Bremer Fußball im Internet

Kein Live-Fußball ohne Windgutachten

Sporttotal.tv rüstet immer mehr Bremer Vereine mit Kameras aus. Bundesweit seien es bereits 530 Systeme. Nur das Wetter bleibt noch ein Problem.
06.05.2019, 16:31
Lesedauer: 4 Min
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Kein Live-Fußball ohne Windgutachten
Von Mathias Sonnenberg
Kein Live-Fußball ohne Windgutachten

Unter rollt der Ball, oben fängt eine fest installierte Kamera alle Szenen auf dem Spielfeld ein: So funktionieren die Übertragungen.

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Das selbst gesetzte Ziel von über 1000 Kameras haben sie noch nicht geschafft. Aber der Weg, auf dem sich die Sporttotal AG seit einigen Jahren befindet, führt auf jeden Fall nach oben. „Wir installieren pro Woche Kameras im zweistelligen Bereich auf Sportplätzen“, sagt Alexander Neyer.

Derzeit seien es bundesweit über 530 Systeme, die sich überwiegend auf Fußballanlagen befinden. Der 27-Jährige muss es wissen, er ist der Head of Sports beim Streaming-Portal „Sporttotal.tv“, das sich ganz und gar dem Amateur-Sport verschrieben hat. Die meisten Fußball-Fans werden es kennen: Hier werden Fußballspiele von der vierten bis zur sechsten Liga live im Internet übertragen – und zwar kostenfrei. Darüber hinaus gibt es auch Live-Bilder aus der Volleyball-Bundesliga sowie von Eishockey-, Basketball- und Feldhockeyspielen.

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2017 ging Sporttotal, damals noch Wige Media, an den Start. Auch der Bremer Fußball war von Anfang an dabei. In dieser Saison können die Heimspiele der Bremen-Ligisten Brinkumer SV, FC Oberneuland, Blumenthaler SV, OSC Bremerhaven, Leher TS, ESC Geestemünde und SFL Bremerhaven im Internet live verfolgt werden, aus der Landesliga ist der SV Lemwerder dabei. In der kommenden Saison hat auch Aumund-Vegesack eine Kamera für die Übertragung am Platz. Durchschnittlich schauen in Bremen 800 bis 1000 Zuschauer bei den Live-Spielen rein, bundesweit liegt der Schnitt bei 2500 bis 3000 Zuschauern.

Das Windgutachten steht noch im Weg

Das Kölner Unternehmen würde gerne noch weitere Bremer Vereine mit Kameras ausstatten. Aber ausgerechnet der Bremer Wind verhindert das derzeit noch. „Mit den Vereinen und dem Bremer Fußball-Verband sind wir uns einig“, erzählt Alexander Neyer. BTS Neustadt, BSC Hastedt, der Habenhauser FV, TuS Schwachhausen und SC Borgfeld, sie alle wollen ihre Heimspiele künftig bei sporttotal.tv übertragen lassen. Doch dem steht ein Wind-Gutachten im Weg. Denn weil es auf diesen Plätzen kein Tribünendach gibt, muss die Kamera auf einem Mast installiert werden. Und der kann nur mit einem entsprechenden Wind-Gutachten gebaut werden. „Dadurch entstünden neue Kosten, die noch nicht geklärt sind“, sagt Neyer. Unklar, ob sich das Problem für die kommende Saison lösen lässt.

Eigentlich ist das System recht einfach. Gibt ein Verein die Zustimmung zur Übertragung, rücken Techniker der Sporttotal AG an und installieren eine Kamera am Platz. Keine normale Kamera, sondern eine vollautomatische, die dem Ball auf dem Spielfeld folgt und bei einem Radius von 180 Grad immer das ganze Spielfeld im Blick hat. Die Installation kostet um die 10 000 Euro, die Lizenzgebühr von zehn Euro pro Monat muss der Verein zahlen. Sporttotal finanziert sich über Werbeeinnahmen und Partner, die an die Zukunft des Projekts glauben und entsprechend Geld in die Firma gebracht haben. Aber auch die beteiligten Vereine haben die Möglichkeit, über die Sichtbarkeit von eigenen Sponsoren während der Übertragungen zusätzliche Erlöse zu generieren. Die werden mit Sporttotal zur Hälfte geteilt.

