Erfolgsgeschichte in 2. Fußball-Bundesliga

Marco Grote legt einen Traumstart hin

Werder will ihn als Trainer nicht mehr haben. Was im Frühjahr 2020 ein harter Schlag für den Bremer ist, entpuppt sich als großes Glück: Der 48-Jährige übernimmt den VfL Osnabrück und führt ihn auf Rang zwei.
17.11.2020, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Freye

Wer es lieber nüchtern mag, für den machen die vergangenen Monate von Marco Grote lediglich eine interessante Fußball-Geschichte aus: Die Zeit eines Trainers in seinem alten Verein geht vorbei, er sucht nach etwas Neuem und findet eine Aufgabe, die ziemlich erfolgreich beginnt und ihm mehr Aufmerksamkeit verschafft als zuvor. Das wäre vermutlich auch die Vision von Marco Grote selbst. Seine jüngere Vergangenheit ließe sich allerdings auch ganz anders beschreiben: als Story, die durchaus das Zeug zu einem spannenden Drehbuch hätte.

Dann würde man davon berichten, dass dieser Marco Grote nach zwölf Jahren als Jugendtrainer des SV Werder im Sommer keinen neuen Vertrag erhalten hatte und danach erst einmal nicht wusste, wie es mit seiner Karriere weitergehen würde. Und dass sich mitten in der Corona-Krise der VfL Osnabrück bei ihm meldete, man sich schnell einig wurde. Und dass dieser Marco Grote nun gerade mit seinem neuen Team für Furore in der 2. Bundesliga sorgt, indem er es auf den zweiten Platz der Spielklasse führte. Diese Version würde der Trainer allerdings ablehnen. „Es läuft gut, aber nicht mehr – wir müssen uns auch in Zukunft wahnsinnig strecken, um zu punkten“, sagt Grote.

So ist er, dieser Marco Grote. Um einen Spruch ist er selten verlegen. Geht es aber um eine sachliche Einordnung seiner Arbeit, so fällt diese auch sehr sachlich aus. Punkt. Dabei ist dem gebürtigen Bremer schon bewusst, wie gut und unvorhersehbar sich die vergangenen Monate gefügt haben. Er sagt, er fühle sich im Moment schon „sehr gut“. Das sollte man ruhig wörtlich nehmen; Marco Grote kann sein aktuelles Gefühlsleben nach den Erfahrungen des Frühjahres gerade besonders gut einordnen. „Super war das nicht“, sagt er. Bereits im Februar hatten ihm die Verantwortlichen des SV Werder mitgeteilt, dass sein bis zum 30. Juni 2020 datierter Vertrag nicht verlängert wird.

Eine Entscheidung, die so nicht unbedingt erwartet worden war. Schließlich hatte Grote zwölf lange Jahre im Verein zugebracht, 2017 die U 17 ins Endspiel der deutschen Meisterschaften geführt und auch mit der U 19, für die er anschließend verantwortlich war, erfolgreich gearbeitet. Das ließ sich im Februar auch der Tabelle der A-Junioren-Bundesliga entnehmen: Grotes Team führte sie souverän an, und nach dem Abbruch im März ging der Titel des Staffelmeisters folgerichtig auch an die Grün-Weißen. Da Marco Grote zudem über die Jahre stetig befördert worden war und als Kandidat für die U 23 galt, gab es offenbar auch keinen Zweifel an seiner Eignung als Ausbildungstrainer.

Er wurde kalt erwischt von der abschlägigen Nachricht des Vereins. „Ich bin aber davon ausgegangen, dass ich wieder einen vernünftigen Job bekomme – ich glaube, ich habe recht erfolgreich gearbeitet“, sagt Grote. Nur: Überall wollte der Fußballlehrer auch nicht hingehen, und dann kam noch Corona: „Da passierte erst einmal gar nichts.“ Der Trainer war manchmal „nachdenklich in dieser schwierigen Zeit“. Was halfen ihm auch die Erfolge der Vergangenheit, wenn die Zukunft so ungewiss schien. Zwar hatten sich in den Vorjahren immer mal wieder Vereine aus der 2. Bundesliga und der 3. Liga bei ihm gemeldet. Ernsthaft nachgegangen war er dem Interesse aber nicht – Grote und Werder waren ja irgendwie verheiratet.

