Bremer Fußball-Boss im Interview

„Eine Saisonannullierung ist unrealistisch“

Der Bremer Fußball-Präsident Björn Fecker über mögliche Liga-Szenarien, Angst vor Mitgliederschwund durch die Corona-Krise und einen großen Schmerz
19.04.2020, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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„Eine Saisonannullierung ist unrealistisch“
Von Mathias Sonnenberg
„Eine Saisonannullierung ist unrealistisch“

Fußball in Bremen, da war doch mal was? Ist schon lange her, dass in der Bremen-Liga gekickt wurde. Hier ein Foto aus der Hinrunde: Borgfelds Oguzhan Hoshaber wird von Aumund-Vergesacks Kapitän Christian Boehmer verfolgt.

Christian Kosak
Herr Fecker, was vermissen Sie als Fan des Fußballs derzeit am meisten?

Björn Fecker: Auf dem Platz zu stehen, Leute zu treffen, Fußball zu schauen und ein bisschen zu klönen.

Und dazu eine Bratwurst und ein Bier?

Ein Fußballspiel ist ja als Zuschauer immer mehr als nur das Spiel. Man fiebert mit, regt sich auf, das ist Gemeinschaftsgefühl. Und das ist derzeit nicht mehr da und schmerzt alle, die den Fußball lieben.

Wie ist denn die Stimmung an der Basis?

Wir hatten Mittwoch und Donnerstag unsere ersten Videokonferenzen mit den Vereinen, das war sehr konstruktiv. Es gibt natürlich viele Fragen: Beispielsweise was ist, wenn die Schulen wieder öffnen, wie geht es dann mit dem Sport weiter? Und die Sorge, ob und wie viele Mitglieder wir in den Vereinen verlieren, wenn weiter kein Fußball möglich ist. Die Sorgen halte ich für berechtigt. Wir müssen aufpassen, dass uns die Krise nicht einen Mitgliederschwund bringt.

Gibt es da schon konkrete Klagen?

Noch nicht, es gibt noch eine hohe Solidarität innerhalb der Vereine. Aber je länger die Pause und die Entfremdung zu den Vereinen anhält, desto höher ist die Gefahr, dass Menschen am Ende sagen: Ach, das hat doch auch ganz gut ohne Fußballverein geklappt.

Wie lange darf der Zeitraum maximal sein?

Das ist ein schleichender Prozess, das Abkapseln von diesem Gefühl eines gemeinsamen Trainings, eines Mannschaftsabends. Wo sich Mitglieder am Ende fragen könnten: Brauche ich eine Mannschaftssport überhaupt noch? Aber wer den Fußball liebt, der wird allein vom Joggen nicht glücklich und bleibt uns auch erhalten. Letztlich wird uns doch allen gerade klar, was wir am Fußball haben.

Wie hat der Fußball die Entscheidung aufgenommen, dass es erst mal auf jeden Fall bis zum 3. Mai bei einem Verbot bleibt?

Wir sind ja ein Kontakt- und Mannschaftssport, deshalb trifft es uns besonders hart. Solange Kontaktbeschränkungen gelten, sind wir betroffen. Natürlich hadern einige damit, aber es gibt auch eine Menge Verständnis. Viele wissen, dass wir mit dem Leben von Menschen spielen, wenn Maßnahmen zu früh gelockert werden und dadurch die Infektionsrate ansteigt.

Sie sind Fußballer und Funktionär. Wie sehr kann der Sportler Fecker den Politiker Fecker verstehen, dass nicht mal kontaktlose Sportarten wie Tennis oder Golf erlaubt werden?

Österreich geht da jetzt einen anderen Weg, die erlauben Tennis zum Beispiel ab dem 1.Mai. Aber Tennis ist halt auch etwas anderes als Fußball oder Handball. Natürlich ist das schwer, ich würde auch gerne mal wieder engere Freunde oder Familienmitglieder in den Arm nehmen, würde gerne wieder mal selbst auf dem Trainingsplatz stehen oder aber ein Jugendturnier besuchen. Aber ich finde das Agieren der Politik in Berlin und in den Ländern im Großen und Ganzen sehr verantwortungsvoll. Trotzdem: Es braucht auch für den Sport Klarheit und Perspektive. Sport erfüllt eine wichtige Aufgabe in unserer Gesellschaft.

Aber auch nicht die wichtigste.

Nein, die Gesundheit und das Leben von Menschen muss an erster Stelle stehen. Aber wenn wir über Vereinsamung reden und fehlende Nähe, dann ist der Fußball eine wichtige Möglichkeit, andere Menschen zu treffen, als Team etwas zu erleben und für viele Kids auch ein ganz notwendiger Ausgleich.

Glauben Sie denn, dass im Fußball die Saison noch zu Ende gespielt werden?

Ja, die Frage ist nur wann. Oberste Prämisse muss sein, die fairsten Lösungen zu finden. Und das schafft man, indem man alle Spiele austrägt und die Ligen vernünftig zu Ende bringt. Wann das aber sein wird, ist vollkommen offen. Klar ist: Es wird am Ende darum gehen, eine Lösung zu finden, die insgesamt mit den geringsten Belastungen verbunden ist. Eine für alle Seiten befriedigende Lösung wird es in Zeiten von Corona nicht geben.

