In Bremen derzeit keine Rennen möglich Galoppsport auf Trainingsanlage in Mahndorf boomt

Während in der Bremer Vahr keine Rennen mehr stattfinden, boomt der Betrieb in Mahndorf. Dort sind derzeit etwa 130 Pferde untergestellt, die allerdings weit reisen müssen, um starten zu können.
06.02.2020, 19:34
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Galoppsport auf Trainingsanlage in Mahndorf boomt
Von Jörg Niemeyer

Sich an dieses schöne Fleckchen der Stadt zu verlaufen, ist unmöglich. Wer nicht weiß, wo die Galopptrainingsanlage in Mahndorf liegt, wird sie nicht zufällig finden. Obwohl das Gelände keineswegs versteckt liegt und auch nicht gerade klein ist. Etwa 46 Hektar seien es insgesamt, sagt Pavel Vovcenko. Der 49-Jährige ist einer von mehreren Galopptrainern, die hier, zwischen Mahndorfer und Arberger Heerstraße im Norden und dem Bogen der Autobahn 1 im Süden, ihr sportliches Zuhause gefunden haben. Vovcenko wohnt im benachbarten Achim-Bollen, nur wenige Kilometer entfernt von seiner Arbeitsstätte.

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Ein etwa drei Meter hoher, mit Rasen bewachsener Wall, der aussieht wie ein Deich, trennt die Stallanlagen von der knapp 2000 Meter langen Rennbahn. Die besteht aus einem äußeren, sechs Meter breiten ovalen Band mit Sandboden und einem unmittelbar anliegenden inneren, zwölf Meter breiten Band mit Grasboden. Der aufgeschüttete Wall diene als Sichtschutz, erklärt Pavel Vovcenko, damit die Pferde auf beiden Seiten nicht abgelenkt werden.

Wer oben auf dem Wall steht, dabei die Stallungen im Rücken hat und auf die Rennbahn blickt, die einen kleinen See umschließt, fühlt sich wie auf einem Deich an der Nordsee. Ganz besonders an diesem nasskalten Februar-Tag mit April-Wetter, an dem der Wind über die vegetationsarmen 46 Hektar Land fegt und sich sonnige Abschnitte im Viertelstunden-Takt mit Regenschauern abwechseln. Bedingungen, bei denen man keinen Hund vor die Tür schicken würde. Aber Galoppsportler sind Natursportler. Und die, die hier arbeiten, müssen zusehen, dass sie ihre Pferde bewegen. Bei jedem Wetter.

Auch Pavel Vovcenko ist es an diesem Vormittag zu kalt, zu ungemütlich. Bevor er die Führung übers Gelände fortsetzt, holt er sich seinen warmen Ledermantel aus der Garderobe. Mit dem Lederhut auf dem Kopf sieht der Trainer so cool aus wie der Schauspieler Harrison Ford als Indiana Jones. Aber ums Aussehen geht es nicht, hier muss der Kälte und des Regens getrotzt werden.

Der Trainingsbetrieb läuft montags bis freitags etwa zwischen 6 und 13, mal auch 14 Uhr. Sonnabend und Sonntag sind Ruhetage – zumindest, was das Training betrifft. Weil die Pferde an 365 Tagen im Jahr versorgt sein wollen, ist natürlich ständig jemand auf der Anlage. Vovcenko, der aus Tschechien stammt und 1991 nach Deutschland kam, "um hier eigentlich nur für ein Jahr ein bisschen Geld zu verdienen“, ist als Trainer in Mahndorf zugleich auch Unternehmer.

Ende der 1990er-Jahre zog es den Familienvater beruflich nach Bremen, erst auf die Galopprennbahn in der Vahr, dann ab 2006 auf die neugebaute Anlage in Mahndorf. 60 Pferde, so sagt er, seien in seinem Teil der Stallboxen derzeit eingestellt. Zu viele für ihn allein. So hat er neun Reiter als Angestellte und dazu zwei Kräfte, die nicht auf dem Rücken der Pferde, sondern auf dem Boden arbeiten. Beschäftigt im Stall, auf dem Gelände, fürs Füttern und vieles mehr.

Die Trainingsanlage am südlichen Zipfel Bremens wirkt wie ein kleines innerstädtisches Paradies – für die Sportler und auch für die Vierbeiner. „Die Pferde gehen bei uns nach dem Training auf die Weide“, sagt Vovcenko. Das sei in den meisten deutschen Trainingsbetrieben nicht möglich und sei es auch nicht gewesen, als in der Vahr noch auf dem Rennbahngelände trainiert wurde.

Wo sonst in Deutschland stehen den Trainern 46 Hektar zur Verfügung mit diversen Koppeln, auf denen die Tiere weiden und sich drei Tage erholen können, nachdem sie ein Rennen gelaufen sind? Wo sonst gibt es eine überdachte, 280 Meter lange Sandbahn, auf der auch bei schlechtestem Wetter oder grimmigem Frost trainiert werden kann? Die Bedingungen in Mahndorf sind gut – offensichtlich so gut, dass die Anlage mit derzeit 130 Pferden sehr zufriedenstellend belegt sei, sagt Vovcenko.

