Walking Football in Bremen

Fußball, aber langsam

Walking Football ist besonders bei Senioren beliebt. Laufen, intensiver Körperkontakt und Flanken sind verboten. Noch sind gehende Fußballer ein ungewöhnliches Bild. Zwei Bremer Vereine wollen das ändern.
21.10.2019, 21:30
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Fußball, aber langsam
Von Felix Wendler
Fußball, aber langsam

Kleine Tore, gemischte Mannschaften und viel Spaß: die Oold Steerns in ihrem Element.

Frank Thomas Koch

„Werner läuft zu viel“, mahnt Karl-Heinz Christiansen beim Schiedsrichter an. Christiansen, den alle Kalle nennen, ist Spielertrainer bei den Oold Steerns, den Walking Footballern des SV Werder Bremen. Jeden Montag leitet der 67-Jährige gemeinsam mit Sylvia Heitmüller das Training.

Fußballer, die über den Platz gehen, anstatt zu laufen: Was die Trainer vieler Mannschaften zum Fluchen verleitet, ist mittlerweile eine eigene Sportart. Walking Football hat seinen Ursprung natürlich in England und ist besonders bei Senioren beliebt. Gespielt wird auf einem kleinen Feld mit sechs Leuten pro Mannschaft. Die Regeln sind strenger als bei der klassischen Variante. Intensiver Körperkontakt und Flanken sind verboten. Und: Ein Fuß muss immer den Boden berühren.

Bei Werder Bremen kommt Walking Football gut an. Aktuell hat die Sparte 35 Mitglieder. „Wir sind einer der Leuchttürme des Sports“, sagt Nadja Pilzweger. Seit elf Jahren leitet sie das 60plus-Programm bei Werder Bremen. Beim Walking Football gehe es darum, älteren Menschen das Fußballspielen zu ermöglichen. Das fast körperlose Spiel minimiere das Verletzungsrisiko. „Es geht schon in Richtung Gesundheitssport“, sagt Pilzweger. Zwei Jahre lang wurde der Sport durch die Europäische Union finanziell gefördert.

Obwohl diese Förderung mittlerweile ausgelaufen ist, bleibt Walking Football bei Werder Bremen fester Bestandteil. Karl-Heinz Christiansen freut sich über die hohe Trainingsbeteiligung. Mindestens 20 Leute habe man in der Regel auf dem Platz. Das durchschnittliche Alter schätzt er auf über 70 Jahre. „Manche waren mal in der Krebsgruppe und können jetzt wieder Fußball spielen. Die stehen jeden Montag mit leuchtenden Augen auf dem Platz“, sagt Christiansen.

In Bremen wird Walking Football – mittlerweile von der Fifa offiziell als Sportart anerkannt – immer bekannter. Dazu beigetragen haben auch einige Bremer Berühmtheiten. Mehrmals schon gingen von Werder Ex-Manager Willi Lemke und Rekordspieler Mirko Votava für die Oold Steerns auf den Platz. Auch Benno Möhlmann nahm kürzlich am Training der Walking Footballer teil. Der Sportart könne er durchaus etwas abgewinnen, sagt Möhlmann. „Vor allem, wenn man mit Verletzungen zu tun hat, ist das eine gute Sache.“

Ein Durchschnittsalter von über 60

Zum ersten Mal schickte nun auch Tura Bremen eine Mannschaft in den Wettbewerb. Bei einem der größten deutschen Walking-Football-Turniere spielten zwölf Teams um den Titel. Die Gehfußballer von Tura verpassten am Ende den Sieg im westfälischen Steinhagen nur knapp. Erst im Finale setzte es gegen die Paderborner Mannschaft eine 2:3-Niederlage. „Das Durchschnittsalter der Turaner beträgt über 60 Jahre“, sagt Dirk Bierfischer. Der Vereinspräsident ist selbst Teil des Teams und freut sich über den Zuwachs beim Walking Football. Viele der aktuell zwölf Spieler kommen aus den eigenen Ü 50- und Ü 60-Mannschaften.

