Interview mit Weltmeister von 1990

Günter Hermann: „Lothar Matthäus kam immer als Letzter“

Günter Hermann, ehemaliger Werder-Spieler und aktueller Sportlicher Leiter des FC Oberneuland, wurde am 8. Juli 1990 in Rom Weltmeister, aber mit dem Profi-Fußball hat er gebrochen.
08.07.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Günter Hermann: „Lothar Matthäus kam immer als Letzter“
Von Mathias Sonnenberg
Günter Hermann: „Lothar Matthäus kam immer als Letzter“

Günter Hermann auf der Stadiontribüne beim FC Oberneuland. Im Amateurfußball fühlt er sich noch immer zu Hause, arbeitet als Sportlicher Leiter beim Regionalligisten und trainiert dort auch zwei Nachwuchs-­Mannschaften.

Frank Thomas Koch
Herr Hermann, 8. Juli 1990, werden Sie dieses Datum jemals vergessen?

Günter Hermann: Wahrscheinlich nicht, sportlich war es ja der größte Erfolg meiner Karriere, auch wenn ich bei dem Turnier in Italien ja keine Minute auf dem Platz stand. Aber ganz ehrlich, zwei Jahre zuvor die Meisterschaft mit Werder, die war genauso bedeutend.

Günter Netzer sagt immer, dass er sich nicht als Weltmeister von 1974 fühlt, weil er kaum gespielt habe. Wie ist das bei Ihnen?

Doch, ich fühle mich schon als Weltmeister, ich habe ja meinen Beitrag geleistet. Die Bild-Zeitung hat mich damals ein bisschen durch den Dreck gezogen als den Weltmeister, der nie gespielt hat. Dabei waren da ja noch andere Spieler, die auch nie zum Einsatz kamen. Ich habe das noch nie verstanden. Es gibt doch nichts Größeres, als an einer Fußball-Weltmeisterschaft teilzunehmen. Ob du dann spielst oder nicht, war mir egal, ich war Teil der Mannschaft. Und ich behaupte mal, dass es früher noch viel schwerer er war, in die Nationalmannschaft zu kommen, weil es viel mehr deutsche Spieler in der Bundesliga gab.

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Das Motto lautet doch: Einmal Weltmeister, immer Weltmeister!

Es steht zumindest auf meiner Autogrammkarte. Franz Beckenbauer hat damals zu mir gesagt, dass ich zur WM mitfahre, weil er sich immer auf mich verlassen kann. Und eigentlich wäre ich ja auch in einem Spiel zum Einsatz gekommen.

Ach, wirklich?

Ja, wenn Franz es selber entschieden hätte, wäre ich dabei gewesen. Jörg Wontorra war damals bei der ARD und kam zu mir und meinte, dass ich gute Chancen hätte, gegen Kolumbien für Andreas Brehme zu spielen, wir waren ja schon für das Achtelfinale qualifiziert. Dann tagten die Trainer zusammen mit dem Mannschaftsrat. Rudi Völler war für mich, aber da saßen auch Lothar Matthäus und Klaus Augenthaler, die waren für ihren Bayern-Kollegen Hansi Pflügler und haben ihn dann reingedrückt. Franz hat mir das dann nach dem Spiel erklärt. Was soll‘s, ich bin noch nie nachtragend gewesen.

Wie war Beckenbauer denn überhaupt als Trainer?

Er hat ja nicht viel gemacht, die Arbeit hatten sein Co-Trainer Osieck und Berti Vogts. Franz hat für gute Stimmung gesorgt und ganz früh gesagt, wer in seiner ersten Elf steht. Und gesagt, wer damit als Ersatzmann nicht klarkommt, der soll das sagen – fertig! Und es hat wirklich keiner über die Stränge geschlagen, alle haben zusammengehalten. Nach dem WM-Sieg hat Beckenbauer dann allen Spielern das Du angeboten. Das fand ich stark, Franz Beckenbauer war eine Galionsfigur. Dabei war ich eigentlich immer Fan von Uwe Seeler.

