Am 7. Dezember ist Tanz-WM in Bremen

Grün-Gold-Coach Albanese: "So viel Druck wie seit Jahren nicht"

Grün-Gold-Formationstrainer Roberto Albanese spricht im Interview über die neue Choreographie und den harten Weg zur Weltmeisterschaft in der eigenen Stadt.
30.11.2019, 14:17
Lesedauer: 5 Min
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Grün-Gold-Coach Albanese:
Von Frank Büter
Grün-Gold-Coach Albanese: "So viel Druck wie seit Jahren nicht"

Immer unter Strom: Roberto Albanese ist Trainer und Einpeitscher zugleich beim Grün-Gold-Club Bremen.

Witke/nordphoto

Herr Albanese, wie groß ist Ihre Erleichterung darüber, dass das Schreckensszenario abgewendet wurde und sich das A-Team als Deutscher Meister doch noch für die Weltmeisterschaft in der ÖVB-Arena qualifiziert hat?

Roberto Albanese: Natürlich sind wir alle sehr froh. Eine WM in Bremen ohne den Grün-Gold-Club, da wären wir doch die Loser der Nation gewesen. Das war in den Köpfen drin. Für meine jungen, 17-, 18-, 19-jährigen Tänzer war es ein psychologisches Meisterwerk, diesen Druck zu verarbeiten. Das war hop oder top. Du hast keine fünf Turniere, auf denen du lernst und dir die Sicherheit holst. Du hast nur diesen einen entscheidenden Durchgang und weißt nicht, ob es klappt.

Es hat geklappt – mit der neuen Choreographie „Music is the key“. War es eine schwere Entscheidung, sich nach nur einer Saison einem neuen Thema zu widmen?

Es war insofern schwer, weil wir vorher erst diesen personellen Umbruch in der Mannschaft hatten. Sportlich sind wir ja über die Deutsche Meisterschaft und die Weltmeisterschaft noch erfolgreich gestartet, in der Bundesligasaison war dann mit einer Ausnahme aber nur noch Verlieren angesagt. Ich habe schnell gemerkt, dass die Mannschaft Schwierigkeiten hatte, das Thema richtig zu verkörpern. Die jungen Leute konnten sich nicht richtig mit der Komplexität der Choreographie identifizieren.

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Und dann kommt man ins Grübeln...

Ja. Nach der Niederlagenserie war klar, dass wir die Formation bei der Deutschen Meisterschaft nur wieder zum Titel führen können, wenn wir etwas Neues machen.

Eine solche Entscheidung treffen Sie dann aber nicht alleine...

Nein, ich tausche mich mit meiner Frau Uta aus und mit Sven Emmrich, unserem Co-Trainer. Und natürlich mit unserem Präsidenten Jens Steinmann.

Wann ist die Entscheidung gefallen, dass Sie alles auf Null stellen werden und einen Neustart wagen?

Mit dem letzten Gongschlag nach dem Bundesligaturnier in Bremen Mitte März.

Waren Sie in dem Moment erleichtert oder enttäuscht?

Ich habe schon gedacht: Puh, jetzt schon wieder. Weil es eben auch stressig ist. Eigentlich will man zwei Jahre mit einer Choreo arbeiten, weil man erst im zweiten Jahr dahin kommt, dass man die Choreo richtig ausgearbeitet hat und auf einem guten Level tanzt.

Inwieweit hat Sie das persönlich unter Druck gesetzt, wieder eine Erfolgsstory kreieren zu müssen?

Der Druck, etwas machen zu müssen, was gut ist, ist immer da. Ich kenne das. Ich empfinde diesen Druck gar nicht mehr, zumindest nicht den Druck von außen. Natürlich gibt es Phasen mit Höhen und Tiefen, wenn du mal hakst und nicht weiterkommst. Das ist normal. Druck mache ich mir eigentlich nur selbst. Aber ja: Diesmal habe ich mir so viel Druck gemacht wie seit Jahren nicht mehr.

Wie sind Sie die Suche nach einem neuen Thema angegangen?

Erst einmal muss man Musiktitel finden, von denen man glaubt, dass die Mannschaft damit gut klar kommt, dass sie ein Gefühl dafür entwickeln kann.

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Wie spüren Sie, ob die Musikauswahl den Nerv der Tänzer trifft? Was müssen Sie beachten?

Ich glaube, ich habe eine ganz gute Menschenkenntnis und weiß, was bei den jungen Leuten geht. Es darf nicht zu kompliziert sein, weil es noch ein sehr junges Team ist. Es muss gleichzeitig aber auch etwas Forderndes sein. Ich habe mich gefragt: Was bewegt mich? Was motiviert mich? Was kann ich choreographieren? Und was ist gleichzeitig so gut für die Tänzer, dass auch sie sich motiviert und inspiriert fühlen? Die Titel müssen dabei eine gewisse Energie mitbringen, speziell wenn man dann mehrere Lieder für eine Gesamtkomposition aneinander hängt.

Sie haben sich diesmal für Discomusik aus den 1980er- und 1990er-Jahren entschieden...

