Interview mit BFV-Präsident Björn Fecker

„Wir müssen gemeinsam eine Lösung finden“

Auch der Bremer Fußball-Verband bekommt die Folgen zu spüren, dass die Corona-bedingte Lage in Bremerhaven weniger kritisch ist als die in Bremen. BFV-Chef Björn Fecker hofft auf die Solidarität der Fußballer.
16.10.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Wir müssen gemeinsam eine Lösung finden“
Von Jörg Niemeyer
„Wir müssen gemeinsam eine Lösung finden“

Er hofft auf die Solidarität zwischen Vereinen und Verband: Bremens Fußball-Verbandspräsident Björn Fecker.

Christina Kuhaupt
Herr Fecker, fangen wir mit dem Erfreulichen an: Der Spielbetrieb läuft seit einigen Wochen wieder. Wie zufrieden sind Sie damit?

Björn Fecker: Nachdem wir ganz lange quasi auf der Ersatzbank gesessen haben, war es für alle erst mal eine große Freude, dass es wieder losgeht. Die Vorfreude war ja schon im Sommer zu spüren. Für unser Ehrenamt bedeutete das in kürzester Zeit einen kompletten Spielbetrieb aufzustellen und mit den Vereinen abzustimmen.

Haben sich die Mühen denn gelohnt?

Die Vereine haben sich viele Gedanken gemacht, wie sie den Spielbetrieb vor Ort organisieren können. Die Müdigkeit, die Regeln einzuhalten, wie sie auch in der Gesellschaft bemerkbar ist, geht aber auch am Fußball nicht spurlos vorbei.

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Nun hat der BFV das Hallenfußballturnier im Dezember abgesagt, außerdem sind einige Spiele wegen Corona ausgefallen: Was macht die Pandemie mit dem bremischen Fußball?

Wir fahren weiterhin auf Sicht. Alle Beteiligten versuchen, in ihrem Bereich das Mögliche zu machen. Wir würden uns alle einen regulären Spielbetrieb wünschen, aber das geht derzeit nun mal nicht. Unsere Ehrenamtlichen sind quasi rund um die Uhr im Einsatz. In den Vereinen sieht das nicht anders aus. Eine Infektion in einer Mannschaft geht einher mit vielen Fragen und Unsicherheiten. Ich höre immer wieder, dass das Gesundheitsamt nicht erreichbar wäre oder es unterschiedliche Aussagen in Bezug auf eine mögliche Quarantäne gäbe. Wir sammeln dies gerade.

Droht dem kompletten Spielbetrieb möglicherweise schon bald eine Unterbrechung?

Diese Entscheidung trifft der Senat, aber natürlich hinterfragen auch wir uns ständig, ob wir weitere Maßnahmen ergreifen müssen. Derzeit sind die Vereine von sich aus sehr aktiv, um die Situation zu bewältigen. Zum Beispiel, indem sie ohne Zuschauer spielen, um das Infektionsrisiko zu minimieren.

Was für die Vereine nicht wirklich schön ist...

Nein, das ist für sie ein harter Schnitt, wenn man bedenkt, dass sie die Zuschauereinnahmen verlieren. Und die Stimmung auf den Plätzen ist davon natürlich auch betroffen – das war am Sonntag besonders zu spüren beim Regionalliga-Derby zwischen Oberneuland und Atlas Delmenhorst.

Bremen ist stark von Corona betroffen, Bremerhaven kaum: Was bedeutet das für den Spielbetrieb?

Erst mal nicht viel – abgesehen von der Tatsache, dass in Bremerhaven bis zu 400 Personen bei einem Spiel anwesend sein dürfen und in Bremen derzeit maximal nur 100.

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Der OSC Bremerhaven erwägt, Kontakt zu stadtbremischen Teams zu vermeiden. Der BFV sagt, dass der Spielbetrieb derzeit behördlicherseits erlaubt ist. Wie reagiert der Verband, wenn der OSC tatsächlich nur noch Bremerhaven-intern antreten sollte?

Ich glaube, dass wir zwei Dinge tun müssen. Das Eine: Wir müssen unsere Entscheidungen immer auf Basis der uns vorliegenden Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnisse treffen. Die Ministerpräsidenten haben diese Woche erneut betont, dass der Hauptgrund für die hohen Infektionszahlen Veranstaltungen in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen und teilweise hohem Alkoholkonsum ist.

Und was ist das Andere?

Wir sollten möglichst gemeinsam als Fußballer und auch als Sport agieren. So haben wir auch die schwierige Zeit mit Saisonabbruch und Spielwertung gemeistert – ganz bewusst in hoher Solidarität miteinander. Und die müssen wir jetzt auch beibehalten. Das heißt, dass individuelle Lösungen uns nicht weiterbringen, sondern Vereine und Verband gemeinsam eine Lösung finden müssen. Deswegen wird es auch am kommenden Mittwoch eine Sondersitzung des Verbandsbeirats geben, wo wir mit den gewählten Vereinsvertretern auch noch einmal die aktuelle Lage und mögliche Konsequenzen erörtern werden.

Andere Klubs könnten es genauso sehen wie der OSC. Haben Sie Verständnis für die Sorgen und letztlich auch für das Verhalten des Vereins mit seinen etwa 3000 Mitgliedern?

Ich kann alle verstehen, die sich um die Gesamtsituation und um die eigene Lage Sorgen machen. Das tun wir im Verband auch. Ich kenne keinen Verein, der sich momentan nicht mit dieser Frage beschäftigt. Viele sind aber auch in Sorge, dass der Sport irgendwann wieder untersagt wird. Was das für viele Kinder und Jugendliche bedeutet, haben wir im Frühjahr erleben dürfen.

