Zu Gast in der alten Heimat

„Sponsoren geben hier viel mehr Geld“

Mit dem FC Viktoria 1889 Berlin startet Trainer Benedetto Muzzicato in seine zweite Saison in der Fußball-Regionalliga Nordost. Zur Vorbereitung treten er und das Team zu zwei Spielen in Bremen an.
29.07.2020, 20:57
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Freye
„Sponsoren geben hier viel mehr Geld“

Benedetto Muzzicato hat als Spieler und Trainer in Bremen und dem niedersächsischen Umland viele Vereine kennengelernt. Seit einem Jahr ist er Coach des traditionsreichen FC Viktoria 1889 Berlin. Der Verein strebt die 3. Liga an, aber das möchten in der Regionalliga Nordost viele andere Klubs auch.

Marnie Orlob

Herr Muzzicato, zwar leben Ihre Frau und die beiden Kinder noch immer in der Stadt. Aber das war vermutlich nicht der Anlass für die Reise, sondern eher die beiden Testspiele gegen den FC Oberneuland und den Bremer SV.

Benedetto Muzzicato: Uns war klar, dass wir in diesem Jahr wegen Corona nicht wie üblich ins Trainingslager in der Nähe von Braunschweig fahren können. Wir wollten aber eine Teamreise machen, und nachdem sich ein erster Kontakt nach Hamburg zerschlagen hatte, geht es jetzt nach Bremen. Ich kann mit den Gegnern FCO und BSV auch sehr gut leben, das sind gute Mannschaften und gute Klubs. Wir bleiben bis Sonntag in der Stadt und werden neben den Spielen einige Teambuilding-Maßnahmen machen.

In gut einer Woche wird es für die Viktoria auch bereits ernst: Es geht im Halbfinale des Berliner Pokals gegen den Berliner SC, einen Sechstligisten. Sollten Sie den Wettbewerb gewinnen, käme in der ersten Runde des DFB-Pokals der 1. FC Köln. Wie wichtig wäre dieses Spiel für die Viktoria?

Das Geld nimmt schon mal jeder Klub gerne mit. Aber es geht auch ums Prestige, wir wären ja zum zweiten Mal in Folge dabei. Aber den Berliner Pokal zu gewinnen, wird sicher schwer genug. Gegen den Berliner SC wollen wir aber auf jeden Fall ein positives Erlebnis schaffen. Eine Woche darauf startet die Liga mit dem Spiel beim Chemnitzer FC, dem Absteiger aus der 3. Liga.

Sie sagen, das Geld vom DFB-Pokal nimmt jeder Klub gern mit. Es geht dabei um eine Summe von mindestens 150 000 Euro. Aber man gewinnt angesichts des Aufwands der Viktoria schnell den Eindruck: Auf Geld ist Ihr Verein eigentlich nicht angewiesen.

Uns geht es sicher besser als manch anderem Klub. Es ist auch kein Geheimnis, dass wir ambitioniert sind. Aber diese Summe kann einfach jeder gebrauchen.

Woher kommen die gute finanzielle Ausstattung und die Ambitionen?

Die Gesellschafter engagieren sich, weil der Verein riesiges Potenzial besitzt, gerade auch mit der Wucht durch eine große und erfolgreiche Jugendabteilung. Sie haben den Verein in einer schwierigen Situation aus der Insolvenz geführt und ihm mit der Ausgliederung des Profibereichs eine neue Struktur gegeben. Dass sie es ernst meinen, haben sie auch mit den Hamburg Towers bewiesen, die behutsam aufgebaut wurden und jetzt in der Basketball-Bundesliga spielen. Zur Gruppe gehört außerdem noch Austria Klagenfurt aus der 2. Liga in Österreich, ein ebenfalls sehr ambitionierter Klub.

Bei der Viktoria ist es ein Investor, nämlich der Hamburger Tomislav Karajica. Aber auch insgesamt scheint es finanziell viel Bewegung im Berliner Amateurfußball zu geben. Gleich sechs Mannschaften treten in der Regionalliga Nordost an, und davon wollen die meisten hoch in die 3. Liga.

Ja, etwa der BFC Dynamo. In diesem Jahr steigt der Regionalliga-Meister direkt in die 3. Liga auf, und deshalb legen alle noch mal nach. Aber Berlin ist eben auch ein riesiger Fußballstandort mit viel Tradition.

Und woher kommt das viele Geld?

Der Fußball im Nordosten ist ein ganz anderer. Er hat hier einfach einen anderen Stellenwert, was sich auch an den Zuschauerzahlen belegen lässt. Das werden wir in der neuen Saison noch viel mehr spüren, mit den Absteigern aus Chemnitz und Carl Zeiss Jena sowie Klubs wie Energie Cottbus, Lok Leipzig, dem BFC Dynamo, dem Berliner AK, VSG Altglienicke oder dem SV Babelsberg.

Dann gilt im Nordosten die Gleichung: Mehr Beachtung, mehr Geld?

