Fußball-Profi in Spanien

„Es ist der richtige Schritt“

Werders Rekordspielerin Lisa-Marie Scholz verlässt Bremen, um in Spanien für ein Jahr als Fußball-Profi zu leben.
27.06.2020, 15:26
Lesedauer: 6 Min
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„Es ist der richtige Schritt“
Von Mathias Sonnenberg
„Es ist der richtige Schritt“

Ein Abschiedsfoto im Weserstadion: Lisa-Marie Scholz verlässt Werder Bremen nach elf Jahren und möchte in Spanien als Fußball-Profi leben.

Christina Kuhaupt

Frau Scholz, wir haben gerade Fotos im Weserstadion von Ihnen gemacht. Haben Sie dort in Ihren elf Werder-Jahren eigentlich mal gespielt?

Lisa-Marie Scholz: Nein, nur ein einziges Mal trainiert, weil der Rasen sowieso ausgetauscht werden musste. Aber so ein großes Stadion wäre auch merkwürdig gewesen, da hallen dann ja alle Schreie und Rufe wieder zurück. Ich habe auf Platz 12 angefangen, dann sind wir auf Platz 11 umgezogen. Und ich habe mich da immer sehr wohlgefühlt.

Jetzt verlassen Sie Werder.

Als ich unserer Abteilungsleiterin Birte Brüggemann die Entscheidung mitgeteilt habe, war das schon sehr emotional. Aber es ist der richtige Schritt, dieses Gefühl hat sich jetzt durchgesetzt.

Wann ist der Entschluss gereift, den Verein zu verlassen und nach Spanien zu wechseln?

Die Idee trage ich schon seit einigen Jahren in mir. Ich finde das Land sehr spannend und habe im Winter gedacht: Mensch, wenn du das jetzt nicht machst, dann machst du das vielleicht nie mehr in deinem Leben. Und da hatte ich hier intern mal angedeutet, dass ich mir vorstellen könnte, was anderes ab Sommer zu machen. Und die Idee hat sich dann so verfestigt, dass ich jetzt wirklich gehe.

Obwohl Sie nächste Saison wieder mit Werder in der Bundesliga spielen könnten.

Ja, aber es ist doch schön, mit einem Erfolg hier zu gehen. Das passt alles. Und es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mit Werder aufgestiegen bin.

Und jetzt also Spanien.

Genau, einen Verein habe ich aber noch nicht, da gibt es derzeit noch mehrere Möglichkeiten. Ich suche eher einen ruhigeren Verein, bei dem ich Land und Leute kennenlernen kann. Da sind wir aber auf einem guten Weg.

„Wir“, das heißt Sie und Ihr Berater?

Genau, er ist ein Spanier, aber wir kommunizieren auf Englisch. Der Kontakt ist über Umwege zustande gekommen.

Und er kümmert sich jetzt um Ihre Zukunft?

Richtig, ich habe ihm gesagt, was ich mir vorstelle. Ich bin ja auch schon etwas älter für eine Fußballerin, da war es nicht meine Ambition, zu einem Top-3-Klub zu kommen und Vollgas zu geben. Ich will Fußball spielen und die Dinge auf mich zukommen lassen – egal, ob in der ersten oder zweiten Liga. Wenn es einen interessanten Verein gibt, erzählt er mir davon, erklärt die Vor- und Nachteile.

Und warum Spanien und nicht England als aufstrebende Frauenfußball-Nation?

Das Land an sich hat mich immer fasziniert und ich möchte die Sprache lernen. Aber die Spanier sind ja generell fußballverrückt, die schauen sich einfach gerne die Spiele an, egal in welcher Liga, es sind immer viele Zuschauer da. In der ersten Frauen-Liga gibt es sogar ein Mindestgehalt für die Spielerinnen, das gibt es in Deutschland nicht.

Wie hoch ist das?

16 000 Euro brutto pro Saison. Und das wird dann aufgestockt durch Prämien oder Leistungen wie Wohnung, Auto oder andere Dinge.

Lassen Sie mich raten: Sie wollen eine Wohnung mit Meerblick?