Dem Idol des HSV.

Ja, ich war ja als Junge großer HSV-Fan. Als ich zwölf war, habe ich Uwe Seeler bei einer Veranstaltung gesehen. Da habe ich meinen Bruder vorgeschickt, weil ich Angst hatte, ihm gegenüberzustehen. Persönlich habe ich Uwe Seeler viele Jahre später auf einem Flughafen kennengelernt, nach einem Qualifikationsspiel mit der Nationalelf. Da haben wir uns unterhalten und sind gute Freunde geworden, bis heute. Ich habe dann immer in der Uwe-Seeler-Traditionself gespielt, da treffen wir uns heute noch und sprechen über die alten Zeiten. Und alle sagen das gleiche: Es waren bessere Zeiten.

Warum?

Weil wir nah an den Fans dran waren, wir haben uns nie versteckt. Wir waren auch in der Disco, aber auf dem Platz hat es dann trotzdem gekracht. Wir haben Fußball gelebt, das fehlt mir heute. Natürlich spielen die Jungs heute auch gerne Fußball, aber es fehlt diese absolute Liebe.

Wie oft haben Sie sich die WM später noch mal angeschaut?

Ach, eigentlich so gut wie nie. Ich habe bis auf die WM-Medaille auch keine Erinnerungsstücke, die Trikots habe ich alle für gute Zwecke weggegeben. Meine Neffen haben welche gekriegt, auch Trainingsanzüge habe ich verschenkt. Ich bin kein Typ, der so was aufhebt. Wir haben ja auch die Goldene Kamera als Duplikat bekommen für den WM-Titel. Als das Metall ein bisschen abfärbte, habe ich die einfach entsorgt. Ich hatte eine Zeit lang mal eine Trikotsammlung, bis mich ein Fußball-Freak angeschrieben hat, der wollte 1500 Euro zahlen. Das Geld war mir nicht wichtig, aber ich habe die Trikots in einen Koffer gepackt und ihm die geschickt. Und er hat sich total gefreut. Für mich war die Teilnahme an der WM die Erfüllung eines Kindheitstraumes, das reicht mir. Da brauche ich keine anderen Erinnerungsstücke.

30 Jahre nach dem WM Titel in Rom - Günter Hermann

Die WM-Medaille ist das einzige Erinnerungsstück, das er noch besitzt. Sie besitzt einen materiellen Wert von rund 15.000 Euro.

Foto: Frank Thomas Koch
Wieso Kindheitstraum?

1974 habe ich mit meinem Vater und Onkel das WM-Finale im Fernsehen geschaut. Es gibt ja so ein paar Momente, an die man sich sein Leben lang erinnert. Das ist so einer, ich weiß es noch wie heute, dass ich zu meinem Onkel sagte: Da will ich auch mal hin. Und 1990, ja, das war einfach ein super Team, der Zusammenhalt, auch mit den Frauen, Mensch, das war einmalig. Noch heute treffen wir uns alle fünf Jahre.

Wie war denn der 8. Juli 1990, an was können Sie sich noch erinnern?

Ich habe wenige Erinnerungen an den Tag, nur noch, dass ich sehr angespannt war. Da ist es auch egal, ob du spielst oder nicht. Aber die Erinnerungen an die WM kommen immer erst, wenn ich bei unseren Treffen bin.

Und was sind das für Erinnerungen?

Wie wir mit dem Speedboot über den Comer See gefahren sind, da war ja unser Quartier während der WM. Wir haben da ganz normal abends in einer Taverne gesessen, wir waren total nahbar für die Leute dort, nicht so abgeschirmt wie heute die Fußballer. Ab und an wurde es etwas später, dann mussten wir durch den Hintereingang rein. Ich habe mir damals mit Kalle Riedle das Zimmer geteilt, das hat schon Spaß gemacht. Pierre Littbarski hat uns immer mit Videokassetten versorgt.

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Aber fünf Wochen auf einem Doppelzimmer, damit dürfte man heute auch keinem Fußball-Profi mehr kommen.

