Speedklettern Im Grenzbereich zu Hause

Bremen. Thomas Huber gehört zusammen mit seinem Bruder Alexander zu den besten Speedkletterern der Welt. Waren die beiden früher nur einem Insider-Publikum bekannt, hat sich das inzwischen geändert. "Jetzt hören mir 400 Menschen an einem Abend zu", sagt Thomas Huber.
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Im Grenzbereich zu Hause
Von Ruth Gerbracht

Bremen. Die Halle ist eiskalt. Nur ein älterer Herr sitzt im vorderen Teil an einem der Tische und liest. Doch dann - ganz hinten am anderen Ende, etwas versteckt unter künstlich geschaffenen Felsen wird gebouldert. Lautlos - ein bisschen wie Spiderman - suchen drei Männer die besten Griffe und Klettervarianten, um den Weg nach oben zu nehmen. Es wird diskutiert und ausprobiert. Sie alle spüren die Kälte nicht. Einer der drei zieht sogar sein T-Shirt aus. Ein beeindruckender muskulöser Oberkörper kommt zum Vorschein. Es ist Thomas Huber, 44 Jahre alt und zusammen mit seinem Bruder Alexander einer der besten Speedkletterer der Welt.

Beim Speedklettern geht es vor allem darum, in möglichst kurzer Zeit eine Route zu erklettern. Das tun die beiden Brüder aber nicht irgendwo, sondern meist an ganz spektakulären Orten. Zum Beispiel in Kalifornien, wenn sie eine der steilen Granitwände des El Capitan so schnell hoch klettern wie keiner zuvor. Sie tun es meist mit nacktem Oberkörper, der dann in der Sonne schweißnass glänzt - Seil und Haken dürfen nicht zur Fortbewegung genutzt werden, sondern lediglich zur Absicherung im Fall eines Sturzes.

Sicherlich haben die spektakulären bayrischen Extremkletterer mit dazu beigetragen, dass unter anderem Bouldern, was Klettern ohne Seil an Felsen in Absprunghöhe bedeutet, zurzeit boomt. Waren die Huber-Brüder bislang eher einem Insider-Publikum bekannt, so hat sich das spätestens geändert, als die Bayern die Klitschko-Brüder in der Milchschnitten-Werbung abgelöst haben. "1997 habe ich in Hamburg noch vor 20 Leuten einen Vortrag gehalten, jetzt hören mir 400 Menschen an einem Abend zu", sagt der Ältere der beiden Brüder nicht ganz ohne ein bisschen Stolz.

Doch der Werberummel ist Thomas Huber manchmal fast ein wenig zu viel. "Am wichtigsten ist uns unsere Bodenständigkeit, und das wird sich auch mit der steigenden Popularität nicht ändern", glaubt der Mann aus Berchtesgaden, dem man sofort abnimmt, dass seine Welt das Bergsteigen ist und nicht die Aftershowparty. Natürlich weiß Thomas Huber, dass der steigende Bekanntheitsgrad der "Huberbuam" auch seine Kehrseiten hat, die er, wie er sagt "bedienen muss". Und doch will er, wenn man ihn trifft, nicht nur über sich und seine Extremtouren reden. Das macht er bei seinen Vorträgen. Vielmehr versucht er während des Gesprächs immer wieder seine Mitkletterer einzubeziehen.

"Das ist eine der besten Boulderhallen, die ich bislang gesehen habe"

In diesem Fall sind es Franziskus Denk und Dirk Busse. Den beiden gehört die Boulderhalle Linie 7 am Bremer Hauptbahnhof. Hierher hat es Thomas Huber an diesem kalten Morgen verschlagen. Er ist ein Bewegungsfreak und wenn er, wie in diesen Tagen, auf Vortragstour durch Norddeutschland ist, braucht er zwischen den Auftritten immer wieder körperliche Betätigung. Sonst hält er das nicht aus. Nur in den Städten rumhängen ist nichts für ihn. Umso begeisterter ist Thomas Huber darüber, was ihm in Bremen geboten wird. "Das ist eine der besten Boulderhallen, die ich bislang gesehen habe. Hier ist ein optimales Kletter- und Bewegungstraining möglich", sagt er und lässt sich kaum von den künstlichen Felsen abbringen. Immer wieder wird diskutiert, welche Griffe, welche Wege die richtigen sind. Nur zu gerne lassen sich die beiden Gastgeber von Thomas Huber mit Tipps und Tricks versorgen.

Verantwortungsvoller Umgang mit den Mitkletterern

Obwohl Thomas Huber ein Extremsportler ist, hofft der Bayer, seine Freude, seine Leidenschaft für das Klettern an alle Altersschichten weitergeben zu können. "Klettern geht in Schulen. Klettern oder Bouldern ist für Alt und Jung möglich." Dabei ginge es nicht nur um Bewegung und Freiheit, sondern maßgeblich auch um einen verantwortungsvollen Umgang mit den Mitkletterern und vor allem mit der Natur. Es spiele auch keine Rolle, ob man groß, klein, dick oder dünn sei. "In seinem eigenen Leistungsbereich kann jeder beim Bouldern seine Glücksgefühle erreichen, seine Grenzen erfahren", ist Huber überzeugt.

Allerdings unterscheiden sich die Ansprüche des Speedkletterers doch maßgeblich von normalen Kletterfans. Wo er und sein Bruder unterwegs sind, geht es in erheblichen Maßen um Gefahren, Grenzen und Angst. Und gerade deshalb seien nicht allein die Muskeln, die Beweglichkeit das Wichtigste, sondern die mentale Verfassung. "Der wichtigste Muskel beim Klettern ist das Gehirn", zitiert Huber den früh verstorbenen Ausnahmekletterer Wolfgang Güllich. Schließlich müsse man in schwierigen Klettersituationen genau die richtige Entscheidung treffen. Wie positioniere ich Hände und Füße, wie verlagere ich das Gewicht, um die beste Stelle zu klettern. Und vor allem, betont Thomas Huber, in extremen Momenten auch "nein" sagen zu können. Womöglich nicht weiterzumachen, sondern umzukehren. "Man muss die Gefahren kennen, akzeptieren und ein inneres Gefühl dafür schaffen." Das nennt der 44-Jährige dann "seine Hausaufgaben machen."

"Sie wissen, dass ich Nein sagen kann"

Dass er diese professionell erledigt , steht für Thomas Huber außer Frage. Es ist Bestandteil des Vertrauens, das seine Familie, seine Frau und seine drei Kinder, ihm gegenüber haben. Ihn deshalb nicht fragen, wann er denn mit dem Klettern aufhört. "Sie wissen genau, was ich mache und vor allem, dass ich Nein sagen kann."

Damit ist für Thomas Huber alles Wichtige gesagt. Sein Blick geht zur Uhr, verbunden mit der Hoffnung auf ein paar weitere Bewegungseinheiten. Schließlich musste er nun eine halbe Stunde ruhig sitzen. Keine Chance, die Zeit drängt. Der nächste Medienauftritt folgt. Aber morgen früh, dann ist der bayrische Bewegungsfreak wieder hier zu finden - beim Bouldern in Bremen.

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