Dann kam die Scheidung, und weil all die interessanten Klubs angesichts einer umfassenden Pandemie ganz andere Probleme hatten, blieb das Telefon stumm. Weitgehend stumm, muss man hinzufügen. Im Juli erreichte Grote nämlich doch der Anruf eines interessanten Vereins. Der VfL Osnabrück hatte seinen Trainer Daniel Thioune gerade zum Hamburger SV ziehen lassen müssen. Also erinnerte sich dessen Sportdirektor Benjamin Schmedes an den Bremer A-Jugend-Coach ohne Bremer Perspektive. „Er schien mich zu kennen, hatte mich und meine Arbeit auf dem Zettel“, sagt Marco Grote. Und dieser Benjamin Schmedes – bis 2005 selbst im Trikot von Werders Nachwuchsmannschaften – fand offenbar Gefallen am Trainer aus Bremen. Die Offerte des VfL sollte jedenfalls nicht lange auf sich warten. Sie war ein wichtige Zeichen für Marco Grote: „Es ist ja nicht zwingend davon auszugehen, dass ein Zweitligist um die Ecke kommt.“ Er musste auch nicht lange überlegen, sondern sagte schon bald zu.

Dabei gab es schon das eine oder andere Fragezeichen innerhalb dieser Personalie. Etwa den Umstand, dass Grote bislang Jugendmannschaften trainiert hatte, es nun aber mit einem Herrenteam zu tun bekam. „Aber wenn du die Jungs in der U 19 entwickeln kannst, was soll dich bei den Herren daran hindern?“, fragt Grote. Ähnlich pragmatisch stellte er sich der Nachfolge von Daniel Thioune. Der heutige HSV-Coach galt als beliebt und hatte angesichts des Zweitliga-Aufstiegs 2019 erfolgreiche Arbeit geleistet. „Es liegt zwar auf der Hand, dass ich mit einem 18-Jährigen anders rede als mit einem 35-Jährigen. Aber es bleibt beim menschlichen Umgang, und dabei geht es um Klarheit und Ehrlichkeit“, sagt Marco Grote.

Allerdings habe er es auch leicht gehabt in Osnabrück. Sowohl das auf einigen Positionen veränderte Team als auch das Umfeld des Vereins wären durch „viel Identifikation“ geprägt. „Ich habe mich hier vom ersten Tag an sauwohl gefühlt“, betont der VfL-Coach. Das ist vielleicht auch das Geheimnis des aktuellen Erfolgs: Als spielerisch herausragend gilt der Tabellenzweite nicht. Aber das Grote-Team legt eine Mentalität an den Tag, die in engen Partien oft für Erfolg sorgt. Der Trainer nennt seine Mannschaft unbequem – was ein ganz gutes Stichwort ist für seine letzte Station. Bei Werder galt Marco Grote als unbequem, versehen mit Überzeugung und Haltung. Es gibt zweifellos Trainer, die leichter zu handeln sind, und das soll nicht bei allen Verantwortlichen gut angekommen sein. Kommentieren will Grote dies nicht: „Der Vertrag lief aus, und so war es legitim, ihn nicht zu verlängern.“

Aber verspürt er angesichts des Erfolges in Osnabrück nicht so etwas wie Genugtuung? „Mit solchen Begriffen kann ich nichts anfangen, sie passen nicht zu mir“, sagt Marco Grote. Nebenbei habe er auch „genug andere Dinge zu tun und gar keine Zeit“, sich mit derartigen Gefühlen zu beschäftigen. Marco Grote schreibt ja gerade eine ganz andere Geschichte.

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Zur Sache

Wiedersehen mit Schmidt und Ihorst

Auf Bremer Spieler muss Marco Grote auch in Osnabrück nicht verzichten: In Mittelfeldspieler Niklas Schmidt (seit Sommer 2019) und Stürmer Luc Ihorst (seit Sommer 2020) stehen zwei Leihspieler des SV Werder im Kader des VfL. „Die beiden kenne ich gut genug“, sagt der Trainer angesichts gemeinsamer Jahre in der Nachwuchsabteilung. Sein Auftrag ist nun ein anderer. Der Fokus liegt nicht mehr auf der Ausbildung der Talente. Er ist gerichtet auf den Erfolg der Mannschaft. Gleichwohl verfolgt Grote natürlich die Entwicklung seiner alten neuen Schützlinge. Beim 20-jährigen Ihorst hat er „positive Schritte“ ausgemacht, und im Fall von Niklas Schmidt (22) ist er „nach wie vor zuversichtlich“, dass dieser sein Potenzial noch abrufen wird. Er tauscht sich jedenfalls regelmäßig mit den Verantwortlichen des alten Vereins über die Entwicklung des Duos aus. Die Umstände der Trennung spielen dabei keine Rolle. „Das eine hat mit dem anderen doch gar nichts zu tun“, sagt Grote.

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