Handball

Das Ende einer perfekten Geschichte

Von den Minis bis zur 2. Bundesliga: Werder-Urgestein Rabea Neßlage verkündet zum Saisonende ihren Abschied vom Leistungshandball. Sie will Abstand gewinnen und schauen, worauf sie Bock hat.
06.03.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Das Ende einer perfekten Geschichte
Von Frank Büter

Die Knie. Vor allem sind es die Knie, die ihr immer mal wieder Schmerzen bereiten. Der Leistungssport hat Spuren hinterlassen bei Rabea Neßlage. Im April wird die Handballerin 31 Jahre alt. Mehr als ein Jahrzehnt hat sie die Knochen hingehalten, hat sich geschunden auf hohem Niveau. Sie hat es gerne gemacht. Mit Leidenschaft und großem Einsatz. Beim VfL in Oldenburg und in Bremen, bei ihrem SV Werder, wo sie als Sechsjährige einst im Mini-Handball begonnen hat. Aktuell spielt Rabea Neßlage mit ihrem Heimatverein die sechste Saison in Folge in der 2. Bundesliga. Es wird ihre letzte sein: Rabea Neßlage hat in dieser Woche ihr Karriereende verkündet.

Leicht gemacht hat sie sich diesen Schritt nicht. Sie habe sich schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken beschäftigt, sagt Rabea Neßlage, „das war ein längerer Prozess, in dem die Entscheidung gereift ist“. Nun ist diese Entscheidung fix. Und es sind natürlich nicht nur die Knie, die sie bewogen haben, im Mai einen Schlussstrich zu ziehen. Aber es sind eben auch gesundheitliche Gründe. „Ich will nicht so lange spielen, bis ich gar nichts mehr kann“, sagt Neßlage. Dafür ist sie zu Sport-verrückt, dafür hat sie noch zu viele Pläne. Snowboard fahren zum Beispiel, das sei in all den Jahren zu kurz gekommen. Neßlage ist gerne draußen, sie möchte verstärkt Outdoorsport betreiben. Surfen oder Tennisspielen, „mir wird bestimmt nicht langweilig werden!“

In jüngeren Jahren hat sie die Belastung nicht so stark gespürt, zudem war da ihr Zeitmanagement ein anderes. Rabea Neßlage hat in Oldenburg Sonderpädagogik und Sport studiert – und sich quasi nebenher an ihrem Studienort beim VfL sogar bis in die 1. Bundesliga gespielt. Sie gehörte 2012 zum erweiterten Kader des Teams von Trainer Leszek Krowicki, das in dem Jahr den DHB-Pokal gewann. Neßlage trainierte und spielte in Oldenburg zusammen mit Nationalspielerinnen wie Sabrina Neuendorf und Angie Geschke, „das war eine geile Zeit“, sagt die Bremerin. Ein Kreuzbandriss warf sie sportlich dann aber zurück, zum Durchbruch in Liga eins reichte es trotz diverser Einsätze am Ende nicht. Und so kehrte Neßlage nach ihrem vierjährigen VfL-Intermezzo im Sommer 2014 an ihre Wurzeln zurück, zunächst nur sportlich, ein Jahr später dann auch privat.

Bereut hat Rabea Neßlage den Schritt zurück zu keinem Zeitpunkt. Denn es war auch ein Schritt voran. Gleich im ersten Jahr nach ihrer Rückkehr führte die nur 1,66 Meter große Aufbauspielerin den SV Werder zum lange ersehnten Aufstieg in die 2. Bundesliga. Ihrem ehemaligen Trainer Radek Lewicki, den sie bereits aus Jugend- und frühen Regionalligazeiten kannte, bereitete sie damit einen Abschied nach Maß. Und sie bestätigte die hohe Erwartungshaltung des damaligen Teammanagers Martin Lange, der Rabea Neßlage nach der Rückholaktion im Mai 2014 als „Königstransfer“ bezeichnet hatte. „Das war eine perfekte Geschichte“, sagt sie. „Ich hätte mir nie erträumt, dass wir gleich im ersten Jahr den Aufstieg schaffen.“

