Babyschwimmkurse stehen hoch im Kurs, doch Experten äußern sich skeptisch Kalle und Co. gehen planschen

Bremen. Motorische Weiterentwicklung, Frühgewöhnung an Wasser, Kontakt zu anderen Babys und vor allem Spaß. Das ist es, was Familien bewegt, ihre Kinder zum Babyschwimmen zu bringen. Nahezu jedes Schwimmbad bietet solche Kurse an, und der Andrang ist groß. Aber es gibt immer noch Zweifel, ob diese Art der frühkindlichen Bewegung für Neugeborene wirklich fördernd ist.
30.12.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Mirja Helms

Bremen. Motorische Weiterentwicklung, Frühgewöhnung an Wasser, Kontakt zu anderen Babys und vor allem Spaß. Das ist es, was Familien bewegt, ihre Kinder zum Babyschwimmen zu bringen. Nahezu jedes Schwimmbad bietet solche Kurse an, und der Andrang ist groß. Aber es gibt immer noch Zweifel, ob diese Art der frühkindlichen Bewegung für Neugeborene wirklich fördernd ist.

Kalle Baumann freut sich. Er grinst seit einer halben Stunde auf Papas Arm und nuckelt an einem weißen Handtuch. Kalle ist acht Monate alt und schon seit fünf Wochen Mitglied im Babyschwimmkurs von Daniela Haupt. Außer ihm sind heute acht andere Babys im Alter von drei bis zwölf Monaten im Schwimmbad Süd. Sie alle kommen einmal in der Woche für 30 Minuten hierher, vor allem, weil es Spaß mache, sagen die Eltern.

Während Daniela Haupt die Anwesenheitsliste überprüft, schwimmen sieben Mütter und zwei Väter mit ihren Kindern durch das Becken. Geschrei oder Gequengel ist nicht zu hören, nur das Planschen und das eine oder andere kurze Gespräch unter den Eltern.

Pünktlich um zehn Uhr geht es los. Ein kleiner Kreis aus winzigen und großen Menschen entsteht, alle singen ein Lied und jedes Baby darf einmal in der Mitte planschen, zusammen mit Daniela Haupt. Dann machen sie ein paar kleine Übungen: Die Kinder sitzen auf dem Beckenrand und werden wieder ins Wasser gezogen.

"Erst nachdem du drei gesagt hast, solltest du dein Kind zu dir ins Wasser ziehen", sagt Daniela Haupt. Sie versucht vor allem den Müttern und Vätern zu helfen, die noch nicht so oft da waren. Bei ihnen sind Angst und Vorsicht noch bei jeder Bewegung dabei, während von anderen Eltern öfter schon einmal ein "Oops" oder "Huch" zu hören ist. Eine Sekunde unaufmerksam zu sein, mal einen Moment nicht aufzupassen, das kann hier sehr schnell sehr gefährlich werden. Passiert ist bis heute allerdings noch nichts.

Viele glauben, dass das Babyschwimmen die motorische Entwicklung fördere, da sich Kinder im Wasser frei bewegen können. Dr. Selter vom Klinikum Bremen Mitte ist da eher skeptisch: "Die Bewegungen, die beim Schwimmen oder Planschen geschehen, haben nicht viel mit den Bewegungsabläufen zu tun, mit denen Babys beginnen. Krabbeln und Sitzen können im Wasser schlecht geübt werden."

Als Experte weist er vor allem darauf hin, dass das Babyschwimmen auch Gefahren mit sich bringe, da das Infektionsrisiko vor allem für Neugeborene sehr hoch sei. Ihr Immunsystem sei noch sehr schwach und gerade ein Becken, das häufig genutzt werde, könne schnell zu einem Bakteriennest werden. "Auf der anderen Seite ist die Mutter-Kind-Bindung sehr wichtig, die gerade bei einem so intimen Sport sehr ausgeprägt ist", sagt Selter, "so lange auf die Risiken geachtet wird, ist das für alle Beteiligten sicher ein schönes Erlebnis."

Tauchen kann gefährlich werden

Sebastian Baumann weiß mit diesen Risiken umzugehen. Ihm geht es vor allem darum, Kalle schon früh ans Wasser zu gewöhnen. Er selbst ist Schwimmlehrer und auch bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft aktiv. "Mit dem Babyschwimmen haben wir vor fünf Wochen begonnen, da war Kalle noch vier Monate alt. Wenn er älter wird, werden wir auch die nächsten Kurse besuchen, bis er dann irgendwann alleine schwimmen kann."

Als Schwimmlehrer hat er schon oft erlebt, dass Kinder im Grundschulalter noch nicht in der Lage sind, alleine zu schwimmen. Das will er bei Kalle verhindern. Er geht auch mit ihm ins Solebecken, und tauchen kann der Junge, dessen Hände so groß sind wie Teelichter, auch schon.

Doch wird vor allem dieses Thema unter Experten heiß diskutiert. Neugeborene besitzen einen Atemschutzreflex, der sie dazu bewegt, die Luft anzuhalten, sobald Wasser in die Nähe der Schleimhäute gelangt. Dieser Reflex verschwindet allerdings nach sechs bis neun Monaten - und so kann das Tauchen sehr gefährlich werden. Einige Experten kritisieren außerdem, dass durch das Tauchen die Mutter-Kind-Bindung gestört und das Vermögen zur Selbstbestimmung beim Kind eingeschränkt werde.

Aber auch mit dem ungefährlichen Planschen ist nach einer halben Stunde Schluss. Länger sollten die Babys nicht im Becken bleiben. Bei einer Wassertemperatur von 30 bis 32 Grad könnten es die Eltern zwar noch Stunden im Becken aushalten, aber für die Babys ist das Risiko einer Unterkühlung zu groß. Also geht es auch für Kalle raus aus dem Wasser und rein ins Frotteetuch.

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