Handball-Lehrwart Jörg Schröder wird nach 35 Jahren Verbandstreue von ehemaligen Weggefährten verabschiedet

Jogi geht – und alle kommen

Bremen. Jörg Schröder stutzte, als er in die ersten bekannten Gesichter seiner langjährigen Weggefährten sah. Dann dämmerte es dem Lehrwart des Bremer Handballverbandes (BHV), dass er sich nicht klammheimlich von seinem Amt verabschieden kann.
10.10.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Olaf Kowalzik
Jogi geht – und alle kommen

Jörg Schröder war als Trainer immer voll engagiert. Zum Beispiel hier beim damaligen Regionalligisten ATSV Habenhausen.

Andreas Kalka

Bremen. Jörg Schröder stutzte, als er in die ersten bekannten Gesichter seiner langjährigen Weggefährten sah. Dann dämmerte es dem Lehrwart des Bremer Handballverbandes (BHV), dass er sich nicht klammheimlich von seinem Amt verabschieden kann. Nicht nach 35 Jahren Verbandstreue, in denen er mehr als 3000 Trainer durch die Lizenz-Lehrgänge geschleust hatte. Vor allem dann nicht, wenn sich sein allerletzter Lehrgang in der Halle am Bunnsackerweg dem Ende neigt. „Das ist ja der Hammer“, entfuhr es dem 59-Jährigen spontan, als er erfuhr, dass weitere Verabschieder bei Grillwurst und Bier vor der Halle warteten. Sichtbar ergriffen schnürte sich bei „Jogi“, wie sie ihn alle nur nennen, die Kehle zu. Der Hals wurde trockener und die Stimme belegt, für einen Augenblick fielen dem sonst so gemütlichen Plauderer selbst die einfachen Worte schwer. „Ich hätte gedacht, dass mir das Abschiednehmen leichter fallen würde“, gab er zu.

Dass dem nicht so war, dafür hatten seine langjährigen BHV-Lehrstabs-Mitstreiter Thomas Krüger, Torsten Uhlenberg und Ingo Renken gesorgt. Just in dem Moment, als sich Schröder mit rund 100 Schulkindern in den Niederlanden aufhielt, baldowerten seine Lehrerkollegen binnen einer Woche die Verabschiedung aus. „Thommes“ Krüger durchforstete seine E-Mail-Dateien und „Eule“ Uhlenberg recherchierte Telefonnummern. Außerdem stellte Ingo Renken flugs die gesamte Verköstigung auf die Beine. Die Jahrgangsfahrt von Jörg Schröder kam den Organisatoren natürlich bestens entgegen. „Hätten wir darüber auch nur ansatzweise etwas im Lehrerzimmer besprochen, hätte Jogi doch sofort Wind davon bekommen“, sagt Torsten Uhlenberg.

Für Jörg Schröder war das irgendwie Freude und Pech zugleich. Denn kaum war der Mathematiklehrer der Oberschule Habenhausen aus dem Bus aus Holland geklettert, ging es für ihn auch schon weiter zum Lehrgang an den Bunnsackerweg. Ohne auch nur die Koffer auszupacken, aber wenigstens fast um die Ecke seines Hauses. „Nach eineinhalb Lehrgangstagen wollte ich dann eigentlich nur noch aufs Sofa“, verriet der BHV-Dauerbrenner.

Aber von wegen Ruhe: Die Abschiedsfeier mit seinen vielen BHV-Wegbegleitern war angesagt. Und dafür war Maike Balthazar extra aus Oldenburg angereist. Aber auch Radek Lewicki, Jürgen Sczygiol, Thorsten Helfers, Holger Meier, Jochen Brünjes, Anja und Matthias Schröder oder sein Amtsvorgänger von 1991, Bernd Meyer, um zumindest einige zu nennen, schauten bei der Verabschiedung vorbei.

Bastian Friese hatte dem mittlerweile Ex-Lehrwart zum Abschied einen selbst gefangenen Lachs geschenkt, drei Liter Oktoberfestbier, Wein und andere Präsente folgten. Richtig unruhig wurde Schröder nur, als ihm die BHV-Präsidentin Monika Wöhler („Es ist irre, was er über die Jahrzehnte geleistet hat. Die vielen auswärtigen Lehrgangsteilnehmer kommen ja nicht von ungefähr“) die goldene Ehrennadel ihres Verbandes verlieh. „Die wird doch normalerweise nur posthum verliehen. Da muss ich erst einmal meine Vitalwerte überprüfen“, lachte Schröder.

Nun gut, sein Haarkranz hat sich gegenüber früher etwas gelichtet und ist sichtbar weißer geworden. Ansonsten ist Jörg Schröder aber immer noch quicklebendig und vor allem der Alte. Seine sportliche Vita hat es dabei durchaus in sich. 1985 wechselte er zum Beispiel nach einigen Tätigkeiten für den Verband für fünf Jahre nach Katar, um dort verschiedene Nationalmannschaften (A-Jugend, Junioren, Männer) zu trainieren. „Das hat mich in vielen Bereichen meines Lebens geprägt“, erzählt der A-Lizenzinhaber. Danach kehrte er der reichen Halbinsel im Persischen Golf den Rücken, um als erster Trainer-Lehrer im BHV die sportliche Ausrichtung des Verbandes maßgeblich mit zu beeinflussen. Unter seiner Regie als Landesauswahltrainer muckte er unter anderem als kleinster Landesverband beim Inge-Küster-Turnier groß auf. Mit den jungen Talenten wie die Nationalspielerin Nina Müller, besser bekannt unter ihrem Geburtsnamen Wörz (früher HSG Schwanewede/Neuenkirchen, heute SG BBC Bietigheim), holte er sich mit der BHV-Equipe in den neunziger Jahren den Pokalsieg. Als Vereinstrainer führte er die Männer des TV Grambke 1996 in die zweite Bundesliga und den ATSV Habenhausen ein Jahr später in die Regionalliga, damals die dritte Liga. Danach zog er sich peu à peu über die Habenhauser Handball-Jugend von der Trainerbank zurück.

Amtsmüdigkeit ist es aber nicht, die ihn überkam. „Ich wollte immer mit 60 Jahren aufhören und nicht von den Jüngeren belächelt werden“, erklärt er sein Ende beim Bremer Handballverband. Es passt ziemlich genau, da er im Januar des kommenden Jahres genau dieses Alter erreicht. Einziger Wermutstropfen: Ein Nachfolger ist für den Posten des Verbands-Lehrwarts noch nicht in Sicht. „Bei den vielen guten Trainern, die wir hier haben, kann das doch eigentlich gar nicht sein, dass niemand diese Arbeit fortführen will“, meint Monika Wöhler. „Der Stab an guten Mitarbeitern ist ja da. Es fehlt nur noch einer, der sich den Hut aufsetzt und jedes Jahr eins sowie alle zwei Jahre zwei Projekte stemmt.“

Jörg Schröder selbst kam nach der Überraschungsverabschiedung übrigens doch noch zu seiner lang ersehnten Abendruhe. Nur eben einige Stunden später. Dafür aber auch mit einem äußerst zufriedenen Lächeln im Gesicht.

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