Das sind Dance-Classics, das ist Musik, wo jeder gerne nach tanzt. Das erlebt man auf vielen Partys, da hebt sich die Stimmung, die Leute sind gut drauf. Und das war auch der Grund, warum ich diese Songs genommen habe.

Die Tänzer sind in der Regel aber zu jung, um Partyzeiten mit dieser Musik erlebt zu haben.

Das ist richtig. Aber es war so, dass sie über Youtube sofort die Songs gesucht haben und mega geflasht waren.

Bekommt das Team die Titelauswahl vorab schon mal an die Hand?

Nein, die Tänzer bekommen erst das fertige Produkt vorgesetzt, über die Entstehung wissen sie nichts. Das ist absolutes Hoheitsgebiet. Sie hören die Musik zum ersten Mal, wenn sie fertig arrangiert ist.

Haben Sie während der Musikauswahl auch schon Bilder im Kopf, wie man das Ganze tänzerisch präsentieren kann?

Alles nicht. Aber es gibt so Bausteine innerhalb der Lieder, wo ich weiß: Da möchte ich gerne Pirouetten, Promenadenlaufelemente oder Drehungen am Boden haben, weil die Musik genau den Druck hat, um diese Choreographieteile dort einzubinden. Da entstehen dann schon erste Bilder.

Ist das nicht ein spannender Moment für sie, wenn Sie dem Team dann zum ersten Mal dieses Gesamtpaket präsentieren?

Ich mache das nun ja schon ein paar Jahre. Die Reaktionen sind unterschiedlich. Mal sind sie von Anfang an geflasht, dann wieder müssen sie sich erst reinhören und reinfinden.

Wann kommt das Outfit hinzu?

Das Outfit kommt, wenn die Musik steht und man ein Gefühl hat, was die Musik darstellt.

Was ist dabei zu bedenken?

Man muss gucken, wie homogen das Team körperlich ist und welchen Charakter die Mannschaft hat. Wir haben junge Leute, sehr frisch. Deshalb musste es ein bisschen bunter, farbenfroher werden. Lebendiger in der Erscheinung. Passend zur Musik mit Regenbogenfarben, Neonfarben und Discostyle – das sind die Gedanken gewesen.

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Wie haben Sie es geschafft, dem Team ihre Idee zu vermitteln und die Tänzer für diese neue Choreo zu begeistern?

Es ist ja immer eine Kombination aus Choreographie und Musik. In erster Linie freuen sich die Tänzer über das Schrittmaterial. Und wenn sie das dann spüren in Verbindung zur Musik und sich die Elemente gut anfühlen, dann entsteht auch ein Gefühl für die Choreographie.

Auf die erste Präsentation folgt monatelanges hartes Training mit 25 Wochenstunden und mehr. Wie schwierig ist es, die Tänzer für solch ein Pensum zu motivieren?

Es geht letztlich nur über Selbstdisziplin und Eigenverantwortung, Dinge, die den Grün-Gold-Club in den letzten Jahrzehnten auch ausgezeichnet haben. Die Tänzer müssen einen hohen Anspruch an sich selbst haben. Erfolg ist kein Selbstgänger. Wenn man sich an den Erfolg gewöhnt, lässt auch die Motivation nach. Das hat man im vergangenen Jahr gemerkt. Die Mannschaft hat daraus gelernt – und hat sich sehr positiv verändert.

Gab es in der Trainingsphase Rückschläge? Haben Sie mal am Erfolg der neuen Choreographie gezweifelt?

Du hast immer ups and downs. Aber grundsätzlich kann ich sagen, dass wir extrem streng waren. Dass wir so viel Druck aufgebaut und so intensiv gearbeitet haben, dass die Tänzer in jeder Woche und in jeder Trainingseinheit wussten, was der nächste Baustein ist und was sie zu erfüllen haben. Die Deutsche Meisterschaft war am Ende Kleinkram dagegen...

Zu welchem Zeitpunkt der Vorbereitung haben Sie das erste Mal gespürt, dass es funktioniert?

Zum Glück schon recht früh. Das war etwa Ende August, nachdem ich die Choreographie zweimal, dreimal kernsaniert hatte, da konnte ich sagen: Ich bin zufrieden. Es war auf jeden Fall eine Freude, zu sehen, dass die Mannschaft einen Prozess durchgemacht hat. Dass sie alles dafür geben will, Deutscher Meister zu werden und bei der WM dabei zu sein.

Und was bedeutet das nun für die anstehende WM?

Wir haben uns eine gute Portion Selbstvertrauen erarbeitet. Damit gehen wir in diese Weltmeisterschaft rein und haben den Anspruch, unseren Titel zu verteidigen.

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Hand aufs Herz: Wie groß sind die Chancen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das schaffen werden.

Das Gespräch führte Frank Büter.

Info

Zur Person

Roberto Albanese (46) arbeitet seit dem Zusammenschluss mit dem TSC Schwarz-Silber Bremen im Jahr 2002 als selbstständiger Trainer für den Grün-Gold-Club. Unter der Regie des gebürtigen Bremers mit italienischen Wurzeln wurde die Lateinformation des Klubs 15-mal Deutscher Meister, viermal Europameister und neunmal Weltmeister.

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