Verabschiedung nach 30 Jahren

Handball: Bremer Verbandsgeschäftsführer im Ruhestand

Mit Jürgen Sczygiol hat sich nach 30 Jahren der Geschäftsführer des BHV in den Ruhestand verabschiedet. Doch so ganz wird sich der 65-Jährige noch nicht zurückziehen.
05.05.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Handball: Bremer Verbandsgeschäftsführer im Ruhestand
Von Jörg Niemeyer
Handball: Bremer Verbandsgeschäftsführer im Ruhestand

Jürgen Sczygiol mit Handball nicht an, sondern vor seinem Arbeitsplatz am Bremer Holz- und Fabrikenhafen. Der 65-Jährige hat den BHV 30 Jahre, davon 28 in fester Anstellung, mitgeprägt.

Christina Kuhaupt

Den herrlich-weiten Blick aus seinem Bürofenster genießt Jürgen Sczygiol seit einigen Wochen seltener als bisher. Aus dem vierten Stock des ehemaligen Verwaltungsgebäudes von Kaffee Hag in der Rigaer Straße in Walle schaut der 65-Jährige über abgestellte Container und das Becken des Holz- und Fabrikenhafens hinweg bis zu den Wohnneubauten in der Überseestadt. Von hier oben hat Jürgen Sczygiol aber auch die bremische Handballszene genau im Blick. Seit 1993 war er Geschäftsführer des Bremer Handball-Verbands (BHV), vor Kurzem ist er nach 28-jähriger Festanstellung in den Ruhestand gegangen.

Ganz raus aus dem Geschäft ist Jürgen Sczygiol damit aber nicht. Er arbeitet als Rentner künftig ein bis zwei Tage pro Woche auf Honorarbasis für den Verband, wird sich weiterhin um die Belange der Bremer Auswahlspieler des D-Kaders kümmern und das Bindeglied zwischen BHV und der Sportbetonten Schule Ronzelenstraße sein. „Dort werden inzwischen mehr als 80 Spielerinnen und Spieler aus unseren Landesauswahlen unterrichtet“, sagt Sczygiol und gibt sich als großer Anhänger der Schule zu erkennen. Er steht auch deshalb in engem Kontakt zu ihr, weil Handball einer ihrer Schwerpunkte ist und sie möglichst bald eine zertifizierte Eliteschule des Sports werden soll.

Ein Handballer mit ganzem Herzen

Jürgen Sczygiol ist Handballer mit ganzem Herzen. Wer kann von sich schon behaupten, dass er privat und beruflich in dem Bereich schalten und walten darf, in dem er sich von klein auf wohlgefühlt hat? Weil Vater Sczygiol Mitte der 1960er-Jahre als Beamter nach Bremen versetzt wurde, trat der junge Jürgen als Zwölfjähriger dem Turnverein der Bahnhofsvorstadt (TvdB) bei, der später mit dem TuS Eintracht zur SG Findorff fusionierte.

Kurios: Auch die aktuelle BHV-Präsidentin Monika Wöhler, die längst beim TS Woltmershausen zu Hause ist, war damals TvdB-Mitglied. Und treuer Fan unter anderem der A-Jugend-Mannschaft, die 1973 mit Jürgen Sczygiol als norddeutscher Meister in Berlin um die deutsche Meisterschaft spielen durfte. „Der Höhepunkt meiner aktiven Laufbahn“, sagt Jürgen Sczygiol und strahlt. Zweifellos hat er die Endrunde noch in sehr guter Erinnerung, obwohl es gegen namhafte Gegner nicht zum nationalen Titel reichte.

Als Herrenspieler lief Sczygiol mit dem TvdB in der Oberliga auf – in der damaligen Zeit immerhin die dritthöchste deutsche Spielklasse. Doch schon als 18-Jähriger entdeckte der Handballer eine andere, eine noch größere Leidenschaft: die des Schiedsrichters und Zeitnehmers. An der Seite von Dieter Böttcher, der als Trainer die TvdB-Korbballerinnen mehrmals zur deutschen Meisterschaft führte, pfiff Sczygiol Partien bis hoch zur Oberliga und war Sekretär und Zeitnehmer in der damals zweitklassigen Regionalliga. Vor allem seine Auftritte zu Bundesliga-Zeiten beim VfL Fredenbeck wird er nie vergessen. „Fredenbeck war immer ein heißes Pflaster“, sagt der 65-Jährige und erzählt davon, dass es in der VfL-Halle einen Raum gab, in dem sich die Unparteiischen vor aufgebrachten Zuschauern nach Spielschluss erst einmal in Sicherheit brachten.