Welche Möglichkeiten gibt es denn?

Es gibt einen Point of no return, von dem an klar ist, dass wir die Ligen nicht mehr vor den Sommerferien Mitte Juli zu Ende kriegen. Das ist Mitte Mai. Wenn wir erst danach wieder anfangen, haben wir zu wenig Kapazitäten, um bis Mitte Juli alle Ligen zu beenden. Aber wenn wir die Saison nach den Sommerferien wieder aufnehmen und dann zu Ende spielen, wäre ein ordentliches Saisonende möglich. Wann das sein wird, ist aber offen.

Schauen Sie doch mal in die Glaskugel.

Ich würde den Vereinen sehr gerne genaue Daten nennen. Aber das kann ich nicht, wir sind von den Entscheidungen staatlicher Institutionen abhängig. Nicht der Fußball entscheidet, wann und wie es weitergeht, sondern der Staat. Letztlich gibt es derzeit zwei Szenarien für den weiteren Saisonverlauf.

Und wie lauten die?

Das erste wäre eben eine Saisonunterbrechung. Wir würden einfach nach den Sommerferien weiterspielen, wenn es möglich ist. Das wäre die sportlich fairste Lösung, weil alle Spiele ausgetragen werden könnten. Und da wir im Sommer 2021 sehr spät mit den Ferien in Bremen dran sind, hätten wir auch Luft, um die kommende Saison dann noch anzuschließen.

Dann wären Sie auch unabhängig vom Point of no return, also dem 15. Mai als Datum der Saisonfortsetzung.

Genau, man muss ja auch überlegen: Was muten wir den Menschen im Amateur-Fußball überhaupt zu? Die Spielerinnen und Spieler müssen ja arbeiten, im Kinder- und Jugendfußball braucht es Trainer und Eltern, so dass sich schon die Frage stellt, wie viele Wochenspieltage überhaupt machbar sind. Die Belastung wäre enorm für alle.

Und die zweite Variante?

Das wäre ein Saisonabbruch, da gäbe es aber Haftungsrisiken. Eine Annullierung, also alles auf Null zu setzen, ist für mich die unwahrscheinlichste Variante. Wenn wir abbrechen würden, müsste geklärt werden, wie man eine Wertung vornimmt, wie man zu Aufsteigern käme und überlegen, ob der Abstieg ausgesetzt wird. Klar ist, dass es hier auch eine Menge Verlierer und viele Fragen geben würde. Was ist mit den Mannschaften, die knapp hinter den Aufstiegsplätzen stehen? Oder die noch Nachholspiele haben?

Wie könnte man das lösen?

Das könnte nur ein außerordentlicher Verbandstag entscheiden. Ganz zum Schluss darf man auch nicht vergessen, dass wir nicht alleine auf der Welt sind. Mir wäre wichtig, dass wir zumindest für den Norden eine gemeinsame Lösung finden. Da geht es auch um gemeinsame Wechselfenster und Wechselmodalitäten, die angepasst werden müssten.

Wären denn auch für den Amateur-Fußball sogenannte Geisterspiele denkbar?

Die Ansteckungsgefahr geht von Körperkontakten und Nähe aus. Ein Fußballspiel ohne körperliche Nähe, das ist doch absurd. Wir müssen deshalb davon ausgehen, dass wir erst dann den Spielbetrieb wieder aufnehmen dürfen, wenn die Einschränkungen im persönlichen Umgang deutlich gelockert wurden. Denn eine Lösung mit Corona-Tests kommt für den Amateurfußball angesichts der Kosten nicht infrage.

Aber bei einem Relegationsspiel des FC Oberneuland würden ja bestimmt über 1000 Zuschauer kommen, sie wären dann schon ein Gefahrenherd für Ansteckungen.

Ich will Geisterspiele für einzelne Paarungen gar nicht ausschließen, aber ehrlich gesagt sind sie für den Amateurbereich gerade nicht im Fokus der Debatten und auf vielen Sportanlagen auch nicht so einfach umzusetzen.

Die Sonderrolle des Fußballs wird gerade wieder diskutiert. Ist es in Ordnung, dass die Bundesligisten wieder trainieren dürfen?

Im Endeffekt geht es hier um Wirtschaftsunternehmen, die offensichtlich in eine Existenzbedrohung kämen. Festzulegen, ob und wenn ja unter welchen Bedingungen dann gearbeitet werden kann, ist Aufgabe der staatlichen Stellen. Dass die Unternehmensleitungen aber versuchen, ihr Unternehmen beziwhungsweise ihren Club und damit auch Arbeitsplätze zu retten, kann man ihnen sicherlich nicht vorwerfen.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Björn Fecker (42) ist seit 2010 Vorsitzender des Bremer Fußball-Verbandes und Mitglied im DFB-Vorstand. Fecker sitzt seit 2007 in der Bremischen Bürgerschaft und ist Fraktionsvorsitzender der Grünen.

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