Blindenfußball im Selbstversuch Fußball als wandelndes Hindernis

Kicken ohne zu gucken: Beim Blindenfußball müssen sich die Spieler ganz auf ihr Gehör verlassen. Das Spiel ist rasant. Zu rasant für unseren Autor – ein Selbstversuch.
04.08.2018, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Fußball als wandelndes Hindernis
Von Marlo Mintel

Den Ball schnappe ich mir. Meine Schritte werden schneller. Gedanklich male ich mir bereits aus, wie ich den Ball im Tor versenke. Es bleibt ein Traum, die Realität holt mich ein. Rums! Statt den Ball zu ergattern, knalle ich ungebremst mit meinem Kopf gegen eine Metalltür. Mein Schädel brummt. Nicht nur in dieser Szene tappe ich auf dem Spielfeld im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln. Um mich herum ist es zappenduster. Das liegt an der Dunkelbrille, die meine Augen bedeckt. Willkommen beim Blindenfußball in der Pauliner Marsch.

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Zugegeben: Meine fußballerischen Fertigkeiten sind begrenzt. Mindestens 15 Jahre ist es her, als ich als Jugendlicher regelmäßig in der D-Jugend beim SV Lilienthal/Falkenberg gekickt habe. Meinen damaligen Trainern bin ich sicherlich nicht als Edeltechniker in Erinnerung geblieben. Enge Ballführung war nie meine Stärke. Wie soll ich das runde Leder am Fuß führen, ohne etwas zu sehen? Für mich unvorstellbar. Für blinde Sportler jedoch Alltag. Ziel des Selbstversuchs bei Werder Bremen ist es, sich in die blinden Sportler hineinzuversetzen. Ich möchte nachvollziehen können, wie sie trotz ihres Handicaps diese beeindruckenden Leistungen erbringen können.

Mein Start in die Trainingseinheit beginnt vielversprechend. Ob oben links im Winkel oder rechts unten in der Ecke: Die Torschüsse landen zielsicher im Netz – geht doch. Allerdings kann ich da noch sehen. Nach zehn Minuten tippt mir Michael Arends, 33, auf die Schulter. Er leitet das Blindenfußball-Training bei Werder Bremen. Arends hält die undurchdringliche Brille in seiner Hand. Meine Wohlfühlzeit endet abrupt.

Ab jetzt muss ich mich auf mein Gehör verlassen. Arends rät mir, wenn ich in Ballnähe bin, mich mit „Voy, voy, voy“ bemerkbar zu machen. Das ist spanisch und heißt „Ich komme“. So sollen Zusammenstöße vermieden werden.

Anders als beim klassischen Fußball sind beim Blindenfußball Spielfeld und Tore kleiner, die Größe entspricht etwa den Ausmaßen beim Handball. Der Platz ist von Banden umrahmt. Während einer Partie stehen jeweils vier blinde Feldspieler und ein sehender Torwart auf dem Feld. Der Torhüter muss ständig auf der Linie kleben bleiben. Hinzu kommt ein nicht sehbehinderter Tor-Guide, der hinter dem gegnerischen Tor steht und seinen Mitspielern durch Rufe den Weg zum Tor weist. Der Ball hat eingebaute Rasseln. Die jüngsten Spieler der Blindenfußballgruppe von Werder Bremen sind sieben Jahre alt, die ältesten 16. Training ist immer montags von 14 bis 15. 30 Uhr. An den Einheiten nehmen sowohl blinde als auch sehbehinderte Kinder und Jugendliche teil.

Schon in den ersten Minuten mit der Dunkelbrille stelle ich fest, dass mir jegliche Orientierung auf dem Feld fehlt. Daran ändert auch die erste Übung nichts. Ohne Ball soll ich von Bande zu Bande laufen. Ich traue mich nicht, schnell zu laufen. Selbst dann nicht, wenn mir Arends versichert, dass die Bande noch weit entfernt ist und mir kein anderen Spieler im Weg steht. Ängstlich und verhalten bringe ich die Übung zu Ende, und es wird nicht besser. Ich soll mir einen Ball schnappen, dribbeln steht an. Der Ball soll eng am Fuß bleiben. Wie erwähnt, ist das selbst als Sehender nicht meine Stärke. Es dauert nur wenige Schritte, bis mir das Spielgerät zum ersten Mal wegrollt. Ich bin länger damit beschäftigt, nach dem Rasselball zu suchen, als mit ihm zu dribbeln. Klappt ja hervorragend, denke ich mir. Ich bin unzufrieden mit meiner Leistung. Die Übungen überfordern mich. Ich sehne mich nach einem Erfolgserlebnis. Meine Hoffnungen ruhen nun auf dem Trainingsspiel.

Wäre ich Profi in der Fußball-Bundesliga bei Werder Bremen, hätte ich mit meiner Darbietung längst den Unmut der Zuschauer auf mich gezogen. Ich bewege mich kaum vom Fleck. Alles geht viel zu schnell. Von außen ruft mir Arends zu: „Das machst du gut, Marlo.“ Ich bin perplex. Ich mache doch gar nichts. Das Spiel läuft an mir vorbei. Nur selten berühre ich den Ball.

Während ich mich wie ein wandelndes Hindernis fühle, spielt mein Mannschaftskamerad Jason Schindler stark auf. Der Zehnjährige ist agil, hat häufig den Ball – so zumindest deute ich die Rufe von außen. Jason ist seit seinem sechsten Lebensjahr blind. Er geht in Bremen an die Georg-Droste Schule, eine Schule für Sehen und visuelle Wahrnehmung in Schwachhausen, die mit Werder Bremen kooperiert. Das Fußballtraining am Montag ist für den Fünftklässler das „absolute Highlight des Tages“. Jason: „Weil ich mich da mit anderen messen kann. Das fehlt mir sonst.“ Der Schüler ist auf dem kleinen Feld ständig auf Ballhöhe. Wo das Leder, da ist auch Jason. Er vertraut seinem Gehör. „Wenn der Ball rasselt, weiß ich genau, wo er ist.“

Mir geht das leider nicht so. Ich irre weiterhin über den Platz. Doch auf einmal ist es da: das Erfolgserlebnis. Gegen Spielende stecke ich in einem Zweikampf. Mein Gegner zerrt an meinem rechten Arm. Auf keinen Fall will ich diesen Zweikampf verlieren, ich halte dagegen. Zum ersten Mal fühle ich mich während der Trainingseinheit richtig wohl. Ich gewinne den Zweikampf. Was ich nicht ahne: Ich stehe nun mit Ball frei vor dem gegnerischen Tor. Doch mir springt das Spielgerät zu weit vom Fuß. Vergeben ist die Chance. Ich habe es verpasst, mein erstes Tor als Blindenfußballer zu erzielen. Kurz darauf ist die Partie zu Ende. Ich bin froh, dass meine Blindheit nur vorübergehend war und ich die Dunkelbrille nun abnehmen darf. Nachdem ich unbeholfen und tapsig das Training abgeschlossen habe, ist meine Bewunderung für meine Mitspieler noch weiter gestiegen.

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