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Dort glaubt man natürlich an das Projekt, das tatsächlich beständig an Reichweite gewinnt. „Es gibt noch unglaubliche Möglichkeiten für die Vereine“, sagt Neyer und bekennt, dass man vor lauter Installationen zeitweise den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen habe. Das gilt zum Beispiel für den Mehrwert, den die Vereine von Übertragungen haben. Neyer: „Es gibt jetzt die Möglichkeit, dass die Vereine ihre Trainingseinheiten aufzeichnen können, damit der Trainer später die Bilder für eine Taktik-Analyse nutzen kann.“ Das geschieht noch per Anruf oder einer Mail beim Anbieter. „Aber wir wollen, dass die Vereine langfristig eine eigene Oberfläche bekommen, über die sie die Kamera steuern und nutzen können.“ Man denke darüber nach, ab dem kommenden Jahr zusätzlich ein Analyse-Tool anzubieten. „Es gibt noch sehr viel Potenzial bei diesem Projekt“, sagt Neyer. Auch Testspiele oder Jugendturniere könnten live gestreamt werden.

Rückschläge durch DSGVO

Doch die Kölner mussten auch Rückschläge verkraften. Zum Beispiel im Zuge der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die ab Mai 2018 in Kraft getreten ist. „Das hat schon zu Verzögerungen bei den Kamera-Installationen geführt“, räumt Neyer ein. Viele Vereine seien verunsichert gewesen, wann und wie die Bilder übertragen werden oder ob auch Zuschauer zu sehen seien. „Dieser ganze Prozess hat auch die Freigabe durch die Behörden beeinflusst“, sagt Neyer. Bei Sporttotal habe man die Geschäftsbedingungen ändern müssen und die Rechtsabteilung auf die DSGVO ausgelegt. Noch heute sei die Verordnung bei interessierten Vereinen hin und wieder ein Grund, warum es nicht zu einem Vertragsabschluss käme. Das Vorurteil, die Live-Übertragungen im Internet würden zulasten der Zuschauerzahlen gehen, hat sich hingegen nicht bewahrheitet.

An der Weser befindet sich Alexander Neyer derzeit in Gesprächen mit Werder Bremen. Nein, es geht natürlich nicht um Bilder aus der Bundesliga. Die sind viel zu teuer und längst vergeben, Neyer möchte in der Regionalliga weiter Fuß fassen mit Werders U 23 und auch der dritten Mannschaft in der Bremen-Liga. Beim VfL Wolfsburg hat das geklappt, die Spiele der Bundesliga-Reserve in der Regionalliga werden bei sporttotal.tv gestreamt, dazu gibt es viel Analyse-Material für die Trainer. Das könne man sich auch bei Werder vorstellen, meint Neyer.

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Dass mit PlatinTV in Bremen gerade ein österreichisches Unternehmen Pay-TV im Amateur-Fußball anbieten will, verfolgt man bei Sporttotal mit großer Aufmerksamkeit. „Aber der manuelle Aufwand ist natürlich viel größer“, meint Neyer. Die Österreicher wollen die Spiele mit Kameramann und Kommentator zeigen. In Köln geht man das Projekt anders an. „Wir wollen sichtbar bleiben und keine Pay-Wall aufziehen“, sagt der Head of Sports. Aber natürlich wisse niemand, wie sich das Geschäft mit Fußball-Übertragungen noch wieder verändere. Für die Sporttotal AG gilt deshalb: Immer schön am Ball bleiben.

Info

Zur Sache

Übertragungen im Amateur-Fußball

Sporttotal hat sich seit 2017 auf die Live-Übertragungen von Amateur-Fußballspielen im Internet, das sogenannte Streaming, spezialisiert. Die Firma mit Sitz in Köln hat im Geschäftsjahr 2017 einen Umsatz in Höhe von 60,28 Millionen Euro ausgewiesen und ist ein börsennotiertes Medienunternehmen. In Hamburg (elbkick.tv) oder Berlin (spreekick.tv) gibt es weitere Online-Portale, die ausschließlich Amateur- und Jugendfußball zeigen mit größtenteils professionellen Zusammenschnitten und Kommentatoren. Bewegtbilder im Amateur-Fußball ist ein boomender Markt.

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