Das Jahr 2020 der Bremer Amateurfußball-Szene Von Ailtons Ehrgeiz und tollen Aktionen

Unter den Folgen der Corona-Pandemie hat auch der Sport gelitten. Doch obwohl der Spielbetrieb stark eingeschränkt war: Der bremische Amateurfußball brachte auch positive Schlagzeilen hervor.
30.12.2020, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Freye

Die Corona-Pandemie hatte 2020 auch den Fußball fest im Griff – deutschlandweit und damit auch in Bremen. So gab es aus dieser Sportart nur wenig Positives zu berichten. Aber es gab sie im zurückliegenden Fußball-Jahr eben doch: die guten Nachrichten, die der WESER-KURIER in einer Auswahl zusammengestellt hat.

Einfach da sein und etwas Gutes mit der freien Zeit anfangen: Die vergangenen Monate wurden begleitet durch Hilfsaktionen der allzu oft beschäftigungslosen Fußballabteilungen. So hatte der Bremer SV seine ältesten Mitglieder bereits im Frühsommer mit Paketen versorgt. Sie enthielten Kaffee, Tee, Kekse, Kuchen, eine BSV-Tasse und die Gewissheit: Dein Verein kümmert sich. „Es ging nicht um Bedürftigkeit, sondern darum zu sagen: Der BSV ist da und denkt an euch“, sagte Präsident Peter Warnecke über die ungewöhnliche Aktion. Sie war initiiert worden von Thomas Dubiel, dem Leiter der BSV-Geschäftsstelle. Er übernahm die Verteilung, gemeinsam mit BSV-Kapitän Sebastian Kmiec, denn auch gleich selbst. Eine Hilfe der ganz anderen Art leistete der FC Oberneuland. Nach einem ersten Besuch im Sommer begab sich eine Abordnung kurz vorm Fest erneut auf die Freifläche des Seniorenhauses Rockwinkler Park, um für dessen Bewohner zu singen. Diesmal waren neben Trainer Kristian Arambasic und Innenverteidiger Denis Nukic auch Stadionsprecher Florian Diettrich und Teammanager Olaf Lücke am Start. Insgesamt 13 Songs gab das Quartett zum Besten, in unterschiedlichen Rollen und offenbar auch in unterschiedlicher Qualität. „Zwei von uns waren stark, zwei konntest du lieber in die eigene Dusche schicken“, sagt Kristian Arambasic im Rückblick lachend. Am Ende sei der komplette Auftritt aber von „viel Liebe und Freude“ begleitet worden. Und darauf kam es ja an.

Viele Spiele wurden 2020 nicht ausgetragen. Trotzdem machten auch in der Bremen-Liga einige Kicker nachhaltig auf sich aufmerksam. Da wäre etwa Moritz Rosik, der sich im vergleichsweise zarten Alter von 17 Jahren mehrfach in die Startelf des BSC Hastedt gespielt hat. „Man wird den Namen noch öfter hören“, kündigt sein Trainer Samet Deli an. Von Mirko Jankowski hat man angesichts einer langen Karriere bereits eine ganze Menge gehört. Im Oktober glückte dem 32-Jährigen aber etwas ganz Besonderes: Der Stürmer der SV Hemelingen erzielte sowohl beim 5:3 gegen den SC Borgfeld als auch beim 7:1-Erfolg über Vatan Sport jeweils vier Treffer – und traf damit acht Mal in nur sechs Tagen.

Ende September war Turan Büyükata an Corona erkrankt und hatte angesichts eines schweren Verlaufs rund eine Woche in der Klinik verbracht. Der ehemalige Trainer des Bremer SV, von Vatan Sport und OT Bremen erfuhr damals am eigenen Leib, was das Virus anrichten kann. „Es kann einen wirklich umhauen. Ich lag nur noch im Bett, wie eine lebende Leiche“, so Büyükata. Mittlerweile ist der 35-Jährige längst wieder gesund und kann sich – unter den gegebenen Umständen – seiner Aufgabe als Trainer des U 15-Reginalliga-Teams des JFV Weyhe-Stuhr widmen. „Es geht mir gut“, sagt Turan Büyükata heute.

Es kommt ja vor, dass der Bremer Amateur-Fußball belächelt wird. Insofern dürften ihm die Ergebnisse der Aufsteiger in die diversen Regionalligen ziemlich gut tun. Also: Der FC Oberneuland mischt als Siebter der Staffel Süd ordentlich mit in der Herren-Regionalliga und spielt eine „gute Rolle“, wie dessen Trainer Kristian Arambasic sagt. Bei den Frauen hat sich der ATS Buntentor nach vier Partien einen beachtlichen dritten Platz gesichert. „Ich hätte sehr gern weitergespielt“, sagt Trainer Torsten Just angesichts der aktuellen Unterbrechung. Dem Futsal-Team des TS Woltmershausen geht es ganz ähnlich: Derzeit pausiert der Neuling als Siebter von 13 Mannschaften. „Das ist richtig gut“, findet Hamad Heidari, TSW-Spieler und Team-Organisator.