Etwa 180 Boxen können in den beiden riesigen Gebäuden eingerichtet werden. Die Kapazität würde also für mehr reichen, aber für mehr Pferde bräuchte es auch mehr Personal. Das zu finden, sei nicht leicht, sagt der 49-Jährige. So wie die untergestellten Pferde aus vielen Teilen der Welt stammen, ist auch die arbeitende Belegschaft der Reiter und Pfleger international aufgestellt.

Manche Pferdebesitzer sind, auch an diesem Februar-Tag, zu Gast auf der Anlage, um ihren kostbaren Lieblingen bei der Arbeit mit den Trainern zuzusehen. Die Besitzer investieren nicht wenig Geld in der Hoffnung, mit den Pferden am Ende viel Geld zu verdienen. Manche Besitzer, sagt Vovcenko, würden nur bezahlen. Er arbeitet seit vielen Jahren für einen, der nie persönlich auf der Anlage gewesen sei.

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Trainer und Besitzer sprechen nicht gern über Geld. Pavel Vovcenko, das dürfte nach so vielen Jahren im Geschäft auch ohne Gehaltsnachweis sicher sein, wird von seinem Beruf leben können. Ein paar grobe Zahlen nennt er. So stehen den Trainern zehn Prozent einer gewonnenen Prämie zu, dem Jockey fünf, dem Stallpersonal zwei. Es gibt ein paar weitere Abgaben im kleinen Prozentbereich, den Rest der Prämie streicht der Pferdebesitzer ein. Dumm nur, dass es in jedem Rennen – ob in Deutschland, Italien oder Frankreich – immer Teilnehmer gibt, die nicht in die Geldpreise galoppieren. Außer Spesen nichts gewesen, heißt es dann.

Pavel Vovcenko schätzt, dass er etwa 35 bis 40 Wochenenden pro Jahr unterwegs ist. Das sei schon ein teures Vergnügen, sagt er, wenn er beispielsweise zum Wintermeeting nach St. Moritz in der Schweiz fahre. Dort finden die Rennen auf einem zugefrorenen See statt. Der Trainer zeigt auf seinem Tablet-PC fantastische Fotos von diesem Ereignis. Der Nachteil an der Sache: „In der Schweiz gibst du an manchen Tagen locker umgerechnet 300 Euro aus, ohne etwas Besonderes davon gehabt oder gemacht zu haben“, sagt Vovcenko. Da sei in der Vergangenheit manches Rennen in Dubai billiger für ihn gewesen, „weil die dortigen Gastgeber alle Kosten übernommen hatten“. Auch das habe sich inzwischen jedoch verändert.

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Der Trainer aus Bremen-Mahndorf hat im vergangenen Jahr 27 oder 28 Siege feiern dürfen – die genaue Zahl hat er nicht im Kopf. Wohl aber, dass er in seiner stolzen Karriere inzwischen auf 485 Erfolge zurückblicken kann. 2020, so wünscht es sich Vovcenko, soll der 500. Sieg verbucht werden. Wohl nicht in Bremen, wo seit Längerem nicht mehr gelaufen wird und wo trotz der Bestrebungen aus der Galoppszene mit der Wiederaufnahme des Rennbetriebs kaum mehr zu rechnen ist. Die Galopprennbahn in der Vahr ist für den 49-Jährigen ein leidiges Thema. „Ich glaube, dass ich nicht der Einzige bin, der in der Vahr noch einmal reiten möchte“, sagt er.

Die Bahn, „ein Topgeläuf mit einer sehr fairen Linienführung für die Reiter“, wie er sagt, sei immer noch in einem guten Zustand. Und mit ihrer 600 Meter langen Zielgeraden sei sie eine besondere, auch eine wichtige Bahn in Deutschland. „Da müssen sich doch Leute finden lassen, die bereit sind, wieder Rennen zu veranstalten.“ Entscheidend sei, was die Politiker machen. Punkt. So viel zu diesem Thema. Wer denkt, dass der Galoppsport in Bremen tot ist, irrt sich. Ein Besuch auf der Mahndorfer Anlage überzeugt jeden vom Gegenteil. Nur eines stimmt: Die Stadt als Ausrichter von Rennen ist derzeit tot. Pavel Vovcenko hofft sehr, dass sie möglichst bald wiederbelebt wird. Dann hätte der Trainer aus Mahndorf bei Rennen auch wieder Heimauftritte.

Info

Zur Sache

Vier hauptamtliche Trainer

Seit Mai 2014 wird die Galopptrainingsanlage Bremen von der GTA Bremen GmbH aus Achim betrieben. Pächter ist Hermann Vagt, der auch für die Pflege der Anlage zuständig ist. Auf dem etwa 46 Hektar großen Gelände stehen fürs Training eine Sand- und Grasbahn, mehrere Führanlagen, zwei Trabzirkel sowie eine 280 Meter lange, überdachte Sandbahn zur Verfügung. Nach ihren Renneinsätzen können sich die Pferde auf mehreren Graskoppeln erholen. In den Stallboxen ist Platz für 180 Pferde, derzeit sind sie mit 130 Tieren belegt. Vier hauptamtliche Trainer und ihr Personal arbeiten in Mahndorf mit den Pferden: Pavel Vovcenko, Günter Lentz, Werner Haustein und Toni Potters. Außerdem betreuen auch einige Besitzer selbst ihre Vierbeiner. Mitte März beginnt in Deutschland die neue Galoppsport-Saison.

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