Ein Engländer in Bremen

„Ich habe 25 000 Bremern das Tennisspielen beigebracht“

Mike Cole kam 1976 als Tennistrainer an die Weser - und ist bis heute geblieben. Hier erzählt er, warum er seiner Leidenschaft treu geblieben ist
20.01.2020, 17:37
Lesedauer: 7 Min
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„Ich habe 25 000 Bremern das Tennisspielen beigebracht“
Von Mathias Sonnenberg
„Ich habe 25 000 Bremern das Tennisspielen beigebracht“

Tennis-Trainer Mike Cole.

Christina Kuhaupt

Herr Cole, Ihr Name ist in Bremer Tennis-Kreisen eine echte Marke. Meine Schwiegermutter hat in einem alten Fotoalbum geblättert und gleich ein Foto von Ihnen als Trainer entdeckt. Und erzählt, wie sie bei Ihnen Tennisspielen gelernt hat.

Mike Cole: Aus welchem Jahr ist das Foto?

Muss im Juli 1977 gewesen sein, auf der Anlage von Rot-Weiß Bremen. Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie vielen Bremern Sie das Tennisspielen beigebracht haben?

Gute Frage, warten Sie, da muss ich mal den Taschenrechner holen. 44 Jahre bin ich Trainer, im Schnitt habe ich bestimmt 45 Wochen pro Jahr gearbeitet. Das sind dann schon so 25 000 Bremer. Es sind ja oft auch Gruppen mit 30 oder 40 Kindern dabei. Und ich trainiere eigentlich noch immer sieben Tage die Woche.

Warum kommen die Menschen zu Ihnen und buchen eine Trainingsstunde?

Es gibt viele Mitglieder, die nicht in einer Mannschaft spielen, sondern nur ein oder zwei Trainingsstunden bei mir buchen. Sie wollen fit bleiben und sich bewegen. Und die kleinen Kinder fangen heute ja schon mit vier oder fünf Jahren an, da gibt es spezielle Schläger und weiche Bälle. Ganz anders als zu meiner Kindheit. Da wurden die Holzschläger abgesägt und wir haben mit den normalen Bällen gespielt. Aber die höchste Mitgliederzahl haben wir bei den 40- bis 60-Jährigen.

Wie kommt das?

Das ist nicht nur in Bremen so, sondern bundesweit. Das sind oft Erwachsene, deren Kinder jetzt größer sind und die wieder Lust auf Tennis haben. Aber das ist ja alles nicht zu vergleichen mit dem Tennis-Boom, der Mitte der 1970er Jahre begonnen hat und seinen Höhepunkt mit Boris Becker und Steffi Graf fand. Sie glauben gar nicht, was für uns Tennis-Trainer damals los war.

Die goldenen Jahre, oder?

Da hatte ich eine Liste mit 20 oder 30 Spielern, die auf der Warteliste für eine Trainerstunde standen. Hat jemand abgesagt, bin ich zum Telefon im Clubhaus gegangen und habe von dort den ersten auf der Liste angerufen. Und der kam dann sofort angestürmt. Das war unvorstellbar. Heute ist das eine komplett andere Welt.

Sie meinen die Rahmenbedingungen?

Schauen Sie sich die Mitglieder an, bundesweit ist die Zahl der Mitglieder von zwei Millionen auf 1,4 Million geschrumpft. Die Menschen gehen mehr in Fitness-Studios, glaube ich. Wir haben bei TV 1896 noch 160 Kinder, aber das ist nicht die Regel. Tennis ist eben keine günstige Sportart.

Aber war Tennis früher nicht viel elitärer?

Das stimmt, aber heute ist es trotzdem schwieriger, Kinder zum Tennis zu bringen. Wenn wir heute einen Tag der offenen Tür veranstalten, fragen viele Besucher zuerst: Kriege ich ein kostenloses Probetraining? Früher sind die Eltern mit ihren Kindern gekommen und haben nicht mal gefragt, was eine Mitgliedschaft kostet. Selbst Anfänger haben sich mit zwei oder drei Schlägern ausgestattet, die Kinder hatten immer die neuesten Tennis-Klamotten. Heute erlebe ich oft, dass Outfits weitergereicht werden, auch Schläger und Schuhe.

Was heißt das für Sie?

