Bio, sagt sie, nur auf deutsch begreifen, nicht in ihrer Muttersprache auf spanisch. Zur Leichtathletik kam sie, weil ihre ältere Schwester das gemacht hat, zum Hürdensprint kam sie, weil ihr Trainer sie da am talentiertesten fand. Und sie selbst findet das inzwischen schwer okay so. Hürdensprint, ja, das sei es, sagt sie. Flachsprint, das wäre ihr zu langweilig. Und ja, das mit Olympia, das sei schon in ihrem Kopf. Sie sagt das nicht mit dieser Wucht, mit der es laut Ellrotts Schilderung einst dessen Athletin Carolin Nytra gesagt hatte. Aber einfach mal so dahingeplappert ist es auch nicht. Sechsmal pro Woche habe sie in Peru trainiert, als das noch ging. Ihre gute Technik, ihre gute Beweglichkeit kommt von ihrem Kinder-Sport. Bis sie elf war, habe sie geturnt, sagt sie.

In Bremen ist sie in der Neustadt in eine Studenten-WG gezogen, da sind sie jetzt sehr international aufgestellt. Deutschland, Indonesien, Peru, das wären dann die Länderflaggen. Womöglich wird ab und an gepuzzelt, zumindest sagt Mariana Olivares, dass sie das gerne macht. Das passt auch ganz gut zum Hürdensprint, das ist auch irgendwie ein Puzzle. Schnelligkeit, Technik, Timing, als Puzzleteil gedacht dürfte keines davon fehlen. Hürdenlauf gehöre zu den herausforderndsten Sachen in der Leichtathletik, sagt Jens Ellrott.

Der Athlet, die Athletin stehe am Startblock und habe jedesmal zehn Hürden vor sich. Zehn verdammte Hürden, wie ein Amerikaner das vielleicht sagen würde. Zehn Hindernisse, die auf dem Weg ins Ziel zur Falle werden können, in wenigen Sekunden kann viel passieren. Ein Sturz, ein Strauchler, ein Abbruch – keine Seltenheit. Auf Weltniveau werden die Hürden oft wie rasiert. Ist das Risiko hoch und lautet das Motto bisweilen: entweder stürzen oder siegen.

Weltniveau, das ist im Moment noch sehr weit weg für Mariana Olivares. Aber Olympia in Paris, wo sie für Peru eventuell auch mit einer Wildcard starten dürfte, das ist auch noch sehr weit weg. „Wir haben jetzt immerhin gut dreieinhalb Jahre Zeit bis Paris“, sagt Jens Ellrott. So lange, das ist zumindest der vorläufige Plan, will das Hürden-Talent aus Peru mindestens in Bremen bleiben. Also warum nicht? Warum es nicht versuchen? Der bildhafte Hürdenlauf bis Paris kann ja erst mal losgehen. Das Gute ist: Ach du Scheiße, das braucht niemand zu denken dabei.

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