Nein, nein, so weit ist es noch nicht. Ich werde meine Bedürfnisse sowieso sehr reduzieren. Ich brauche wirklich nur so viel, wie ich zum Leben benötige. Ich gehe nicht nach Spanien, um so viel Geld zu verdienen, dass ich sogar was sparen kann. Für mich ist wichtig, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben nur auf Fußball konzentrieren kann. In Deutschland habe ich ja immer noch nebenbei als Operationstechnische Assistentin im Krankenhaus gearbeitet. Also wäre das in Spanien dann ein echter Luxus für mich.

Ihren Job haben Sie in Bremen gekündigt?

Nein, ich werde ja nur für ein Jahr nach Spanien wechseln. Ich habe mich hier in Bremen für ein Jahr beurlauben lassen und denke, dass ich in einem Jahr wieder anfange.

Also ist alles auf ein Jahr ausgelegt?

Ja, das verschafft mir auch ein bisschen Sicherheit. Ich hoffe, dass ich meine Wohnung für ein Jahr untervermieten kann. Ich bin sehr dankbar, dass ich jetzt die Chance bekomme, ein Jahr als Fußball-Profi zu leben. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich das Jahr verlängere, ist trotzdem ziemlich gering.

Sie gehen also nicht nach Spanien, um Ihrem Leben generell eine neue Wendung zu geben?

Ich möchte einfach die Erfahrung machen, wie es ist, im Ausland zu leben. Ich will schöne Momente erleben. 2015 war ich mal für drei Monate in Florida, um dort in einer Sommer-Liga Fußball zu spielen. Das war schon eine tolle Erfahrung. Da habe ich durch den Fußball so viele neue Menschen kennengelernt, das möchte ich jetzt in Spanien auch so machen. Und das geht über den Sport einfach am besten.

Sie haben 2005 mit 15 Jahren Ihr Bundesliga-Debüt in Rheine gegeben. Wie kann man denn so jung Bundesliga spielen?

Ich hatte das Glück, bei einem Verein zu spielen, der schon immer jungen Spielerinnen die Chance gegeben hat, sich auszuprobieren. Eine Mitspielerin aus meinem Jugendverein in Glane hatte eine Einladung zum Probetraining in Rheine. Sie wollte aber nicht alleine kommen und hat gefragt, ob sie noch jemanden mitbringen kann. Und dann sind wir beide dahin, mit 15 Jahren machst du einfach und denkst nicht groß nach. Und plötzlich habe ich in der Bundesliga gespielt, das war schon aufregend. Ich weiß noch, dass wir in den Bus eingestiegen und nach München zum Punktspiel gefahren sind. Wahnsinn, davor war ich immer nur auf Kreisebene unterwegs, das war plötzlich eine andere Welt.

Klingt fast danach, also ob Sie aus Versehen Bundesligaspielerin wurden.

Ja, tatsächlich, ein bisschen war das so. Es ging am Ende schneller als gedacht.

Wie hat der Frauenfußball sich in diesen 15 Jahren verändert?

Wir haben viel mehr Ansehen bekommen, es ist professioneller geworden, in ganz vielen Bereichen. Es wird viel mehr auf die Spielerinnen geachtet. Früher gab es einen Physiotherapeuten, der zweimal die Woche gekommen ist und dann wollten alle auf einmal behandelt werden. Heute haben wir einen festen Physio, der immer für uns da ist. Das Umfeld ist viel professioneller geworden.

Wo hat der Frauenfußball Nachholbedarf?

Diese Lücke zwischen den Vereinen ist sehr groß. In der Bundesliga gibt es drei Top-Klubs, die alles beherrschen und einkaufen, wie sie wollen. Dort wird professionell Fußball gespielt, die Spielerinnen müssen nicht noch nebenher arbeiten, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Mannschaften, die dahinter stehen, haben große Probleme, da mitzuhalten. Die Liga ist dadurch sehr geteilt. Ich weiß ja, wie das ist, wenn man abends gegen Bayern München spielt, vorher aber noch sieben Stunden arbeiten muss. Das sind ungleiche Voraussetzungen.

War das mal Ihr Ziel, bei einem Verein in Deutschland professionell zu spielen?