Für Grün-Weiß ist Rabea Neßlage in den vergangenen Jahren immer vorweggegangen. Sie hat im Rückraum Regie geführt, Spielzüge initiiert und mit gutem Auge ihre Nebenleute eingesetzt. Aber sie hat auch selbst Druck gemacht auf die Abwehrreihen. Neßlage ist dahin gegangen, wo es im wahrsten Wortsinn weh tut. Sie hat immer wieder Eins-gegen-Eins-Situationen und den Torabschluss gesucht. Sie ist die etatmäßige Siebenmeterschützin und inzwischen auch die älteste und erfahrenste Spielerin im Bremer Kader. Mehr Werder-Blut als Rabea Neßlage bringt keine Spielerin aufs Parkett.

Anstrengend seien die zurückliegenden Zweitligajahre gewesen, „anstrengend, aber auch schön“. Für Neßlage und Co. ging es dabei eigentlich immer nur gegen den Abstieg. Aber dieser Abstiegskampf war bis dato stets erfolgreich, „und das ist doch auch eine Leistung“, sagt die Spielmacherin. Gleichwohl sei es in all den Jahren auch physisch und psychisch eine Belastung gewesen. Eine Belastung, die ab Sommer entfällt. Endlich könne sie mal selbst über ihre Zeit bestimmen, endlich könne sie in den Sommerferien mal länger als eine Woche in Urlaub fahren, sagt die 30-Jährige. Kein Trainingsplan, keine Vorbereitung und vor allem: regelmäßig freie Wochenenden.

Zeit für Familie. Zeit für Freunde. Zeit für sich. Rabea Neßlage freut sich diebisch darauf. Seit drei Jahren arbeitet sie nun schon in Vollzeit als Lehrerin an der Oberschule in Habenhausen. Im Verbund mit Leistungshandball und beinahe täglichem Training sei auch das sehr belastend. Wenn die Saison zu Ende ist, sagt Rabea Neßlage, wolle sie deshalb erstmal Abstand gewinnen, „einfach schauen, worauf ich Bock habe“. Bis dahin aber wird sie sich noch weiter zu 100 Prozent für ihr Team, für ihren SVW einbringen. Sie tut das mit einem guten Gefühl, denn angesichts der jüngsten Entwicklung der Mannschaft hofft sie darauf, dass der Klassenerhalt diesmal frühzeitig festgezurrt werden kann. Aktuell belegt Werder den neunten Rang, ein einstelliger Tabellenplatz am Saisonende ist realistisch, sagt sie. Und es wäre für Rabea Neßlage und den SV Werder zugleich die beste Platzierung in all den Zweitligajahren. Ein Szenario, das ihr den Abschied etwas versüßen würde.

Info

Zur Sache

Gajewski verlängert Vertrag

Mit Maren Gajewski hat in dieser Woche die nächste wichtige Spielerin ihren Vertrag bei den Zweitliga-Handballerinnen des SV Werder Bremen verlängert. Die 23-Jährige, die im Sommer 2019 vom Drittligisten SV Henstedt-Ulzburg an die Weser kam, bleibt den Grün-Weißen nun zumindest bis zum Sommer 2023 erhalten. Cheftrainer Robert Nijdam freut sich, auf der Rechtsaußenposition weiter mit Gajewski planen zu können. „Maren hat zuletzt noch einmal einen wichtigen Schritt in ihrer persönlichen Entwicklung genommen und war mit ihren Toren ein wichtiger Baustein in unserem Angriffsspiel„, sagt Nijdam. “Ich freue mich darauf, weiter mit ihr zu arbeiten und ihre Entwicklung zu begleiten.“ Maren Gajewski ist in der aktuellen Spielzeit mit 53 Treffern Werders zweiterfolgreichste Torschützin hinter Nina Engel (86).

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