Interview mit LSB-Präsident Andreas Vroom

„Finanzieller Schaden hängt von der Ausstattung des Vereins ab“

Das Coronavirus hat den Bremer Sport fest im Griff und könnte einige Klubs durchaus in Schieflage bringen. Andreas Vroom hält es für möglich, dass der Sport sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen könnte.
15.03.2020, 20:00
Lesedauer: 6 Min
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„Finanzieller Schaden hängt von der Ausstattung des Vereins ab“
Von Jörg Niemeyer
„Finanzieller Schaden hängt von der Ausstattung des Vereins ab“

LSB-Präsident Andreas Vroom glaubt, dass die Krise vielen Menschen verdeutlichen könnte, welche Bedeutung Sport und Bewegung haben und welche sozialen Kontakte der Sport ihnen ermöglicht.

Frank Koch

Herr Vroom, wann haben Sie zuletzt selbst Sport gemacht?

Andreas Vroom: Mittwochabend.

Allein oder in der Gruppe?

Selbstverständlich in der Gruppe – da macht Sport viel mehr Spaß. Ich war in meiner Männersportgruppe mit Basketball, Volleyball und Gymnastik. Wir waren zu acht von zwölf.

Und immer in Gedanken beim Coronavirus?

Ja, schon. Es sind in unserer Gruppe auch einige aus der Gesundheitsbranche aktiv. Wir haben uns nach den neuen Regeln begrüßt, aber es fiel beim Volleyball schwer, auf das übliche Abklatschen zu verzichten, dafür war Basketball endlich mal völlig kontaktlos.

Vom Sportmachen gemeinsam in der Gruppe wird ja abgeraten. Haben Sie schon einen Plan, wie Sie Ihre persönlichen sportlichen Aktivitäten in den kommenden Wochen gestalten werden?

Ja, ich habe meine Sportgeräte im Garten noch aufgestockt.

Sie gehen also davon aus, dass Sie bis auf Weiteres individuelle Übungseinheiten machen müssen.

Ja, wenigstens einige Wochen. Ich hoffe aber, dass nach einer Phase der konsequenten und einheitlichen Unterbrechung des Übungsbetriebs möglichst bald wieder Freiheiten zugelassen werden. Es gibt viele risikoärmere Sportarten wie zum Beispiel Tennis. Wir werden mit dem LSB-Präsidium und den LSB-Mitarbeitern im engen Austausch mit den Verbänden und Vereinen stehen.

Nun wirkt sich die Globalität diesmal in ganz spezieller Weise auf den Sport aus, der weltweit praktisch zum Erliegen gekommen ist. Haben auch Sie den Eindruck, dass ein Science-Fiction-Szenario nun Wirklichkeit geworden ist?

In dieser Form hat sicher keiner damit gerechnet. Aber ich gucke auch nach vorne und frage mich: Was bedeutet das eigentlich? Die derzeitige Lage kann uns noch mal sehr viel bewusster machen, welche Rolle Sport und Bewegung im Verein in unserem Leben einnehmen – und das passt eben nicht zum geringen Stellenwert, den der Sport aktuell gerade bei der finanziellen Berücksichtigung im bremischen Haushalt einnimmt.

Der Bremer Sport hat mit zu geringer finanzieller Ausstattung oder maroden Sportstätten ohnehin schon große Sorgen. Und nun schlägt auch noch das Coronavirus zu. Besteht die Gefahr, dass dringende Themen wegen der Aktualität auf der Strecke bleiben könnten?

Das betrifft sicherlich nicht nur den Sport. Jetzt stellt sich die Frage, was für die Bevölkerung wichtig ist. Aber vielleicht machen sich einige Menschen nun Gedanken, welche Bedeutung der Sport für sie hat und welche sozialen Kontakte sie über den Sport haben. Vielleicht kann für den Sport aus der gegenwärtigen Lage sogar eine positive Entwicklung herauskommen, ohne dass es sarkastisch klingen soll.

Sie meinen also, es könnte den Einen oder die Andere noch mal aufrütteln?

