Sprinter Robert Förstemann

Inklusion auf der Bahn

Robert Förstemann und sein Wechsel in die Para-Szene: Er muss sich sehr umstellen - und ist schwer beeindruckt.
12.01.2020, 19:38
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Inklusion auf der Bahn
Von Olaf Dorow

Bremen. Am vorletzten Bremer Sixdays-Tag des vergangenen Jahres sollte es verkündet werden. Das würde sitzen: Einer verblüfften Öffentlichkeit würde der bekannte Sprinter Robert Förstemann verkünden, dass er zum Behindertensportverband wechseln und mit dem sehbehinderten Kai Kruse Tandem fahren wird. Fernziel: Medaille bei den Paralympics 2020 in Tokio. Kruse, Paralympics-Dritter von Rio 2016, hatte Förstemann, Olympia-Dritter von London 2012, angerufen. Er suche einen neuen Partner. Förstemann, so erzählt er es, dachte nach, und fand den Gedanken nach und nach immer besser: etwas gemeinsam erkämpfen, in einer völlig neuen Konstellation. Selten passte der Sportlerspruch von der neuen Herausforderung besser.

Zwei Tage vor der geplanten Verkündung ist Robert Förstemann beim Rundenrekord-Versuch in der steilen Kurve der Bremer Bahn der Reifen am Vorderrad geplatzt. Bei knapp 70 km/h. Unfreiwillig prägte sein schlimmer Sturz die Sixdays 2019. Er hatte sehr großes Glück, dass es „nur“ ein schlimmer Sturz war. Dass er danach nicht mit einem Handicap leben musste, und für seine Hochachtung, seinen Draht zu den Handicap-Sportlern war sein Unfall und sein Glück im Unglück auch noch mal eine Art Katalysator.

In der Para-Szene erlebe er Leute, die nur ein Bein haben, die am ganzen Körper verbrannt sind, die heftige Spastiken schütteln. Kruse hat seit einem Sportunfall im Kindesalter nur noch zehn Prozent Sehkraft auf einem Auge. „Wie die mit ihrem Schicksal umgehen können, wie sie es ausblenden und Nichtbehinderte sogar motivieren können, etwas aus ihrem Leben zu machen, das ist beeindruckend“, sagt Förstemann. Das zu erleben, das gebe ihm sehr viel, sagt er. Auch für seine Kinder, die er bisweilen mitnimmt, sei das eine lehrreiche Erfahrung. Inklusion im Alltag, Inklusion auf der Bahn.

Die Para-Tandems sind Geschosse. Der Weltrekord über 1000 Meter mit stehendem Start liegt bei 59,2 Sekunden. Kruse/Förstemann brauchen noch besseres Material, aber sie haben schon mal 1:02,3 geschafft. Sie haben schon so viel geschafft. Kruse, der hinten sitzt, ist 1,92 groß, Förstemann 1,74. Normalerweise sitzt der Große vorne. Sie haben trotzdem eine aerodynamisch passende Position gefunden. Robert Förstemann, der bei Veranstaltungen wie den Sixdays auch weiterhin Rennen der Nichtbehinderten fährt, erzählt, wie er sich komplett umstellen musste fürs Tandemfahren. Man müsse da sehr viel ausgleichen, man brauche eine sehr gute Tiefenmuskulatur.

Als er nach seinem ersten Training mit Kai Kruse abends daheim im Schwingsessel saß, habe ihm seine Frau sehr irritiert zugeschaut. Er habe auf dem Sessel ständig Schwankungen ausgleichen wollen, wie jemand, der nach einer langen Tour auf dem schwankenden Boot wieder an Land herumgeht. „Aber noch viel krasser ist“, sagt der Radsprinter, „wenn ich vom Tandem wieder aufs Einzel-Rad wechsle“. Da wollte er anfangs auch schön ausgleichen und eierte ordentlich herum.

Krass war auch die Rückkehr auf die Bremer Bahn. Die erste Runde durch jene Kurve, in der er es ihn ein Jahr zuvor zu Boden gerissen hatte. Es habe ein Jahr gedauert, bis er wieder bei 100 Prozent war. Er habe gehadert, ob er das Comeback wagt. „Einerseits habe ich mich gefreut, andererseits hatte ich die Hosen voll“, gesteht er. Es sei ein mulmiges Gefühl gewesen, als er das erste Mal besagte Kurve angesteuert habe. Das Vertrauen ins Material: nicht bei 100 Prozent. Er sei zunächst nicht volles Risiko gegangen. Tag für die Tag wurde es besser, er kann inzwischen sagen, dass er mit seiner Unglücksbahn seinen Frieden geschlossen hat. Er erwische sich sogar dabei, wie ihn der Ehrgeiz packt. Vielleicht doch mal volles Karacho? „Wir sind alle ein bisschen wahnsinnig“, gibt er zu. Aber übertreiben will er es natürlich nicht. Er hat ja noch etwas vor in dieser Saison mit Kai Kruse.

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