Das war mal ein ziemlich erfolgreicher Trainer-Export: Nachdem der SV Werder seinen Vertrag als U 19-Trainer nicht verlängert hatte, fand Marco Grote im Zweitligisten VfL Osnabrück eine attraktive Alternative – und wusste die Chance mit einem tollen Start zu nutzen. Am siebten Spieltag belegte das Team des gebürtigen Bremers sogar den zweiten Tabellenplatz. Nach zuletzt zwei Niederlagen (gegen die Bundesliga-Absteiger Paderborn und Düsseldorf) fiel Osnabrück zwar auf Rang neun zurück. Der VfL befindet sich aber noch immer in unmittelbarer Nähe zum ersten Drittel der Spielklasse und muss sich um den Klassenerhalt derzeit keine Sorgen machen. Das ist bei den Osnabrückern, dem Aufsteiger von 2019, schon mal eine ganze Menge wert und für Marco Grote ein unverhofftes Happy-End.

Sie gehören mittlerweile einfach dazu: Videos, in denen Kicker in öffentlichen Medien eine Botschaft verkünden. Das vermutlich erfolgreichste ging vor nicht allzu langer Zeit online – und es ging viral, wie man heute sagt. Damals hatte David Dischinger, Social Media-Fachmann des Bremer Fußball-Verbandes, die Idee zu #GemeinsamGegenCorona. Also nahmen rund 20 Kicker und Kickerinnen eine kurze Botschaft auf, die Dischinger zu einem zweiminütigen Video zusammenbaute. Zu sehen waren unter anderen Dennis Ley (Trainer der LTS Bremerhaven), Daniel Block (FC Oberneuland) und Meggie Schröder (TuS Schwachhausen). Ihr Motto: Wenn alle die geltenden Corona-Maßnahmen beachten, geht es schnell wieder zurück auf den Platz. „Eine schöne Aktion, auf die auch andere Verbände aufmerksam geworden sind“, so Dischinger. Schön war auch, was sich der Bremer SV bereits im Frühjahr ausgedacht hatte. Mit der Botschaft „Wir halten zusammen“ setzten die BSV-Kicker in diversen Sprachen ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung. Es sollte damals auch nicht lange dauern, ehe sich weitere Vereine der Aktion anschlossen und mit eigenen Beiträgen ebenfalls online gingen.

Seit einigen Monaten lebt Ailton mit seiner Familie wieder in Bremen. „Wenn er bereit ist, hart zu trainieren, ist er noch Bremen-Liga-tauglich“, sagt Günter Tuncel aus dem Trainerteam der SV Hemelingen. Der enge Freund Ailtons hat allerdings ernsthafte Zweifel an der Motivation des einstigen Stürmerstars. Dafür mischt der „Kugelblitz“ immer mal wieder im Training des Bremen-Ligisten mit. „Das war für unsere Jungs anfangs ein Abenteuer“, sagt Tuncel. Der nach wie vor ehrgeizige Ailton sorgt auf der Bezirkssportanlage aber nicht nur für spektakuläre Treffer, sondern auch für Unterhaltung. Günter Tuncel: „Wenn er im Trainingsspiel ein Tor schießt, möchte er eigentlich immer auf die Ostkurve zulaufen – aber die gibt es ja nur im Weserstadion.“

Vier statt drei: In der laufenden Saison der Regionalliga Nord tritt ein Quartett aus Bremer Schiedsrichtern an – also ein Unparteiischer mehr, als dem kleinen Bremer Fußball-Verband eigentlich zusteht. Es gibt aber auch einen guten Grund, dass neben Yannick Rath (OT Bremen), Simon Rott (TuS Komet Arsten) und Hendrik Duschner (SC Borgfeld) auch Florian Böhm (SC Victoria) zum elitären Kreis der Viertliga-Schiedsrichter zählt: Der 30-jährige Lehrer war erst im Sommer aus Bayern nach Bremen gezogen und hatte zuvor bereits in der Regionalliga Süd gepfiffen. Da erschien es nur logisch, das Kontingent einfach zu erweitern.

Was so alles möglich ist, wenn alle mitmachen, stellte der SC Borgfeld unter Beweis: Innerhalb weniger Monate baute sich der Verein auf seiner Sportanlage am Wümmedeich einen zweiten Kunstrasenplatz – dank der tatkräftigen Unterstützung seiner Mitglieder. „Dabei haben wir eine Menge Geld gespart“, sagt Dirk Beckmann, 2. Vorsitzender des SCB. Etwa drei Dutzend Borgfelder brachten sich ein, in ganz unterschiedlicher Weise. Rund 600 000 Euro wurden für den mit Flutlicht ausgestatteten Kunstrasen gleichwohl fällig. Einen Großteil dieser Summe steuerte ein privater Sponsor bei.

Humor ist ja auch immer ein gutes Mittel in schweren Zeiten: In Anspielung auf den zukünftigen Ex-US-Präsidenten Donald Trump verbreitete der Bremer SV im November einen Aufruf auf seiner Facebook-Seite: „Wir fordern den Bremer Fußball-Verband e.V. auf, die Saison sofort abzubrechen. Wir sind Bremer Meister. Alle legalen Spiele haben wir mit Leichtigkeit gewonnen. Der letzte illegale Spieltag darf nicht gewertet werden.“ An diesem letzten Spieltag hatte der BSV die Tabellenführung an den punktgleichen Brinkumer SV verloren, da dieser beim 7:0 in Borgfeld einfach mehr Tore erzielt hatte. Im Gegensatz zu Donald Trump meinten es die Leute vom BSV allerdings nicht ernst. Sie haben – ebenfalls im Gegensatz zu Trump – ja auch noch eine Chance, wenn die Saison nach der Unterbrechung im nächsten Jahr fortgesetzt wird.

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