Für ein, zwei Jahre wäre das schon gut gewesen, das hätte ich mir gewünscht. Aber ich war auch in Bremen immer sehr glücklich und zufrieden, sonst wäre es ja auch nicht so eine lange Zeit geworden. Und ich habe hier im Krankenhaus immer nur eine halbe Stelle gehabt, das kann sich auch nicht jeder leisten. Da war ich schon dankbar, dass ich mehr Zeit hatte für den Fußball.

Wenn Sie 2021 aus Spanien nach Bremen zurückkehren, spielen Sie dann wieder für Werder in der Bundesliga?

Gute Frage, dann bin ich ja noch ein Jahr älter. Ich könnte mir das schon vorstellen, aber auch da will ich heute noch keine Entscheidung treffen. Ich nehme es so, wie es kommt. Werder muss das ja dann auch wollen. Wenn ich mich danach fühle, mache ich das. Aber ich spüre schon, dass es bei mir im Fußball dem Ende entgegen geht.

Woran merken Sie das?

Früher bin ich raus auf den Platz und hab‘ aufs Tor geschossen. Geht heute nicht mehr, es ist schon alles etwas schwerfälliger. Aber ich suche nach Wegen, wie ich dem Fußball weiter treu bleiben kann, da gibt es schon ein paar Ideen. Und hoffentlich kann ich dann auch meine Erfahrungen aus Spanien nutzen.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Lisa-Marie Scholz (31)

wechselte 2009 vom FC Gütersloh zu Werder Bremen. Mit 246 Pflichtspielen ist sie Werders Rekordspielerin, seit 2018 war sie auch Kapitänin. 2015, 2017 und 2020 stieg sie mit Werder in die Bundesliga auf. Für die Bremer erzielte sie 33 Tore.

Info

Zur Sache

Aus dem 1. FFC wird jetzt Eintracht Frankfurt

Sieben Meistertitel, neun DFB-Pokalsiege und vier Champions-League-Triumphe stehen in der Vereinsvita des 1. FFC Frankfurt. Mehr werden es nicht mehr, am Sonntag bestreitet der Klub sein letztes Spiel unter dem alten Vereinsnamen. Nach der Fusion mit Eintracht Frankfurt will der Verein, in deren Reihen Weltklassespielerinnen wie Birgit Prinz, Steffi Jones oder Celia Sasic standen, unter neuem Namen in der Frauen-Bundesliga an alte Erfolge anknüpfen. Dort wird er auch auf Aufsteiger Werder Bremen treffen. „Der 1. FFC hat die Geschichte des deutschen Frauenfußballs in den vergangenen 20 Jahren geprägt wie kein anderer Klub“, sagte Eintracht-Vorstand Axel Hellmann. Für Sasic waren die Jahre in Frankfurt „die erfolgreichsten meiner Karriere. Für mich wird diese Zeit immer unvergesslich bleiben.“

Im August 1998 ging der 1. FFC Frankfurt aus der SG Praunheim hervor. Gleich in der ersten Saison unter dem neuen Namen wurde der Verein erstmals Meister. Unter dem Dach der Eintracht wollen die Frankfurterinnen nun wieder sportlich angreifen. „Natürlich wollen wir oben anklopfen und sobald wie möglich auch wieder international spielen. Klar ist aber, dass wir einen organischen Entwicklungsprozess anstreben und nichts überstürzen“, sagte Dietrich zu den Zielen. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg traut den Hessinnen einiges zu: „Ich bin mir sicher, dass die Eintracht und der FFC künftig unter einem Dach Großes schaffen werden.“

Die Fusion soll sich aber nicht nur für den Verein auszahlen, sondern auch Signalwirkung für die gesamte Branche haben. „Es ist ein starkes Zeichen nicht nur für den Fußball in Frankfurt, sondern in ganz Deutschland. Ich hoffe, dass weitere Clubs dem Vorzeigemodell der beiden Frankfurter Vereine folgen und dadurch den Frauenfußball sportlich, gesellschaftlich und wirtschaftlich voranbringen“, sagte DFB-Präsident Fritz Keller.

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