Die Erwartungen der Mitglieder sind gestiegen. Man muss schon etwas mehr anbieten, auf die Spieler eingehen und eigentlich auch sieben Tage die Woche zur Verfügung stehen. Man muss seinen Beruf als Tennistrainer mit voller Hingabe angehen, sonst wird es schwer.

Wie sind Sie denn überhaupt Tennistrainer geworden?

Das ist keine einfache Geschichte. Ich war in England auf der Millfield School, einem sehr bekannten Sport-Internat, dort habe ich ein Stipendium für Fußball bekommen. Ich wollte ja eigentlich auch Fußballprofi werden. Im Sommer habe ich dort auch immer Tennis gespielt, um mich fit zu halten. Ich habe einfach das Glück, dass ich gut mit Bällen umgehen kann, da hat der liebe Gott mich reich beschenkt. Jedenfalls lief das mit Tennis auch ganz gut. Und als ich mit 18 Jahren dann die Schule beendet hatte, bot mir der Direktor einen Posten als Co-Trainer in der Internatsschule an. Mein Vater fand das gut, er hatte immer Angst, dass ich Fußballprofi werde und mich dann verletze. Da war der Job als Co-Trainer zur Sicherheit sehr gut.

Dann mussten Sie als 18-Jähriger auf der Schule gleich Schüler trainieren?

Ja, was war lustig, weil die Schüler mich mit „Sir“ ansprechen mussten, obwohl ich ja nicht viel älter war. Das ging fast zwei Jahre so. Und dann hat mich der Tennis-Verband gefragt, ob ich einen Job in Deutschland übernehmen möchte. Und es war purer Zufall, dass ich unterschrieben habe.

Wieso das?

Ich hatte damals eine Freundin, aber sie wollte an dem Abend nicht ausgehen, sondern Fernsehen schauen. Und dann lag da das Schreiben mit dem Job-Angebot auf dem Tisch und ich habe einfach drauf geschrieben, dass ich Interesse habe und den Brief abgeschickt. Ein paar Tage später kam mein Vater auf den Tennisplatz gerannt und rief: „Was hast Du gemacht? Ein Job in Deutschland? Die Leute wollen, dass Du Dich vorstellst, sofort.“ Und so bin ich nach Bremen geflogen, habe mich beim Tennisverein Rot-Weiß vorgestellt und die Dinge nahmen ihren Lauf. Alles Zufall, wenn meine Freundin damals lieber ausgegangen wäre, hätte ich den Brief womöglich nie beantwortet und abgeschickt. Heute sage ich: Das war Schicksal.

Und mit Rot-Weiß war es dann Tennis-Liebe auf den ersten Blick?

Kann man so sagen, ich sollte einen Zwei-Jahresvertrag unterschreiben. Ich habe das durchgelesen und dachte: Mensch, so viel Geld, das ist ja wie ein Sechser im Lotto. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Das waren am Anfang fast 5000 Mark im Monat. Als ich das meinem Vater gezeigt habe, hat der gesagt: „Bist Du sicher, dass die sich nicht verschrieben haben?“ Hatten sie aber nicht. Und nach zwei Monaten in Deutschland wurde aus dem Zwei-Jahres-Vertrag ein Fünf-Jahres-Vertrag. Da habe ich als junger Mann gedacht: Ist ja super, dann kann ich mich in fünf Jahren zur Ruhe setzen.

Das ist jetzt fast 44 Jahre her, aber Sie sind noch immer Tennistrainer.

Ja, das hatte ich damals auch nicht gedacht. 1983 haben Rot-Weiß und ich uns uns dann getrennt, es gab ein bisschen Ärger. Alle dachten, dass ich nach Hamburg wechsele. Aber es ging zum Tennisverein 1896 nach Schwachhausen, dem damals größten Konkurrenten. Für Rot-Weiß war das ein Schock. Aber ich arbeite heute noch bei 1896. Und meine Frau habe ich noch bei Rot-Weiß kennengelernt, natürlich im Training.

Wie war das mit Ihren Deutschkenntnissen?

Die gab es nicht, das Training musste ich mit Händen und Füßen leiten und erklären. Das war schwer, zum Glück konnten damals die Jüngeren schon ganz gut Englisch. Aber es war eine schwere Zeit, ich musste mich selbstständig organisieren, einkaufen, waschen, alles.

Wie ist das heute?