Aber die Krise trifft ja nicht nur Kinder.

Wegen der hohen Infektionszahlen sind die Anforderungen an die Funktionäre eines Vereins und bei uns inzwischen enorm geworden. Wenn an einem Freitag über Dritte die Information an einen Abteilungsleiter kommt, dass in einer Schule ein ganzer Jahrgang in Quarantäne geschickt worden ist, ist in einem Verein natürlich ordentlich was los.

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Deutschlandweit werden Menschen aufgerufen, vorsichtig zu sein. Finden Sie es dann richtig, einen vorsichtigen Klub zu bestrafen?

Wir können uns in dieser Lage nur auf die validen Fakten verlassen. Das Hauptinfektionsgeschehen geht aus von privaten Feiern und von erhöhtem Alkoholkonsum und eben nicht vom Sport. Mein Eindruck ist nicht, dass die Vereine nicht vorsichtig wären. Alle Vereine in Bremen und Bremerhaven haben für den Spielbetrieb beispielsweise Hygienekonzepte.

Also kein Grund zur Sorge?

Ich finde es total richtig, sich Sorgen zu machen, sein eigenes Verhalten zu prüfen und Maßnahmen zu ergreifen, die die Menschen schützen. Aus diesem Grund haben wir ja das Lotto-Masters abgesagt, weil hier Menschen auf engstem Raum zusammenkommen, gemeinsam etwas trinken und klönen.

Droht demnächst der juristisch zu klärende Konflikt, dass die Fürsorgepflicht des Einen im krassen Gegensatz zu den Durchführungsbestimmungen des Anderen steht?

Aus dieser Situation kommen wir nur gemeinsam raus. Noch einmal: Uns hilft da keine individuelle Lösung. Niemand will doch absichtlich Menschen gefährden. Den Vorwurf gegenüber unseren Ehrenamtlichen, wir würden Gefahren ignorieren, halte ich für absurd.

Was bedeutet das zum Beispiel im Fall des OSC Bremerhaven?

Da wird es nun wahrscheinlich eine sportrechtliche Auseinandersetzung geben. Die Vereine haben uns rechtliche Rahmen gegeben, in denen wir handeln dürfen. Da gilt es auch, den Gleichheitsgrundsatz zu beachten.

Wie hält sich der BFV derzeit in Sachen Corona eigentlich auf dem Laufenden?

Wir stellen auf unserer Homepage alle uns vorliegenden Informationen zur Verfügung und aktualisieren die seit Mitte März regelmäßig mit allen rechtlichen Grundlagen und für die Vereine wichtigen Punkten wie Musterhygienekonzepten. Wir haben vor Beginn des Spielbetriebs Videoschulungen angeboten, um mit den Vereinen die Umsetzung des Hygienekonzepts zu besprechen, das auf jeder Anlage anders ist und daher nicht zentral vorgegeben werden kann. Und wir stehen in ständigem Kontakt zum Landessportbund.

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Corona ist demnach auch beim BFV tagtäglich Thema, oder?

Das merkt man schon daran, dass sich unsere Mitarbeiter auf dem Flur mit Maske begegnen und alle Gäste einen Nachverfolgungsbogen ausfüllen müssen.

Haben Sie für den Fall einer Saisonunterbrechung schon Pläne in der Schublade?

Natürlich haben wir uns darüber Gedanken gemacht – schon vor Saisonbeginn zum Beispiel bei der Größe der Spielstaffeln.

Was würde die Unterbrechung des Spielbetriebs für den Fußball in Bremen bedeuten?

Erst mal wäre es eine große Enttäuschung für viele Aktive. Gerade in Zeiten einer Pandemie muss es für Kinder und Jugendliche ein Angebot geben. Wir Fußballer haben den Vorteil, eine Sportart zu betreiben, bei der man sich relativ risikolos draußen bewegen kann.

Haben Sie Angst vor einer erneuten Aussetzung des Spielbetriebs?

Bei uns steht der Gesundheitsschutz an erster Stelle. Und wenn es notwendig ist, werden wir den Betrieb ohne Zögern unterbrechen.

Aber Angst haben Sie nicht?

Angst ist das falsche Wort. Sorge trifft es eher. Wir dürfen nicht vergessen, dass der erste Lockdown in eine Phase fiel, in der wir schönes Wetter hatten und sich die Menschen draußen die Zeit vertreiben konnten. Jetzt kommen wir in eine Jahreszeit, in der es früher dunkel und das Wetter schlechter wird. Das heißt, dass man weniger Möglichkeiten hat, sich draußen zu bewegen. Sport kann da sehr hilfreich sein, insofern wäre es doppelt bitter, würde es auch den Fußball treffen.

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Wie groß sind die Chancen, dass die Saison ordentlich zu Ende geführt werden kann?

Ich habe gerade keine Glaskugel zur Hand. Wir steuern jetzt auf die kritischen Monate zu, in denen mit Grippe oder starken Erkältungen zu kämpfen ist. Unser großes Problem wird nicht das Wetter sein, sondern die Pandemie und ihre Begleitumstände.

Zurück zum Hallenturnier: In dessen Rahmen wird stets Bremens Amateurfußballer des Jahres geehrt. Fällt die Wahl 2020 aus?

Das müssen wir in Ruhe mit unseren Partnern besprechen. Uns war erst mal wichtig, frühzeitig über die Absage zu informieren.

Das Interview führte Jörg Niemeyer.

Info

Zur Person

Björn Fecker (42) ist seit 2010 Vorsitzender des Bremer Fußball-Verbands (BFV) und Mitglied im DFB-Vorstand. Fecker sitzt seit 2007 in der Bremischen Bürgerschaft und ist Fraktionsvorsitzender der Grünen.

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