Ja, durchaus, weil der von Ehrenamtlichen organisierte Sport oft als Selbstverständlichkeit hingenommen wird. Jetzt zeigt sich, dass der Sport für den Alltag vieler Menschen so wichtig ist. Das schärft möglicherweise den Blick für die Zukunft.

Wie wahrscheinlich ist es, dass aufgrund des Coronavirus Vereine finanziellen Schaden nehmen werden?

Das hängt von der Ausstattung des Vereins ab. In Vereinen mit eigenen Sportanlagen läuft der Großteil der Kosten weiter. Eigentlich dürften für die gesperrte Zeit in den öffentlichen Hallen keine Mietkosten anfallen. Diese Kosten sind aber nicht so hoch. Wie weit Übungsleiter- und Trainervergütungen anfallen, liegt an den individuellen Verträgen mit den Vereinen. Aber die hauptamtlichen Kräfte, die in den größeren Vereinen inzwischen lebensnotwendig sind, müssen auf jeden Fall weiter bezahlt werden.

Und dafür benötigen die Vereine die Mitgliederbeiträge.

Die Beiträge sind deren wesentliche Einnahmequelle, aber Mitgliederbeiträge sind juristisch anders zu bewerten als Fitnessstudiogebühren. Beim kommerziellen Anbieter habe ich grundsätzlich einen Anspruch auf ein Sportangebot, beim Sportverein nicht. Ich bin übrigens gespannt, wie die Behörden mit der Thematik der Studioschließung umgehen werden.

Das Thema Finanzen könnte die Vereine und den LSB also noch länger beschäftigen.

Für uns ist es eine neue Situation. Dass eine Entscheidung praktisch den gesamten Sport zum Erliegen bringt, hat es ja noch nie gegeben. Das zerreißt mir fast das Herz. Ich hoffe, dass sich die Mitglieder ähnlich wie 2015, als viele Sporthallen wegen der Unterbringung von Flüchtlingen nicht zur Verfügung standen, solidarisch mit ihrem Verein zeigen. Und ich glaube auch nicht, dass die Mitglieder ihren Vereinen jetzt den Rücken kehren. Falls das anders sein sollte, kommen wir allerdings in eine große Schieflage. Wir werden uns dafür einsetzen, dass die angekündigten Wirtschaftsstützen auch für Sportvereine gelten müssen.

Gibt es Maßnahmen, die der LSB ergreifen könnte?

Wir haben keine freien finanziellen Mittel, um Vereinen unter die Arme greifen zu können. Unsere personellen Kapazitäten sind arg begrenzt, aber mit allem, was wir mit haupt- und ehrenamtlichem Einsatz leisten können, werden wir den Vereinen und Verbänden zur Seite stehen.

Ist der LSB mit Nachfragen aus den Vereinen schon gelöchert worden?

Das Telefon steht nicht still. Aber wir sind ja keine Behörde, wir können nichts entscheiden, sondern nur Empfehlungen aussprechen. Einige Fachverbände und Vereine waren in ihren Entscheidungen aber schon vorangegangen und hatten Trainingsbetriebe und Sportanlagen bereits geschlossen, bevor wir am Freitag die Empfehlung aussprachen.

Der LSB ist Dachverband der Sportler, aber ja auch ein Unternehmen mit zahlreichen Beschäftigten. Wie handlungsfähig ist der LSB überhaupt?

Bei uns ist gerade am Samstag eine Klausurtagung abgesagt worden, weil ein Referent Covid-19-Symtome zeigte. Wir diskutieren, ob wir am kommenden Donnerstag unsere Hauptausschusssitzung absagen werden. Wie wir mit unseren Gremien umgehen, müssen wir schauen. Besonnenes und doch zügiges Agieren ist jetzt wichtig, Panik bringt uns nicht weiter. Vielleicht wird es bei uns die eine oder andere Telefonzuschaltung mehr geben. Im Umgang mit der LSB-Geschäftsstelle haben wir unsere Mitgliedsorganisationen aufgefordert, auf Besuche zu verzichten und telefonisch oder per Mail Kontakt aufzunehmen.

