Handball

Einmal erste Liga und zurück

Einmal 1. Bundesliga: Rückraumakteurin Merle Heidergott hat es versucht. Was die Handballerin in Blomberg erlebt hat – und warum sie froh ist, wieder für Werder Bremen zu spielen.
11.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Einmal erste Liga und zurück
Von Frank Büter
Einmal erste Liga und zurück

Zurück in Bremen: Nach ihrem einjährigen Abstecher zum Erstligisten HSG Blomberg-Lippe spielt Merle Heidergott wieder für den SV Werder. Der Aufwand für die Bundesliga war ihr zu hoch, sagt sie und ist froh, künftig wieder im Trikot der Grün-Weißen aufzulaufen.

Baumgart/hansepixx

Bremen. Es ist das Topspiel an diesem Freitagabend Anfang Januar. Der Zweite der Handball-Bundesliga der Frauen, die HSG Blomberg-Lippe, empfängt den amtierenden Deutschen Meister und Tabellendritten, die SG BBM Bietigheim, zum sogenannten „HSG-Winterball“. Der Fernsehsender Eurosport überträgt live, mehr als dreieinhalb Tausend Zuschauer sind zudem live dabei bei dieser Partie, für die der lippische Klub in die Phoenix-Contact-Arena nach Lemgo umgezogen ist. Dreieinhalb Tausend auf den Rängen, eine Rekordkulisse – und Merle Heidergott steht in der Startformation. „So etwas“, sagt die Rückraumakteurin, „so etwas vergisst man nicht.“

Merle Heidergott bekommt immer noch leuchtende Augen, wenn sie an dieses Topspiel zurückdenkt. In der Partie zuvor hatte sie fünf Tore gemacht und damit großen Anteil am 32:27-Erfolg über Buxtehude gehabt. Das war Empfehlung genug, um von Trainer Steffen Birkner das Vertrauen zu erhalten und in diesem besonderen Spiel zur ersten Sieben zu gehören. Die Spiele gegen Buxtehude und dann auch Bietigheim (Endstand 30:38) sind aus Sicht von Merle Heidergott die Höhepunkte der abgelaufenen, wegen der Corona-Pandemie vorzeitig abgebrochenen Bundesligasaison.

Eine Saison, die intensiv war für Merle Heidergott, anstrengend und Kraft raubend. Nach vier guten, zum Teil herausragenden Jahren im Dress des Zweitligisten SV Werder Bremen hatte sich die gebürtige Ostfriesin im Sommer 2019 auf den Weg nach Blomberg gemacht. Der Lockruf aus Liga eins, er war verlockend. Mal schauen, was da geht. Einfach mal ausprobieren. Lernen. Gucken, wie es sich anfühlt, 1. Bundesliga zu spielen. Nach etwas mehr als einem halben Jahr stand fest: Es fühlt sich nicht so gut an wie erhofft. „Handball ist für mich nicht alles“, spürte Merle Heidergott – und beschloss bereits im Februar, zur neuen Saison zum SV Werder zurückzukehren.

Merle Heidergott hat Lehrgeld bezahlt. Reichlich sogar. Die noch 24-Jährige hat bis zu acht Trainingseinheiten pro Woche absolviert, mitunter schon am Morgen vor der Arbeit in einem Raiffeisenmarkt, wo sie ihre zuvor in Stuhr begonnene Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau fortgesetzt und im Juli auch abgeschlossen hat. „Das war mir zu viel“, sagt sie. Das Erstligajahr war sozusagen ein Lehrjahr für Heidergott. Sportlich kam sie kaum einmal über die Rolle der Ergänzungsspielerin hinaus, die tschechische Nationalspielerin Kamila Kordovska war auf halblinks gesetzt. Missen möchte Merle Heidergott diese Saison in Blomberg aber nicht, trotz des immensen Aufwands. „Ich bin froh, diesen Schritt gewagt und das mal gemacht zu haben“, sagt sie.