Meine Frau leitet das Büro von 1896, ich gebe die Trainerstunden. Es gibt einige, die das komisch finden, dann heißt es: Die Coles machen hier ja fast alles. Aber finden Sie mal jemanden, der wie ich morgens um 7 Uhr die Halle aufschließt, auch Neujahr oder Weihnachten. Es gibt einige, die zu mir sagen, dass ich mal was Neues machen soll, nicht immer so auf old school. Klingt ja immer gut, aber es gibt in Bremen noch einige Trainer, die 60 oder älter sind, auch Zoltan Ilin bei Rot-Weiß. Wir sind alle sehr diszipliniert. Mein Traum wäre es schon, einen Trainer zu finden, der auch mal sonntags morgens um 7 Uhr trainiert. Aber das ist schwer, sehr schwer.

Wie sieht ein Arbeitstag bei Ihnen aus?

Der beginnt meist um 7.40 Uhr in der Halle und geht bis 12 Uhr. Dann habe ich eine Pause und lege mich meist mal eine Stunde hin hier im Büro. Meine Frau Karin ist in der Mittagspause lieber zu Hause und bringt mir dann immer das Essen vorbei. Gegen 14 Uhr geht es meistens weiter und ich bin selten vor 21.30 Uhr zu Hause. Samstags arbeite ich auch, dann meist bis Mittag, wenn keine Spiele anstehen. Sonntags habe ich oft Workshops und muss mich um Schreibkram kümmern, ich bin ja Selbstständiger. Ich gehe früh ins Bett, weil ich fit sein muss. Die Gesundheit ist ja die Grundlage für meinem Beruf.

Ist es heute schwerer, mit Kindern zu trainieren, als vor 30 oder 40 Jahren?

Das würde ich so nicht sagen, aber die Kinder haben heute nicht mehr so ein Ballgefühl, sie sind nicht mehr so sportlich. Ich habe früher alles mit einem Ball oder mit Kugeln gemacht, selbst mit Murmeln auf der Straße gespielt. Aber wenn ich heute zu einem Kind sage, dass es noch eine Stunde länger kostenlos trainieren kann, weil der Platz frei geblieben ist, heißt es nur: Ich habe keine Zeit.

Haben Sie die Arbeit mal bereut?

Nein, auch wenn es schlimme Zeiten gab. Ich hatte zwei Knie-Operationen, mit 30 Jahren war mein Ellbogen kaputt. Da standen die Chancen gerade mal fifty-fifty, dass ich meinen Beruf weiter ausüben kann. Das wäre ein Desaster gewesen. Ich hatte ab und an auch mal Probleme mit den Vorständen, aber das ist ja in jedem Beruf so. Ich hatte einfach wahnsinniges Glück, dass ich nach Deutschland gekommen und gesund geblieben bin. Ich kann mich nicht beklagen, ich hatte ein super Leben und bin noch heute sehr glücklich.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Mike Cole (64)

ist Engländer und seit 1976 in Bremen Tennistrainer, erst bei Rot-Weiß Bremen, dann beim Bremer Tennis-Verein von 1896. Er spielte viele Jahre selbst erfolgreich Tennis und war auch ein guter Fußballer. Cole wurde noch 2005 in Australien mit dem britischen Tennis-Team WM-­Dritter der Herren 50 und 2005 und 2006 jeweils britischer Vizemeister bei den Herren 50. Cole ist verheiratet und hat drei Kinder, die in Bremen, Berlin und London leben. In Bremen betreibt er zwei Tennisschulen beim BTV 1896 und im Jürgenshof.

Info

Zur Sache

Tennis kommt aus Frankreich

Tennis hat in den vergangenen Jahren wie viele andere Sportarten an Mitgliedern verloren. 2002 meldete der Deutsche Tennis-Bund noch knapp 2 Millionen Mitglieder, 2020 sind es 1,4 Millionen. Tennis entwickelte sich ab Mitte der 1970er Jahre zu einer Boom-Sportart, die Anzahl der Plätze stieg von 8404 Freiluft- und Hallenplätzen bis 2000 auf insgesamt 50 835 Plätze. Heute gibt es, verteilt auf rund 9000 Vereine, knapp 46 000 Tennis-Courts in Deutschland.

Geschichtlich hat Tennis seinen Ursprung trotz Wimbledon nicht in England, sondern in Frankreich. Dort soll es eine Vorform des Tennis gegeben haben, die zunächst in Klosterhöfen praktiziert worden sein soll. Mit der flachen Hand schlug man einen Ball über ein Netz gegen die Wand.

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