Auch zwei Mannschaften des SV Werder Bremen waren bei dem Turnier in Steinhagen dabei. Die Werderaner gehören zu den Vorreitern der Sportart in Deutschland. Im Jahr 2016 gründeten sie die erste Abteilung für Walking Football in Bremen. Seit einem Jahr starten die Oold Steerns nun in der Walking Football Liga – ein in Turnierform ausgetragener Modus. Hier messen sich die Werderaner mit den Teams von Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt und anderen Bundesligisten. Kürzlich traten die Oold Steerns zur Hinrunde in Gelsenkirchen an. Mit dem sechsten Platz ist Pilzweger zufrieden. Natürlich wolle jeder Fußballer gewinnen. „Trotzdem steht der Spaß an erster Stelle.“ Das sei nicht überall so, sagt sie. „Wir haben gegen Belgier gespielt, die waren unglaublich körperbetont.“

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In England gibt es bereits über 800 Vereine und diverse Ligen. Ob der Sport in Deutschland ähnlich populär wird? Tura-Präsident Dirk Bierfischer ist zuversichtlich: „Es ist ein gutes Angebot für Leute, die über ihren Zenit hinaus, nicht mehr so beweglich sind, aber Spaß am Fußball haben.“ Man wolle weiterhin versuchen, Spieler aus den Altherrenmannschaften für den Walking Football zu gewinnen. Karl-Heinz Christiansen nennt die Niederlande als Vorbild. „Da ist jede Mannschaft aus der ersten Liga verpflichtet, Walking Football anzubieten“, sagt Christiansen, der kürzlich für drei Wochen bei Ajax Amsterdam hospitiert hat.

„Es sieht schon etwas lustig aus“

Wie oft bei neuen Sportarten, haben auch die Walking Footballer mit einigen Startschwierigkeiten zu kämpfen. „Es sieht schon etwas lustig aus“, kann Bierfischer die Reaktionen von manchen Zuschauern verstehen. Auch die Regeln seien noch nicht ausgereift. Die strittigste Frage: Ist ein Spieler gelaufen oder nicht? „Das wird von den Schiedsrichtern nicht einheitlich genug gepfiffen“, findet der 66-Jährige. Nadja Pilzweger hat dazu eine klare Meinung. „Solange sich jemand keinen Vorteil verschafft, kann man das mal durchgehen lassen“, sagt sie. Konsequenter sollte hingegen hartes Einsteigen bestraft werden.

Im Frühjahr 2020 wollen auch die Turaner ihr erstes eigenes Turnier ausrichten. Bis dahin gibt es noch viel tun. „Die speziellen Tore kosten über 3000 Euro“, erklärt Bierfischer. Zur Not wolle man sie selbst bauen. Auch die Werderaner sind froh, nicht mehr die einzigen Walking Footballer in Bremen zu sein. „Wir wollen den Sport in möglichst vielen Vereinen vermitteln und verbreiten“, sagt Christiansen.

Info

Zur Sache

Lehrgang mit prominentem Gast

Der Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) veranstaltete am Montag in Bremen eine Fortbildung für Fußballlehrer und A-Lizenz-Trainer über 60 Jahre. Helmut Helken, stellvertretender Vorsitzender der Verbandsgruppe Nord, sprach zunächst mit Benno Möhlmann über dessen Werdegang als Fußballprofi und Trainer. Im Praxisteil begleiteten die Teilnehmer dann das Training der Walking Footballer.

Auch Möhlmann ging dabei im Werder-Trikot auf den Platz. Die Verbandsgruppe Nord kooperiert eng mit Werder Bremen. Im Vorstand sitzt unter anderem Dieter Eilts. Bei den gemeinsamen Lehrgängen versuche man Bewährtes und Neues – wie Walking Football – zu kombinieren, erklärt Helmut Helken.

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