Jetzt ist Merle Heidergott, die von allen nur „Heidi“ gerufen wird, also wieder zurück in Bremen. Zurück in der Stadt, die ihr Zuhause geworden ist, „hier fühle ich mich heimisch“, sagt sie nach ihrem Umzug in die Neustadt. Heidergott ist nun auf Jobsuche, sie schreibt fleißig Bewerbungen. Und sie befindet sich in der Saisonvorbereitung mit ihrer alten, neuen Mannschaft. Die Halle, das Umfeld, vieles ist ihr sehr vertraut, viele Gesichter kennt sie noch aus früheren Tagen. „Aber es sind auch ein paar neue Leute da“, sagt Heidergott.

Neue und vor allem junge Leute. Mit nicht einmal 25 Jahren ist Merle Heidergott nach Rabea Neßlage und Denise Engelke die drittälteste Spielerin im Kader von Trainer Robert Nijdam. Das sei schon krass, denn „mein Herz gehört noch zu Team jung“, sagt die Rückraumakteurin und lacht. Heidergott ist sehr gespannt auf die kommende Saison, es ist ihre fünfte im grün-weißen Trikot. Über die Stationen Concordia Ihrhove, der Klub in ihrem Heimatort, und VfL Oldenburg (3. Liga) war die torgefährliche Rückraumspielerin 2015 zum damaligen Zweitligaaufsteiger SV Werder gewechselt. Doch trotz der zahlreichen Tore von Merle Heidergott, die 2018 sogar zur Zweitligaspielerin der Saison gekürt wurde – „die schönste Auszeichnung, die ich je bekommen habe“ –, dümpelte Werder in all den Jahren stets unten herum. Sie hoffe aber, dass die Zeiten des Abstiegskampfs jetzt vorbei seien, sagt Heidergott, „die Mannschaft hat Potenzial“. Und Heidergott setzt dabei auch auf die Qualität und die Erfahrung von Coach Nijdam: „Robert ist ein echter Gewinn als Trainer, er bringt uns viel bei und wird uns als Mannschaft besser machen.“

Ein Platz im sicheren Mittelfeld, der würde „Heidi“ Heidergott gut gefallen, „denn es ist stressig, wenn man immer gegen den Abstieg spielt und psychisch unter Druck steht“. Diesem Druck möchte sie sich nicht wieder ausgesetzt sehen. Ansonsten nimmt sie ihre Rolle an. Heidergott weiß, dass man von ihr einiges erwartet beim SV Werder. Sie soll liefern, sie soll Tore machen, „na klar, das ist der Job einer Halblinken“, sagt die Rückraumschützin.

Merle Heidergott ist 1,76 Meter groß. Sie ist sprung- und wurfstark. Schnell ist sie außerdem. Und sie hat einen guten Blick für die Nebenleute. Merle Heidergott will in die Führungsrolle reinwachsen, die man ihr bei Werder zugedacht hat. „Eine Spielerin wie Merle tut jeder Mannschaft gut“, sagte Trainer Nijdam bereits im Februar, als Heidergott einen Zweijahresvertrag unterzeichnet hat. „Sie bringt in ihrem jungen Alter bereits Erst­liga-Erfahrung mit, und das wird dem Team sicher weiterhelfen.

Info

Zur Sache

Nur ein Sieg in Kirchhof

Drei Niederlagen, ein Sieg: So lautet die Bilanz für die Zweitliga-Handballerinnen des SV Werder Bremen beim stark besetzten Vorbereitungsturnier der SG Kirchhof. Den Sieg gab es dabei gleich zum Auftakt, als sich das Team von Trainer Robert Nijdam gegen den Ligakonkurrenten HC Rödertal mit 21:14 durchsetzte. In den weiteren Partien des Wochenendes (Spielzeit jeweils zweimal 20 Minuten) bot Werder dann Höhen und Tiefen. Gegen den Erstligaaufsteiger Union Halle (16:23), gegen Champions-League-Teilnehmer Borussia Dortmund (13:23 nach starker erster Halbzeit) sowie Zweitligist SG Kirchhof (16:19) mussten die ohne Denis Engelke (beruflich verhindert) und Jordis Mehrtens (Pause nach Daumen-OP) angereisten Grün-Weißen Niederlagen quittieren.

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