Klar, das ist offensichtlich. Wir haben zum Beispiel vor 6700 Zuschauern in Cottbus gespielt. Insgesamt stecken die Sponsoren hier viel mehr Geld in den Fußball.

Bevor Investor Tomislav Karajica 2019 bei der Viktoria eingestiegen ist, hatte der Verein einen Geldgeber aus China. Angesichts seiner großzügigen Zusagen wurde kräftig eingekauft. Dann tauchte der Sponsor ab, und die Viktoria musste in die Insolvenz.

Das war im März, April, als ich mich gerade für die Viktoria entschieden hatte. Man hat mich damals überzeugt, dass es trotz der Insolvenz weitergeht, nur mit kleineren Summen.

Leidet der Verein nun auch an einem Imageproblem?

Wir haben schon eine Geschichte, waren Anfang des letzten Jahrhunderts zweimal Deutscher Meister und sind nach Mitgliedern der größte Fußballklub des Landes. Es steckt also eine Story hinter der Viktoria. Aber mit frischer Insolvenz war das Image schon ein Problem. Doch man merkt jetzt gerade bei den Neuzugängen, dass wir sie mit guter Arbeit überzeugen und nicht mit Geld.

In der Regionalliga unter professionellen Bedingungen arbeiten und verdienen zu können, dürfte aber auch ein Argument sein.

Das gibt es in der Regionalliga Nordost aus den geschilderten Gründen aber nicht so selten. Wir leisten bei der Viktoria einfach gute Arbeit, auch in der Betreuung der Jungs und im Umfeld. Das wird honoriert. Wir wollen eine gute Rolle spielen, machen aber keine überirdischen Dinge. Wir sind nicht Hoffenheim oder RB Leipzig, sondern punkten mit anderen Sachen.

Ihr Investor hat allerdings Pläne, und die sehen einen Aufstieg in die 3. Liga vor.

Das ist der Plan, richtig. Wer ambitioniert ist, muss Pläne haben. Aber wir müssen nicht in der kommenden Saison aufsteigen. Die Verantwortlichen wissen: Gut Ding will Weile haben – vor allem in dieser Regionalliga Nordost. Wir werden jetzt hart arbeiten und uns im Winter noch einmal zusammensetzen. Dann kann man vielleicht auch über neue Ziele reden.

Und Sie nehmen so lange in Kauf, allenfalls einmal im Monat zur Familie nach Bremen zu pendeln?

Die Familie fehlt mir, das ist klar. Aber es stimmt sehr viel bei der Viktoria, und das macht es leichter. Wir sind auf einem wirklich guten Weg. Ich mache das ja noch nicht so lange. Erst war ich bei der U 17 des FCO, dann Co-Trainer von Florian Kohfeldt bei Werders U 15, später wieder in Oberneuland, beim TB Uphusen und dem BSV Rehden. Bei der Viktoria habe ich nun die Chance, in einem ambitionierten Verein zu arbeiten.

Und dabei zu lernen, wie man mit Druck umgeht?

Die Verantwortlichen wollen Ergebnisse, und wir wollen die Saison nicht wieder mit dem achten Platz abschließen. Wenn wir stagnieren, kann auch mal der Trainer gewechselt werden. So etwas passiert, auch wenn ich jetzt das Vertrauen spüre.

Kommen wir nochmal zum ersten Testgegner: Der FC Oberneuland ist nun in die Regionalliga Nord aufgestiegen. Welche Chancen sehen Sie für die Bremer?

Ich kann mir erst am Freitag ein genaueres Bild machen. Aber im Fußball gibt es nichts, was es nicht gibt. Es kommt darauf an, ob sie die Umstellung hinbekommen und die Energie mitnehmen. Sie können das Ziel Klassenerhalt erreichen.

Die Fragen stellte Stefan Freye.

Info

Zur Person

Benedetto Muzzicato (41)

hat als Spieler und Trainer bei etlichen Vereinen in Bremen und dem Umland Station gemacht. Der gebürtige Bremerhavener beendete seine aktive Laufbahn 2015 beim FC Oberneuland, trat dort wenig später seinen ersten Trainerposten an und arbeitet seit dem 1. Juli 2019 für den Regionalligisten Viktoria Berlin.

Info

Zur Sache

Tests unter erschwerten Bedingungen

Die beiden Tests von Viktoria Berlin werden angesichts der Corona-Pandemie durch umfangreiche Hygiene-Maßnahmen begleitet. Zum Spiel beim FC Oberneuland an diesem Freitag (19.30 Uhr, Vinnenweg) sind maximal 300 Zuschauer zugelassen. Um die Einhaltung des Mindestabstands zu wahren, werden nur Sitzplätze angeboten. Das Spiel beim Bremer SV am Sonnabend (12 Uhr) wird am Hohweg vor ebenfalls maximal 300 Zuschauern ausgetragen. „Und dabei werden wir den Abstand überwachen“, sagt BSV-Spielleiter Franz Roskosch. Der Eintritt zu den Partien beträgt jeweils drei Euro.

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