Trainer der Fischtown Pinguins im Interview

„Wir müssen zeigen: Eishockey funktioniert“

Thomas Popiesch ist Trainer des Bremerhavener Eishockey-Klubs Fischtown Pinguins. Im Interview spricht er über seinen Job beim Nationalteam, den ungewissen Ligastart und den unnormalen normalen Sommer.
05.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir müssen zeigen: Eishockey funktioniert“
Von Olaf Dorow
„Wir müssen zeigen: Eishockey funktioniert“

"Das werden anspruchsvolle Tage": Pinguins-Coach Thomas Popiesch vor seinem Interimsjob als Bundestrainer.

Lino Mirgeler /dpa

Herr Popiesch, der Bundestrainer Toni Söderholm hat Sie angerufen und gefragt ob Sie beim Deutschland-Cup in Krefeld einspringen können, da er positiv auf Corona getestet wurde. Zunächst mal: Wie geht es ihm?

Thomas Popiesch: Er hatte ein paar Symptome, auch Fieber. Aber es geht ihm schon deutlich, deutlich besser. Es ist mehr dieses Bewusstsein, dass das Ganze eben auch dort hingekommen ist.

Wie haben Sie reagiert?

Er hat zunächst erst mal gefragt, ob es organisatorisch möglich ist. Für mich ist es, wenn man das so sagen darf, gut, dass wir im Februar schon mal zusammengearbeitet haben. Deshalb hat er gesagt: Du kennst die Abläufe. Wir waren damals mit dem Top Team Peking (Perspektiv-Team für die Olympischen Spiele 2022, d. Red.) in der Schweiz unterwegs. Ich war da als Cotrainer dabei und weiß deswegen, wie er das angeht und haben möchte. Das war vielleicht auch der Punkt, warum er jetzt mich angerufen hat.

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Spüren Sie Genugtuung oder Stolz? Oder eher die Belastung? Fast zeitgleich war Trainingsstart der Pinguins.

Genugtuung ist ein komisches Wort. Das gefällt mir in dem Zusammenhang nicht.

Lassen Sie uns Stolz nehmen . . .

. . . ja, das auf alle Fälle. Das ist ja immer eine Auszeichnung, wenn man für die Nationalmannschaft arbeiten darf. Und ich denke, nicht nur für mich. Sondern für den kompletten Standort Bremerhaven. Das ist schon auch eine Art Belohnung.

Bremerhaven hat sich etabliert und nicht mehr den Ruf: Ach ja, die sind auch dabei?

Wir sind jetzt vier Jahre dabei in der DEL. Im ersten wurde gesagt: okay, Neuling. Im zweiten: Das zweite ist schwieriger, da müssen sie sich beweisen. Wir haben uns bewiesen. Wir haben inzwischen eine Kontinuität 'reingebracht und werden jetzt quasi als vollwertiges Mitglied wahrgenommen. Das ist genau das, was man als Neuling in den ersten drei, vier Jahren erreichen möchte.

Müssen Sie sich mit der Aufgabe in Krefeld neu organisieren? Ist alles etwas chaotisch?

Nein. Ich hatte schon am Sonntag hier vor Ort auch mit den Betreuern alles besprochen. Es ist kein Problem. Es ist nur so, dass der Martin (Pinguins-Co-Trainer Martin Jiranek, d. Red.) das hier drei Tage lang allein machen muss. Das wird er schaffen, da bin ich guter Dinge. Und auch bei der Nationalmannschaft ist alles organisiert. Das ist nicht das Problem.

Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte beim Deutschland-Cup?

Das sind die Vorgaben von Toni Söderholm, das passiert in enger Absprache mit ihm.

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Nach den Absagen ist jetzt neben Deutschland und Team Peking nur noch Lettland dabei. Geht es vorwiegend darum, Eishockey mal wieder eine Präsenz zu verschaffen?

Das ist genau der erste Punkt. Wir müssen zeigen: Eishockey funktioniert. Funktioniert auf diesem Niveau und mit den Hygienekonzepten. Wir haben jetzt den Start mit der Nationalmannschaft, dann mit den Pinguins den Magenta-Cup. Wir müssen einfach zeigen, dass wir da sind.

Gibt es einen zweiten Punkt?

Das zweite Ziel muss der sportliche Wert sein. Okay, es ist nicht Russland oder die Slowakei da. Aber Lettland ist bei den WMs oft auf Augenhöhe mit uns. Die deutschen Spieler, die wenig auf dem Eis waren, treffen auf eine lettische Mannschaft, die seit Monaten voll im Spielbetrieb ist. Das ist eine große Herausforderung. Die jungen Spieler aus dem Team Peking wollen sich beweisen. Das werden anspruchsvolle Tage.

Ist es nur ein Randaspekt, dass keine Zuschauer zugelassen sind?

Daran werden wir uns gewöhnen müssen. Es kann die ganze Saison so sein. Gut, viele lettische Spieler sind in der KHL dabei (russische Profiliga, d. Red.), da wird noch vor Zuschauern gespielt. Das wird vielleicht auch eine Umgewöhnung für sie. Es ist erst mal sekundär. Andererseits haben wir auch im Fußball gesehen, dass sich manche von einem Hexenkessel mehr motivieren lassen und andere dadurch etwas gehemmter sind.

