Tour-Held Lennard Kämna im Interview

„Ich habe Olympia nicht abgeschrieben“

Der Bremer Radprofi Lennard Kämna über das Jahr 2020: Tour de France hat Priorität, aber Tokio ist noch möglich. Trainingsfahrten weiter im Blockland.
18.01.2020, 21:06
Lesedauer: 5 Min
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„Ich habe Olympia nicht abgeschrieben“
Von Mathias Sonnenberg
„Ich habe Olympia nicht abgeschrieben“

Lennard Kämna, damals noch im Sunweb-Trikot, bei einer schweren Bergetappe auf der Tour de France 2019.

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Herr Kämna, wenn Sie mal auf 2019 schauen, welche Note würde es aus Ihrer Sicht geben?

Lennard Kämna: So ’ne zwei oder zwei minus würde ich 2019 geben. Es lief vieles gut, aber es gibt noch ein paar Verbesserungsmöglichkeiten. Also ein gutes, aber kein sehr gutes Jahr.

Dabei lief es mit der Tour de France doch sensationell.

Ja, der Sommer war wirklich gut, aber wenn es perfekt gewesen wäre, hätten Frühjahr und Herbst besser laufen müssen. Aber das soll jetzt nicht so negativ rüberkommen, ich bin schon total happy und glücklich, wie alles gelaufen ist.

War das Jahr 2019 Ihr internationaler Durchbruch?

Ja, das kann man so sagen, das war mit der Tour schon ein großer Schritt auf dem Weg zum Durchbruch.

Gab es den einen Moment, wo Sie gemerkt haben: Mensch, läuft ja super, das könnte mein Jahr werden!

Ich war schon im Frühjahr gut drauf und habe gemerkt, dass vieles gut passt. Wir fahren ja viel mit Bandmessgeräten und Pulsmessern, da kann man im Training schon schnell merken, dass man besser in Form ist, der Puls nach großen Belastungen niedriger ist. Nach jedem Training hat man schnell eine Auswertung in der Hand.

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Können Sie sich erklären, warum 2019 so vieles besser lief als in den Jahren zuvor?

Ja, schon, ich hatte 2018 ja eine größere Pause. Ich war schon immer ein guter Fahrer, aber manchmal braucht es im Herrenbereich ein, zwei Jahre, bis man das höhere Level erreicht hat. Man muss das intensivere Training verarbeiten, alles geht eben etwas schneller.

Und dann kam die Tour de France mit einem ganz starken Lennard Kämna. Was ist von diesen drei Wochen geblieben?

Eine schöne Erinnerung mit der Erkenntnis, dass ich das kann und dort wieder hinwill. Die Tour de France zu fahren, ist für einen Radsportler das Größte, ich freue mich noch immer, wenn ich an die Tour denke.

Gibt es ein, zwei Flashbacks, also konkrete Erinnerungen?

Keine konkreten, es ist dieses gute Gefühl, mitreden zu können, wie es ist, die Tour gefahren zu sein.

Haben Sie Ihre Leistung später noch mal analysiert und die Etappen angeschaut?

Nee, eigentlich gar nicht. Ich schaue mir ab und an Fotos an, die einzelnen Etappen werde ich mir wohl erst vor der nächsten Tour anschauen.

Um sich emotional hochzufahren?

Eigentlich mehr um zu sehen, wie ich taktisch die Rennen angegangen bin. Im Radsport muss man immer sehr aktuell denken. Vor WM-Rennen habe ich das früher immer gemacht. Radsport ist ja viel mehr Taktik, als man denkt.

Hat sich Ihr Leben nach der Tour de France verändert?

Nö, eigentlich gar nicht, das ist auch gut so. In Bremen wurde ich zwei-, dreimal angesprochen, das geht alles noch.

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Empfinden Sie Druck, wenn Sie an die Tour 2020 denken? Die Messlatte ist ja recht hoch.

Ich würde es mal positiven Druck nennen. Ich will schon die Ergebnisse von 2019 erreichen, wenn möglich, noch einen Tick besser werden. Ich habe positiven Ehrgeiz, ich habe Lust auf die Tour und freue mich richtig.

Sie trainieren häufig mit Ihrem Bruder im Blockland. Woran würde man einen Lennard Kämna erkennen?

Bis zum Jahresende am roten Trikot von Sunweb, seit Jahresbeginn am grün-schwarz-weißen Trikot von Bora Hansgrohe, meinem neuen Team. Wir sind verpflichtet, in den Team-Klamotten zu trainieren.

Ende Januar fahren Sie auf Mallorca Ihr erstes Rennen. Unterwerfen Sie ab sofort Ihr Privatleben dem Berufsleben?

Ja, ein bisschen ist das so. Ich werde sehr viel unterwegs sein, mein Privatleben ist schon sehr eingeschränkt. Umso wichtiger ist es, dass ich mir eine gute Zeit mache, auf dem Rad, zu Hause. Ich bin eigentlich gerne unterwegs, das macht mir Spaß. Gerade am Anfang des Jahres, wenn die Saison beginnt, bin ich richtig heiß und freue mich, wieder auf dem Rad zu sitzen.

Wie geht die Saison los?

