Fußball

Bestrafte Sorge

Warum man beim OSC Bremerhaven dem Verband Willkür vorwirft: Er beantragte wegen Corona eine Spielabsetzung - und scheitert vor den Ausschüssen des Bremer Fußballverbandes.
24.04.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bestrafte Sorge
Von Olaf Dorow
Bestrafte Sorge

Als noch gespielt statt gestritten wurde: Szene aus dem Testspiel des Bremen-Ligisten OSC Bremerhaven gegen Ottersberg im August 2020.

Björn Hake

Bremen. Hans-Joachim Böhm ist, sagen wir mal: einigermaßen bedient. Er sei nun nicht mehr Fußball-Abteilungsleiter beim OSC Bremerhaven, sagt er. Seit dem 31. März sei er das nicht mehr. Wer das letzte halbe Jahr als eine Art Schlussrunde seiner Amtszeit beim OSC begreifen möchte, hat Grund zur Annahme: Ein Schlussakt mit schönen Gesängen war es nicht. Eher einer mit viel Schriftverkehr und viel Frust. Und mit einer Erzählung, bei der das Stirnrunzeln sich wie von selbst einstellt.

Am Anfang dieser Geschichte stand eine Sorge: Wegen steigender Infektionszahlen in Bremen wollten vier OSC-Teams, die erste Herren, die erste Damen sowie zwei Jugendmannschaften, nicht in Bremen antreten. Am vorläufigen Ende der Geschichte stehen Strafen des Bremer Fußball-Verbandes (BFV): 350 Euro für die erste Herren, 100 für die Damen und B-Junioren, 200 für die C-Junioren. Dazu je drei Punkte Abzug in der kommenden Saison für die C-Jugend und die Damen. Hinzu kommen zu erstattende Fahrt- und Schiedsrichterkosten sowie in Summe 400 Euro Berufungsgebühren

So listet Hans-Joachim Böhm das auf. Gesamtkosten: 1312,40 Euro. Schaut man mit dem Gedanken an eine Pandemie, den Amateurstatus der Beteiligten und die inzwischen zumindest für die Herren annullierte Saison auf das Geld, ist es irgendwie ganz schön viel Geld. Die Geschichte in all ihren Details nachzuerzählen, mit all den Paragrafen und Wortungetümen aus dem Verbandsrecht, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Selbst eine vereinfachte Kurzform, die sich auch nur auf den Fall der Herren-Mannschaft beschränkt, birgt noch die Gefahr, ein Langstreckenrennen zu werden. Der OSC hatte damals den Antrag gestellt, sein Auswärtsspiel in der Bremen-Liga am 11. Oktober beim KSV Vatan Sport abzusetzen. Bremen sei ein Risikogebiet. Es bestünden keine Reiseeinschränkungen, es könnten Spiele nur bei Attests oder mindestens sieben Erkrankungen abgesetzt werden. So teilte es der BFV Böhm mit. Per Telefon. Böhm empfindet das als einen Akt der Willkür. Erstens hätte das Spiel auch formalrechtlich abgesetzt oder verlegt werden können, zweitens hätte sein Antrag schriftlich beantwortet werden müssen. Böhm sagt, dass er sich da auskennt. Er sei ausgebildeter Diplomverwaltungswirt und habe bis zu seiner Pension als Kriminalbeamter der Polizei gearbeitet.

Der OSC reiste nicht an, drei Tage später wertete der Verband per Verwaltungsentscheid das Spiel mit 5:0 für Vatan. Der Streit machte sich auf den Weg durch die Instanzen, bis schließlich im März nach dem Sportgericht auch das Verbandsgericht des BFV die Berufung des Vereins von der Nordsee ablehnte. Jeweils schriftlich, eine mündliche Verhandlung hatte es nicht gegeben. Seine ganz spezielle Note bekam der Fall durch das, was nach dem 11. Oktober geschah. Angesichts der steigenden Corona-Infektionen und immer mehr Teams in Quarantäne unterbrach der Landesverband den Ligabetrieb, ehe der Lockdown sowieso keinen Amateurfußball mehr erlaubte und der Verband die Saison im April schließlich gänzlich tilgte.

Eine Woche nach dem Vatan-Spiel waren – nach langem Hickhack und kurz vor dem Duell des OSC gegen den Blumenthaler SV – auf OSC-Kosten alle beteiligten Kicker getestet worden. Der OSC hatte inzwischen seine Hygiene-Vorschriften verschärft, der Verband kurzfristig eine Möglichkeit zum Heimrecht-Tausch in seine Regeln eingebaut. Am Tag nach dem Spiel kam das Testergebnis: zwei Blumenthaler positiv. Quarantäne für Blumenthal, Quarantäne für Bremerhaven.

„Der OSC wollte nur Vorsicht walten lassen. Und kriegt im Nachhinein auch Recht, dass er das gemacht hat“, sagt Axel Zielinski, Kreisvorsitzender des Verbandes für, nun ja: Bremerhaven. „Ich hätte das genauso gesagt, wenn es einen Bremer Verein betroffen hätte“, sagt er. Er findet die Bestrafung des OSC nicht in Ordnung. „Mir fehlt da das Fingerspitzengefühl“, sagt Zielinski. Man hätte damals einen anderen Weg finden können: Spiel absetzen und warten, was mit der Pandemie und den Rechtsverordnungen weiter passiert.

Detlef Müller, Sportpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung, lässt es sich nicht nehmen, BFV-Präsident Björn Fecker scharf zu attackieren. Der ist, Zufall oder nicht bei dieser Attacke, kein CDU- sondern Grünen-Politiker. „Auch wenn es im Verband Gremien gibt, die diese Entscheidungen herbeigeführt haben, so hat Herr Fecker hier versagt und ist seiner Verantwortung für sein Amt nicht gerecht geworden.“ So wird Müller in einer Pressemitteilung zitiert. Für den BFV sagt Sprecher Oliver Baumgart: „Wir kommentieren grundsätzlich keine Entscheidungen der Sportgerichtsbarkeit.“ Sicher nur ein Schelm, wer dabei denkt: Nee, braucht der Verband auch nicht. Die Entscheidung erzählt schon genug.

Info

Zur Sache

Ligabetrieb passé

Am 13. April hatte der Bremer Fußball-Verband, als letzter Landesverbanderband im Norden, die Saison 2020/21 für die Ligen der Herren und alten Herren abgebrochen und annulliert. Auf- oder Absteiger gibt es nicht, mit Ausnahme des Brinkumer SV, der als Tabellenführer der Bremen-Liga nach Quotientenregelung als Aufstiegskandidat zur Regionalliga bestimmt wurde. Für den Ligabetrieb der Frauen und Jugend wurde die Entscheidung vertagt. Der Lotto-Pokal soll noch im Frühjahr oder Sommer zu Ende gespielt werden, eventuell auch noch in der kommenden Saison.

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