Wie wird es weitergehen?

Ich hoffe nach dem entschlossenen Handeln in Bund, Ländern und auch im organisierten Sports, dass die Lage in vier Wochen schon wieder ganz anders aussehen wird und wir unter Umständen keine langfristigen Notfallpläne benötigen. Wenn aber dann die Anweisung besteht, dass alle zu Hause bleiben sollen, steht ganz Deutschland vor großen Herausforderungen. Egal wie es kommt, der Sport wird Lösungen finden – das trauen wir uns zu. Aus Krisen können auch Chancen entstehen. Erkenntnisse gegen den Klimawandel, neue Arbeitszeitmodelle und auch neue Erkenntnisse für die Sportorganisationen.

Hat der LSB schon einen Zeitplan entworfen?

Nein, jetzt betrachten wir erst mal den Zeitraum der nächsten vier Wochen. Zwei Wochen mehr als die üblichen Osterferien sollten für den normalen Vereinssport nicht das große Problem sein. Bitter sieht es für die Leistungssportler aus. Die wissen nicht, ob die großen Wettkämpfe auch stattfinden werden, auf die sie sich seit Monaten vorbereiten. Einen Trainingsrückstand von mehreren Wochen holen diese Sportler eigentlich nicht mehr auf.

Als LSB-Präsident, Vereinsvorsitzender, Übungsleiter und aktiver Sportler betrachten Sie die Lage aus gleich vier verschiedenen Perspektiven. Haben Sie bei der Beurteilung der Lage auch vier unterschiedliche Meinungen?

Als Sportler sage ich: Ich werde in den nächsten Wochen wohl so viel Zeit für mein eigenes Training haben wie noch nie. Als Übungsleiter weiß ich, dass zum Beispiel die Kinder die Bewegung so dringend brauchen. Es ist bedauerlich, dass mir jetzt Wochen für die motorische Schulung der Kinder fehlen werden. Auch meine Erwachsenen klagen nach zwei wöchiger Nichtteilnahme wieder über Rückenschmerzen. Ich kann an jeden, der einigermaßen gesund ist, nur appellieren: Laufen, Radfahren, Liegestütze oder ähnliches gehen immer. Als Vereinsvorsitzender überwiegt aktuell, wie auch schon als Übungsleiter, die Vorsorge für die Mitglieder. Als LSB-Präsident kommt noch die Sorge dazu, wie die Organisationen diese Krise überstehen werden.

Wie würden Sie grundsätzlich den Umgang mit dem Thema Coronavirus beschreiben?

Ich bin froh, dass die Politiker auf Bundes- und Landesebene am Freitag ein klares Statement abgegeben haben. Für mich ist es keine Frage, da entschlossen an der Seite zu stehen. Dieses gemeinsame Vorgehen finde ich sehr positiv. Ich glaube, nur so können wir mit dieser Krise umgehen, auch wenn einige es hysterisch nennen.

Was raten Sie als LSB-Präsident den Verbänden und Vereinen, was raten Sie jedem einzelnen Sportler für die kommenden Wochen?

Ruhe bewahren, Sicherheitsvorkehrungen ernst nehmen und soziale Kontakte auf das notwendige Maß beschränken. Das Leben wird nicht stehen bleiben. Jeder für sich sollte das Thema Bewegung nicht aus dem Blick verlieren – es nützt nichts, sich 24 Stunden in der Dunkelkammer zu verkriechen. Ein Spaziergang, eine Joggingrunde oder eine Radtour können dem Körper nur gut tun.

Das Interview führte Jörg Niemeyer.

Info

Zur Person

Andreas Vroom (52)

ist seit November 2014 Präsident des Landessportbundes Bremen, Vorsitzender des TuS Komet Arsten, Übungsleiter im Turnen und vielseitiger Sportler. Der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann und studierte Betriebswirt ist verheiratet und Vater von zwei
Söhnen.

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