Bis zum 23. Dezember war ich auf Mallorca und habe trainiert, seit dem 11. Januar läuft gerade das nächste Trainingslager. Aber ich habe schon davor die Trainingsintensität erhöht.

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Was heißt das?

Ich sitze dann so zwei, drei Stunden täglich auf dem Rad, danach kommt noch Athletik-Training. Mein Trainer kann alle Strecken verfolgen, meinen Pulsschlag und die Länge der Trainingseinheiten. Danach telefonieren wir und schauen, was gut, was schlecht war.

Bora Hansgrohe ist jetzt Ihr neuer Arbeitgeber. Was erhoffen Sie sich von dem Wechsel?

Für mich war das ein notwendiger Schritt, da hat mich auch mein Bauchgefühl geleitet. Das Feedback von Bora war immer gut, ich habe neue Kollegen, die ich teilweise natürlich schon kenne. Bislang bin ich sehr glücklich damit. Wir waren jetzt zusammen im ersten Trainingslager, hatten erste Sponsoren-Treffen, das hat alles viel Spaß gemacht.

Und wie soll es sportlich für Sie werden?

Ich will ein besserer Radfahrer werden. Und konstanter fahren. Ich habe einige schöne Rennen im Kalender, darauf freue ich mich. Aber meine Rolle ist in erster Linie auf die Helferrolle ausgelegt. Vielleicht schaffe ich es im Zeitfahren, wieder vorne dabei zu sein.

2020 ist auch das Jahr der Olympischen Spiele. Ralph Denk, der Team-Manager von Bora Hansgrohe, hat Ihnen einen Dämpfer verpasst und gesagt, dass die Strapazen bei einer Olympia-Teilnahme zu groß für Sie sein könnten.

Bei mir ist das Augenmerk schon mehr auf die Tour de France gerichtet, da will ich richtig fit sein, und das ist mein erstes Ziel. Aber die Olympischen Spiele habe ich trotzdem nicht abgeschrieben. Wenn alles gut läuft und ich gut durch die Tour komme, kann ich mir vorstellen, auch bei Olympia zu fahren. Natürlich gibt es Fahrer, die eher als ich für Tokio infrage kommen. Aber wenn ich mich gut präsentiere, dann hoffe ich schon, dass ich auch Chancen auf Olympia habe.

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Zwischen dem Ende der Tour in Paris und dem olympischen Rennen in Tokio liegen gerade mal sechs Tage.

Ja, das ist alles schon sehr eng getaktet. Deshalb war die Aussage von Ralph Denk ja richtig, dass man bei mir mal schauen muss. Wenn man nach der Tour ausgepumpt ist, macht es ja keinen Sinn, bei Olympia an den Start zu gehen. Aber wenn man merkt, dass ich gut durchkomme, muss man schauen. Es gäbe ja auch die Möglichkeit, noch direkt am Schlusstag der Tour abzureisen.

Hätten Sie sich nach der Tour 2019 vorstellen können, sechs Tage später bei den Olympischen Spielen anzutreten?

Puuh, schwierig, wenn ich mich vorher mental darauf eingestellt hätte, wäre das vielleicht gegangen.

Oder ist es dieser Gedanke, dass man nicht so häufig in einem Sportlerleben die Chance bekommt, bei Olympischen Spielen anzutreten?

Ja, ganz bestimmt auch. Aber ich gehe davon aus, dass man schon im April, Mai sehen wird, wie die Saison für mich verläuft. Bis dahin muss ich mich präsentieren und den Verantwortlichen zeigen, dass ich Olympia fahren will. Spätestens zur Mitte der Tour werde ich wissen, ob ich dabei bin. Zwei Plätze werden womöglich erst spät vergeben, vielleicht bekomme ich dann ja einen.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

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Info

Zur Person

Lennard Kämna (23) ist in Wedel geboren, aufgewachsen in Fischerhude und lebt jetzt in Bremen. 2019 startete er erstmals bei der Tour de France und wurde 40. im Gesamtklassement. Seit diesem Jahr fährt er für das Team Bora Hansgrohe.

Info

Zur Sache

Karten für Tokio kosten zwischen 25 und 1100 Euro

Die olympischen Spiele in Tokio laufen vom 24. Juli bis zum 9. August 2020. In 33 Sportarten und 51 Disziplinen gibt es dann Entscheidungen. Der Ticket-Vorverkauf läuft bereits, für Zuschauer aus Japan startete er im April 2019. In Deutschland sind die Tickets seit Juni 2019 erhältlich. Die Preise schwanken zwischen 25 Euro für ein Hockey-Spiel (Kategorie B) bis zu über 1100 Euro für das Hochsprung-Finale der Herren (Kategorie A). Für jedes Land gibt es „Authorised Ticket Resellers“, also autorisierte Ticketverkäufer, die Karten für die Sommerspiele 2020 vertreiben dürfen. Der offizielle Olympia-Partner in Deutschland ist der Reiseveranstalter Dertour. Bei Olympia 2020 wird es so viele weibliche Athletinnen wie noch nie geben. 48,8 Prozent der Teilnehmenden werden weiblich sein durch neu geschaffene Wettbewerbe.

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