Bremen Karambolage mit Queue

Bremen. Konzentriert steht Edmund Mevissen aus Oberneuland am Tisch, der mit türkisfarbenem Tuch bezogen ist. Mit seinem Billardqueue visiert der erfahrene Dreiband-Spezialist im Karambolagespiel den weißen Spielball an und zieht seinen rechten Arm in einen rechten Winkel zum Körper.
26.10.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Markwort

Konzentriert

steht Edmund Mevissen aus Oberneuland am Tisch, der mit türkisfarbenem Tuch bezogen ist. Mit seinem Billardqueue visiert der erfahrene Dreiband-Spezialist im Karambolagespiel den weißen Spielball an und zieht seinen rechten Arm in einen rechten Winkel zum Körper. Das Queue richtet sich vertikal auf, die lederne Pomeranze zielt auf die weiße Kugel. Mit einer leichten Berührung bringt Mevissen den Spielball in eine Rotation, durch diesen Effet „tickt“ die Weiße die beiden farbigen Kugeln kurz an und rollt anschließend zur gegenüberliegenden Bande des Tisches. „Guter Stoß“, gratuliert ihm Winfried Janßen, Vorsitzender des Vereins Bremer Billardsportler (BBS).

Die beiden Karambolage-Spieler gehören seit mehreren Jahrzehnten dem 1963 in Bremen-Lesum gegründeten Verein an und zählen zu den Spitzenspielern. Ein rundes Dutzend Spieler ist an diesem Mittwoch im Vereinsheim an der Würzburger Straße in Findorff zusammen gekommen, nach der Schließung ihres ursprünglichen Standortes im Bremer Norden hat es sie anno 2001 in die Nähe des Bürgerparks verschlagen. „Wir sind nach meinem derzeitigen Kenntnisstand der einzige Verein in Bremen, in dem diese Art des Billardsports betrieben wird“, erklärt der Schwachhauser Janßen, der seit rund 50 Jahren Billard in all seinen Varianten spielt und das Karambolagespiel als „mein Spezialgebiet“ auserkoren hat.

Karambolage – auch Carambol oder Karambol genannt – ist der Überbegriff einer Billard-Variante, die mit drei Kugeln gespielt wird. Die Kugeln werden im Fachjargon „Bälle“ genannt, sie haben die Farben Rot, Weiß und Gelb. Alternativ wird mit einer roten und zwei weißen Kugeln gespielt, von denen eine mit einem Punkt markiert ist. Im Gegensatz zu Poolbillard oder Snooker werden allerdings keine Kugeln in Taschen versenkt – der Tisch hat keine Löcher – sondern es geht im Karambol darum, mit dem Spielball die beiden anderen Bälle zu treffen.

Die Faszination beschreiben Janßen, Mevissen und die übrigen Vereinsmitglieder mit einem Zitat von Albert Einstein, seines Zeichens ein begeisterter Anhänger dieses Sportes: „Billard ist die hohe Kunst des Vorausdenkens“, hatte der berühmte Physiker einmal gesagt, „es ist nicht nur ein Spiel, sondern in erster Linie eine anspruchsvolle Sportart, die neben physischer Kondition auch das logische Denken eines Schachspielers und die ruhige Hand eines Konzertpianisten erfordert.“

Eine ruhige Hand benötigt auch gerade Jean-Pierre Guérin aus der Vahr. Der Kassenwart des Vereins steht an einem anderen der drei Tische und hat sich selbst eine schwierige Aufgabe gestellt. Guérin versucht, seinen weißen Spielball so zu spielen, dass die beiden farbigen Kugeln fast gleichzeitig getroffen werden, der weiße Spielball anschließend insgesamt drei der sechs Banden berührt – und schließlich so zum Ausgangspunkt zurück rollt, dass Guérin nach dem erfolgreichen Stoß eine gute Fortsetzung für sein filigranes Spiel hat. „Merde!“, entfährt es dem erfahrenen Spieler mit französischen Wurzeln, nachdem der weiße Spielball unbeabsichtigt mit einer anderen Kugeln kollidiert ist. Damit hat sein Gegner nun eine günstige Gelegenheit – und macht einen Punkt.

Die enorme Vielfältigkeit dieses Präzisionssports zeigt sich bei den verschiedenen Spielvarianten: Bei der „freien Partie“ und beim „Cadre“ reicht es, die anzuspielenden Bälle direkt zu treffen. Beim „Einband“ und „Dreiband“ müssen mindestens eine bis sogar drei Banden mit dem Spielball berührt werden, bevor der letzte der anzuspielenden Bälle getroffen wird.

Sämtliche Disziplinen seien bei den Vereinsmitgliedern im Grunde genommen beliebt, einzig das „Einband-Spiel“ falle dabei etwas ab. Es sei „sehr kompliziert“, so der Tenor aller Spieler – weshalb sie sich lieber mit den übrigen Varianten befassten. „Beim Einstieg in das Einband-Spiel bleiben in der Regel die frühen Erfolgserlebnisse aus“, sagt Winfried Janßen, „deshalb raten wir Neueinsteigern eher dazu, sich zunächst mit der freien Partie zu beschäftigen, da hierbei nicht auf das Berühren einer oder mehrerer Banden geachtet werden muss.“

Edmund Mevissen hat seine Liebe für Karambolage in all seinen Varianten vor rund 45 Jahren im Saarland entdeckt. „Ich habe das Spiel in einer Kneipe gesehen und sofort Feuer gefangen“, erzählt der Sohn der ehemaligen Bremer Bürgermeisterin Annemarie Mevissen. Nach nur drei Jahren wurde er Saarland-Meister. Als er 1979 wieder in die Hansestadt zurückkehrte, trat er dem BBS bei und heimste nur ein Jahr später bereits den Norddeutschen Titel ein. „Dann legte ich aus beruflichen Gründen eine Pause von rund 30 Jahren ein“, sagt der Dreiband-Künstler, der seinen Lieblingssport nun seit knapp zweieinhalb Jahren wieder aktiv betreibt. „Man braucht doch schon eine ganze Weile, ehe man wieder die gewohnte Sicherheit in seinem Spiel hat“, fügt Mevissen hinzu, als ihm ein vermeintlich leichter Stoß misslingt.

Der BBS ist Mitglied in der Deutschen Billard Union (DBU) und spielt regelmäßig in der Oberliga. Im Vereinsheim spielen die Mitglieder derzeit an drei Tischen, ein vierter soll das Trio in naher Zukunft erweitern. Jedes Mitglied hat einen Schlüssel, um ganz nach eigenem Ermessen trainieren zu können. Wie in vielen anderen Vereinen plagen sich auch Janßen, Mevissen und Guérin mit fehlendem Nachwuchs.

Deshalb bietet der Vorsitzende Interessierten an, die ersten drei Monate zunächst kostenlos zu spielen und anschließend einen vergünstigten Monatsbeitrag zu zahlen. Der Fokus liegt vor allen Dingen auf jungen Spieler. „Ab zehn Jahren können sie zu uns kommen“, erklärt Janßen und fügt fröhlich hinzu: „Dann können sie nämlich über die Tischkante schauen.“ Aber auch ältere Mitspieler seien jederzeit willkommen, betont Janßen, der als Ansprechpartner zur Verfügung steht.

Wer Kontakt zu den Bremer Billardsportlern aufnehmen möchte, kann entweder immer mittwochs ab 19 Uhr direkt zum Vereinsheim an der Würzburger Straße 4 in Findorff kommen, oder sich unter Telefon 04 21 / 63 54 51 mit Winfried Janßen in Verbindung setzen. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, wie die Verantwortlichen betonen.

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