1986 brach für Jürgen Sczygiol eine neue Ära an. Jochen Brünjes, Bremens langjähriger Sportamtsmitarbeiter und seit Kurzem ebenfalls Ruheständler, suchte einen neuen Partner als Zeitnehmer und Sekretär. Beide kannten sich schon gut aus der Jugendarbeit beim BHV. Fortan harmonierten sie als Duo am Rande des Spielfelds – und harmonieren noch immer. Nach 35 Jahren voller Anekdoten und mit Einsätzen bei Länderspielen in der Bremer Stadthalle, im Europapokal und in den Bundesligen beaufsichtigen Brünjes/Sczygiol demnächst eine Ligapokal-Begegnung des ATSV Habenhausen. Noch sehr präsent ist dem 65-Jährigen der Moment, als die Schiedsrichter ein Europapokal-Spiel der Waller Frauen nach dem Seitenwechsel wieder anpfiffen, obwohl sie den Ball in der Umkleide vergessen hatten.

Als Betriebs- und Versorgungstechniker zum Verband

Weit weniger kurios und turbulent als in den Sporthallen ging es auf der BHV-Geschäftsstelle zu. Jürgen Sczygiol arbeitete in seiner Amtszeit für einen Präsidenten und zwei Präsidentinnen. Helmut Meier lotste den studierten Betriebs- und Versorgungstechniker 1991 zum Verband und beauftragte ihn, die Elektronische Datenverarbeitung (EDV) einzuführen. Eine nach dem Studium folgende, dreisemestrige IT-Ausbildung und das Talent befähigten Sczygiol, zunächst nebenberuflich den Auftrag zu erfüllen, bevor er 1993 mit halber Stelle fest eingestellt wurde. Eine Vollzeitstelle wollte Sczygiol nicht, obwohl er mit seiner offiziellen Arbeitszeit oft nicht hingekommen sei.

Die Entwicklung der Datenverarbeitung und immer neue Programme ließen Jürgen Sczygiol auch unter den Präsidentinnen Inge Schröder und Monika Wöhler bis zum heutigen Tag nicht los. Die Zeit der Karteikarten und -kästen ist zwar längst vorbei, aber auch die aktuellen Programme für die Arbeit in den deutschen Verbandsgeschäftsstellen und an den Zeitnehmertischen in den Sporthallen werden ständig verbessert – auch dank der Unterstützung von Jürgen Sczygiol.

Wie lange er noch dabeibleiben wird? „Die Altersgrenze für Zeitnehmer und Sekretäre ist 70 Jahre“, sagt er und grinst. Mit Jochen Brünjes habe er über das Ende ihrer gemeinsamen Aktivitäten noch nicht gesprochen. Klar ist: Jürgen Sczygiol denkt noch nicht ans Aufhören. Übrigens auch nicht beim BHV. Warum auch? „Es hat mir hier immer Spaß gemacht“, sagt er, „ich bin immer gerne hierhergekommen.“

Vielleicht wird Jürgen Sczygiol so lange weitermachen, wie es den BHV in seiner bisherigen Form noch gibt. Möglicherweise gehen Monika Wöhler und ihr langjähriger Geschäftsführer eines nicht so fernen Tages gemeinsam. Der Deutsche Handballbund (DHB) hat vor Längerem angekündigt, dass die Anzahl von derzeit 22 regionalen Verbänden reduziert werden soll. Aus Bremen ist da kein Widerstand zu erwarten, denn schon seit Jahren arbeitet der BHV auf vielen Ebenen mit den Kollegen aus Niedersachsen eng zusammen.

Info

Zur Sache

Bremen ohne Erstliga-Handball

In den 28 Jahren seiner hauptberuflichen Tätigkeit für den Bremer Handball-Verband hat Jürgen Sczygiol viele Veränderungen erlebt. Die Karteikarten für alle Spielerinnen und Spieler gibt es nicht mehr – das ist kein Verlust in Zeiten moderner Datenverarbeitung. Doch inzwischen gibt es in Bremen keinen erstklassig spielenden Handballverein mehr. Bei den Männern ist der TV Grambke sportlich in der Versenkung verschwunden und existiert als eigenständiger Verein nicht mehr. Der TuS Walle, einst stolzes Flaggschiff bei den Frauen, ist in die Insolvenz gegangen. Immerhin halten der SV Werder mit den Zweitliga-Frauen und der ATSV Habenhausen mit den Drittliga-Männern die Bremer Fahne hoch.

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