Gerade Eishockey lebt von dieser Hexenkessel-Stimmung . . .

. . . ich habe es in der NHL (amerikanische Liga, d. Red.) gesehen. Ohne Zuschauer war es anfangs gewöhnungsbedürftig. Je mehr du so spielst, desto mehr gewöhnst du dich dran. Obwohl ich zugeben muss: Bei dem Geisterspielen im Fußball habe ich manchmal abgeschaltet. Da kam ich mir dann doch vor wie auf einem Trainingsplatz.

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Herr Popiesch, wie haben Sie die lange Pause mit den ständigen Verschiebungen für den Saisonstart erlebt?

Ich will nicht sagen: Es war normal. Normal war in diesem Sommer gar nichts. Aber von den Abläufen her war vieles erst mal wie sonst auch. Statt Scouting vor Ort gab es viel Homeoffice. Viele internationale Spiele, die man sich angeschaut hat. Die Fortbildungen oder Coaching-Seminare, die sonst bei einer WM im Mai stattfinden, die gab es diesmal online. Trainingspläne erstellen, Kontakt zu den Spielern halten, das stand dann schon wieder an. Wegen der Verschiebungen haben wir viel Zeit mit Umgestaltung verbracht. Im Großen und Ganzen war es aber vergleichbar mit den Vorjahren.

War es schwierig, die Spieler bei Laune zu halten und ihre Fitness zu bewahren?

Zu hundert Prozent. Jeder hat seinen Aufbau, das wurde immer wieder unterbrochen und nach hinten gezogen. Für den einen oder anderen ist das schon schwierig, immer wieder in diese Ungewissheit zu gehen. Aber wir haben einen super Kern in unserer Mannschaft, die Jungs pushen sich auch gegenseitig. Das ist schon mal viel Wert.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Saison nun wenigstens Mitte Dezember losgeht?

Leider Gottes habe ich bis jetzt mit Prognosen daneben gelegen. Ich habe gesagt, dass die Play-offs nicht abgesagt werden. Ich war optimistisch, dass die Saison normal startet, dann war ich optimistisch, dass wir am 13. November starten. Jetzt bin ich auch optimistisch, dass wir im Dezember vielleicht mit weniger oder gar keinen Zuschauern irgendwie 'reinkommen und den Sport nach vorne bringen.

Aber?

Ich kann das nicht wirklich beeinflussen. Zum Schluss muss es wirtschaftlich passen. Wenn acht oder zehn oder alle 14 Geschäftsführer sagen, dass wir es auch ohne Zuschauer schaffen können, dann bin ich eben optimistisch. Aber ich weiß nicht, ob das alle können. Wir in Bremerhaven sind zu hundert Prozent bereit zu spielen.

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Die Bereitschaft scheint in Bremerhaven größer als anderswo.

Ich glaube, die war anderswo auch da. Nur: Wenn man das wirtschaftlich nicht umsetzen kann, ist das eine andere Hausnummer. Wenn in Köln 17 000 ins Stadion passen und die Mannschaft so und so teuer ist, dann kann ich mir das eben nicht leisten. Das ist zu akzeptieren. Zuletzt hatten aber immerhin acht Klubs die Bereitschaft erklärt, auch ohne Zuschauer erst mal anzufangen.

Jetzt aber erst mal Krefeld. Ist es für Sie eine Überlegung wert, auch mal länger für einen Verband statt für einen Verein zu arbeiten?

Man soll nie nie sagen. Aber im Moment und für die nächsten Jahre könnte ich mir das nicht vorstellen. Mein Fokus ist mehr auf dieser Tagesarbeit. Wir haben im Verein normalerweise 70, 80 Spiele pro Jahr, ich sehe die Spieler 180 Tage. Da kann ich anders Einfluss nehmen.

Das Gespräch führte Olaf Dorow.

Info

Zur Person

Thomas Popiesch (55) trainiert seit 2016 den DEL-Klub Fischtown Pinguins. Der gebürtige Berliner springt derzeit beim Deutschland-Cup gemeinsam mit U18-Nationalcoach Stefan Ziesche für den erkrankten Bundestrainer Toni Söderholm ein.

Info

Zur Sache

Entscheidung am 19. November

An diesem Donnerstag beginnt in Krefeld der Deutschland-Cup, an dem allerdings nur noch drei Teams teilnehmen werden. Um 19.45 Uhr (Sport1) trifft die von Fischtown-Pinguins-Trainer Thomas Popiesch aushilfsweise betreute deutsche Nationalmannschaft auf das deutschen Olympia-Perspektiv-Team. Am 11. November wollen die Pinguins dann in den Magenta-Cup starten, an dem acht DEL-Klubs teilnehmen und der vor allem von der Telekom finanziell unterstützt wird. Am 19. November wollen die 14 DEL-Manager im Rahmen einer Videokonferenz eine Entscheidung über den Saisonstart fällen. Bislang steht der 18. Dezember im Raum.

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