Kann schon sein, wir fanden das jedenfalls richtig gut. Da hat der eine immer ein bisschen auf den anderen aufgepasst. Und auf dem Zimmer waren wir ja nur zum Ausruhen oder Schlafen. Und wir hatten ja kein Doppelbett.

Noch heute gilt der Kader von 1990 als Vorbild an Zusammenhalt.

Das war auch so, Franz Beckenbauer hatte sich die Spieler ja auch nach Charakter ausgewählt. Bei der WM 1986 hatte es Knatsch gegeben, das wollte er nicht noch mal. Ich war in den Jahren vor der WM zwar immer dabei, habe aber fast nie gespielt. Franz hatte ja seine erste Elf. Er wollte dann eine zweite Elf mit Spielern, die nicht aufmucken, sondern ihre Rolle akzeptieren.

Und das hat funktioniert?

Niemand hat den Mund aufgemacht und Unruhe reingebracht. Franz hat damals alle Gelder aus Werbeverträgen, die die Spieler meist ja individuell verhandelt hatten, in einen Topf geworfen und unter allen Spielern aufgeteilt. Das war natürlich sensationell. Ich weiß nur noch, dass Lothar Matthäus immer als Letzter zum Essen kam, wirklich immer.

Hatte das einen Grund?

Er kam immer die Kellertreppe zum Restaurant runter, da haben wir immer schon geraunzt: Siehste, Lothar kommt wieder als Letzter! Er brauchte seinen Auftritt. Vor fünf Jahren hatten wir unser letztes WM-Treffen am Kalterer See. Wir saßen am Hotel alle beim Grillen, nur einer fehlte: Lothar! Da hat ­Thomas Berthold gesagt, dass wir jetzt den mittleren Tisch freimachen, nur für ihn. Da gab es ein Gejohle. Bis heute haben wir einen Zusammenhalt. Wenn wir uns irgendwo treffen, wird immer gequatscht, das ist alles sehr herzlich. Es gibt diese Verbundenheit, die es im Vereinsfußball zum Beispiel gar nicht mehr gibt. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, die Hälfte des Werder-Kaders aufzusagen. Nein, mit dem Profi-Fußball habe ich ziemlich gebrochen.

Deutschland Fußball-Weltmeister 1990

Ein Foto für die Ewigkeit: Günter Hermann (untere Reihe, Dritter von rechts) feiert am 8. Juli 1990 den WM-Sieg nach dem 1:0 gegen Argentinien.

Foto: Frank_Leonhardt
Woran liegt das?

Weil ich ihn unattraktiv finde. Es geht nur noch um Schnelligkeit und Taktik, alles ist statisch. Amateur-Fußball macht mir mehr Spaß, dort gibt es einfach diese Lust auf Fußball. Und in der Bundesliga geht es nur noch um Geld. Das ist mir jetzt noch mal klar geworden. Ich habe mit meinem Sohn ein Sportgeschäft mit vier Angestellten und musste genau rechnen, wie wir das mit der Kurzarbeit machen. Obwohl sie in Kurzarbeit waren und sind, bekommen sie nach wie vor das gleiche Gehalt.

Und dann höre ich, dass bei Werder oder anderen Bundesligisten darüber diskutiert wird, ob die Spieler auf einen Teil ihres Gehaltes verzichten können, damit keine Mitarbeiter entlassen werden müssen. Das ist doch ein Witz, dass darüber überhaupt diskutiert wird, bei den Millionen-Gehältern. Und auch beim Neustart, da wurde der Amateur-Fußball völlig übergangen. Die Bundesliga spielt und die Amateure sollen sehen, wie sie klarkommen. Ich finde das noch immer unfassbar.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Günter Hermann (59) spielte von 1982 bis 1992 bei Werder (231 Spiele, 8 Tore) und zweimal in der Nationalelf. Nach dem Karriereende 1996 war er Trainer beim VSK Osterholz-Scharmbeck und FC Oberneuland, wo er heute als Sportlicher Leiter fungiert.

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