Außerordentlicher Verbandstag des BFV

Online-Experiment geglückt

Die virtuelle Zusammenkunft des Bremer Fußball-Verbands beschließt das Ende der Punktspielsaison. Tabellen werden mittels Quotientenbildung errechnet, Absteiger gibt es nicht. Im Pokal könnte es weitergehen.
05.06.2020, 14:02
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Freye
Online-Experiment geglückt

Erstmals lud der Bremer Fußball-Verband zu einer virtuellen Mitgliederversammlung ein. Die Verbandsvertreter – unter anderem Justiziar Patrick von Haacke (vorne links) und Präsident Björn Fecker (vorne rechts) saßen in gebührendem Abstand voneinander in der BFV-Geschäftsstelle im Weserstadion, während die Delegierten die Versammlung daheim an ihren Rechnern verfolgten.

Christina Kuhaupt

Irgendwann war die Zeit für das unbekannte Mädchen gekommen. Es meinte: „Guck doch mal, Papa.“ Für Außenstehende blieb unklar, was die Kleine ihrem Vater zeigen wollte. Aber klar war, dass es hier einfach nicht hingehörte. Immerhin sorgte die kindliche Bitte um Aufmerksamkeit für Heiterkeit auf dem Außerordentlichen Verbandstag des Bremer Fußball-Verbandes (BFV).

So läuft das eben, wenn sich 97 Menschen zu einer Videokonferenz zusammenschließen – irgendwas ist immer. Es waren einige Teilnehmer dabei, die ihr Mikrofon nicht abgestellt hatten und so für eine unfreiwillige Kulisse sorgten. Manche gaben daneben recht interessante Einblicke in die eigenen vier Wände. Das waren indes allesamt nur Nebenaspekte einer ordentlichen Veranstaltung. „Am Anfang wussten sie nicht genau, wohin sie klicken sollen, aber insgesamt hat es doch gut geklappt“, meinte BFV-Geschäftsführer Jens Dortmann, der Verantwortliche des ungewöhnlichen, weil virtuellen Verbandstages.

Vor allem gab es keine Probleme, die gestellten Anträge mit einer Mehrheit zu versehen – über die Inhalte hatte der Verband im Vorfeld ja auch ausgiebig mit seinen Vereinen diskutiert. Bereits vor Wochen sprachen diese sich mit großer Mehrheit für einen Abbruch der Saison aus, und so stimmten auch am Donnerstag satte 97,2 Prozent für den Tagesordnungspunkt 3, Antrag Nr. 01: Danach wird die Saison 2019/2020 in sämtlichen BFV-Spielklassen mit Ausnahme der Landespokalwettbewerbe der Herren, Frauen und A-Junioren abgebrochen. Der Tabellenstand wird durch einen Quotienten aus Punkten pro Spiel bestimmt, sportliche Absteiger wird es nicht geben. Das gilt auch für die Nachwuchsligen des BFV, deren Abschlusstabelle allerdings die Winterrunde 2019 und keine Quotienten-Regelung bildet. Abgelehnt wurde ein kurzfristig eingebrachter Antrag des TSV Imsum, der eine abweichende Lösung für die Bremerhavener Kreisliga vorsah. Damit waren die wesentlichen Themen des Verbandstages in weniger als drei Minuten abgehakt.

Bis es dazu kam, hatte einige Zeit vergehen sollen. Man könnte sagen: Das Abstimmen wurde sehr lange geübt. Aber das war auch gut so. Jens Dortmann hatte sich vorher ja ausführlich mit den virtuellen Abstimmungstools beschäftigt. In „Teambits“ machte er schließlich einen Anbieter ausfindig, der mit einem Kostenaufwand von rund 2500 Euro vergleichsweise günstig und dank einer Zertifizierung auch die nötige Rechtssicherheit bot. Aber in der Praxis läuft dann eben doch erst einmal nicht alles rund – da kann man zuvor noch so viele Testläufe gemacht haben.

