Europameisterin Franziska Brauße

Im Zeichen des Kükens

So jung, so erfolgreich: Franziska Brauße fährt als Aufsteigerin des Jahres um die Bremer Bahn.
11.01.2020, 18:49
Lesedauer: 2 Min
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Im Zeichen des Kükens
Von Olaf Dorow

Bremen. Sie ist erst 21. Im Nationalteam fühle sie sich als das Küken, sagt Franziska Brauße. Vergleichsweise spät, erst mit zwölf, kam sie zum Radsport. Vorher ging sie zum Ballett. Um berichten zu können, was den Sport ausmacht, welche extremen Hochs und Tiefs er innerhalb kurzer Zeiträume erzeugen kann, reicht die noch so junge Karriere des Küken, das an diesem Wochenende in den Frauen-Rennen um die Bremer Bahn saust, dennoch aus. Aber hallo.

2018 hatte sie Pfeiffersches Drüsenfieber. Sie fiel vier Monate aus. Danach sagten ihr die Fachleute, sie sei praktisch um fünf Jahre zurückgeworfen. Sei auf dem Stand, den sie mit 14 hatte. 2019 wurde Franziska Brauße zu Deutschlands Radsportlerin des Jahres gewählt. EM-Sieg in der Einzel-Verfolgung bei der U 23, danach auch EM-Sieg bei den Frauen sowie EM-Zweite mit dem Bahnvierer. Dreifache Deutsche Meisterin.

Sie sagt, wenn ihr das jemand am Jahresbeginn vorausgesagt hätte, hätte sie nur gelacht und mit dem Kopf geschüttelt. Am Ende des Jahres saß sie als Gast der großen Gala in Baden-Baden zwischen all den Stars und Prominenten des deutschen Sports. „Und erst da habe ich realisieren können, was in dieser Saison passiert ist mit mir“, sagt sie. Vorsichtig formuliert: ganz schön viel. „Sie hat einen Riesenlauf gehabt und sich super weiterentwickelt“, sagt Sixdays-Sportchef Erik Weispfennig. Als Mitglied des deutschen Bahnvierers sei sie jetzt eine Medaillenanwärterin für Olympia in Tokio.

Na ja, sagt Franziska Brauße. Erstmal dabei sein bei Olympia. Acht Vierer dürfen dort starten. In der Rangliste sind die deutschen Damen derzeit Fünfte, bei noch einem ausstehenden Qualifikationswettbewerb, der WM in Berlin. Wenn eine Fee jetzt Olympia-Platz vier versprechen würde, würde sie das nehmen, sagt Brauße. Wenn die junge Frau aus Baden-Württemberg, die der Sportfördergruppe der Bundeswehr angeschlossen ist und für das Team Ceratizin WINT startet, sich beschreibt, kommt eher eine Tief- als eine Hochstaplerin heraus. Immer schön auf dem Teppich bleiben, immer lieber ein bisschen mehr mit Zweckpessimismus an die Sache herangehen als mit zu großen Erwartungen.

Als sie im Oktober in Apeldoorn plötzlich im EM-Finale der Einzel-Verfolgung über 3000 Meter stand, habe sie sich gedacht, erzählt sie: „Och ja, Silber ist doch auch ganz gut.“ Sie war – in einem deutsch-deutschen Rennen gegen Lisa Brennauer – nicht die, die der Bundestrainer vorher lieber in Ruhe ließ. Sondern die, auf die er motivierend einreden musste. Obwohl ihr dann im Ziel deutlich angezeigt wurde, dass sie eher über die Linie gerauscht war als die Konkurrentin, habe sie 20 Sekunden benötigt, um es zu begreifen, sagt Franziska Brauße.

Zu ihrem Selbstbild gehört auch, dass sie sich auf dem Rad als eine andere wahrnimmt als jene Franziska Brauße ohne Rad. Selbstbewusster, selbstsicherer fühle sie sich auf dem Rad, sagt sie. Bei circa 12 000 bis 15 000 Kilometern im Jahr bliebe dann allerdings nicht mehr viel Zeit, um unsicher durchs Leben zu gehen. Zumal sowieso das Jahr 2019, in dem sie durchstartete und ein Triumph den nächsten ablöste, dem Selbstbewusstsein auch nicht gerade geschadet haben dürfte.

Etwas verändert haben die Medaillengewinne sowieso. Sie trainiere jetzt bewusster als früher, sagt Deutschlands aktuell Beste auf der Bahn. Im März hatte sie den Trainer gewechselt. Der sei strenger, sagt sie. Sie sei ja eher so der Wettkampf- als der Trainingstyp, sie schaffe es im Training nicht so in den roten Bereich. Doch wenn jetzt, wie letzte Woche auf Mallorca, beim Blick auf den Plan der Och-nö-Gedanke komme, dass mehr als vier Stunden hartes Programm anstehen, mit Intervallen und hohen Watt-Zahlen am Berg und so, dann komme gleich danach der Gedanke: „Ich weiß ja, wofür das gut ist.“ Hat man ja gesehen letztes Jahr.

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