Es war eine gute Sache, dass zu Beginn der Konferenz erst einmal die Anwesenheit mittels des Abstimmungstools ermittelt wurde. Es waren 665 der 1022 Stimmen vertreten, die sich auf die 74 Vereine – von denen wohl rund 50 dabei waren – und 78 Delegierte verteilten. Letztere stammen aus den Ausschüssen des BFV und haben jeweils eine Stimme. Die Vertreter der Vereine besitzen je nach Anzahl der gemeldeten Mannschaft dagegen mehrere Stimmen; der SV Werder gilt angesichts seiner Vielzahl von Teams mit 39 Stimmen als einflussreichster Klub.

Nach Überprüfung der Anwesenheit folgte die zweite Abstimmung – die erste richtige, wenn man so will. Es ging es um eine Änderung der Tagesordnung, denn Punkt 4 sollte dem Punkt 3 vorgezogen werden. „Ich sehe das Chat-Symbol nicht“, meinte ein Teilnehmer, ein anderer vermochte „das Fenster“ nicht ausfindig zu machen. Ihnen konnte geholfen werden, und so verkündeten farbige Balkendiagramme schon bald eine klare Zustimmung. Gleich darauf mussten diese neue Tagesordnung beschlossen und, als vierte Abstimmung, eine dreiköpfige Zählkommission bestimmt werden. Dann ging es endlich um den Punkt 4, der nun ja Punkt 3 war.

Die Idee, ihn vorzuziehen, war eine gute, denn er behandelte die persönliche Haftbarkeit der gesetzlichen Vertreter des BFV, des Präsidiums also. Wie BFV-Justiziar Patrick von Haacke vorher festgestellt hatte, ist diese zwar „nicht so leicht möglich“. Aber man weiß ja nie, was passiert, wenn sich ein Verein mal gegen einen Nichtaufstieg wehrt und den Rechtsweg auszuschöpfen bereit ist. Also wurde die persönliche Haftbarkeit mit 98,5 Prozent der Stimmen ausgeschlossen – und zwar, bevor die Entscheidung über den Abbruch der Saison erfolgte. Anders herum und wie ursprünglich vorgesehen, hätten die Teilnehmer erst für den Abbruch und dann gegen einen Haftungsausschluss stimmen können – mit einem Risiko für das Präsidium.

Die Freistellung sorgte also für Erleichterung, BFV-Präsident Björn Fecker bedankte sich „auch im Namen unserer Ehefrauen“ für das Abstimmungsergebnis. Später berichtete er von einer „großen Anspannung“. Sie bezog sich auf die im Raum stehende Haftung ebenso wie auf den gesamten Verlauf der rund 35-minütigen Veranstaltung. „Wir mussten uns ja auf die Technik verlassen“, so Fecker. Nach einem etwas „holprigen“ Beginn hatte er eine gelungene Veranstaltung erlebt, „sachlich und konstruktiv“. Ihm erging es also ganz ähnlich wie Jens Dortmann. Ob der Online-Verbandstag ein Modell für die Zukunft ist? „Wenn man sich die Kosten anguckt, schon“, meinte der Geschäftsführer. Dem finanziellen Aufwand für die Abstimmungssoftware stehen bei einer normalen Veranstaltung schließlich höhere Ausgaben für Raummiete und Bewirtungskosten gegenüber.

Gänzlich überzeugt ist Jens Dortmann trotz geglückter Premiere aber nicht: „Auf einem Verbandstag gehört der persönliche Austausch einfach dazu.“ Alles vermochte die virtuelle Alternative eben doch nicht zu bieten.

Info

Zur Sache

Die schnellen Bremer

Ein bisschen stolz waren sie beim Bremer Fußball-Verband (BFV) schon über die Premiere: Nach dem großen DFB war der BFV schließlich der erste Landesverband, der einen Verbandstag auf dem Bildschirm über die Bühne gebracht hatte. „Alle anderen kommen erst Ende Juni“, bemerkte Präsident Björn Fecker. Der Hintergrund: Die Satzung der Bremer sieht mit drei Wochen eine vergleichsweise kurze Ladungsfrist zum Verbandstag vor. Zudem hatte der BFV bereits vor geraumer Zeit zur Vollversammlung eingeladen, in weiser Voraussicht, könnte man meinen. Für Fecker bestand ein wesentlicher Grund für die frühe Entscheidungsfindung in der umfassenden Kommunikation seines Verbandes: „Wir hatten die Szenarien bereits kurz nach Ostern vorgestellt und damit viel Zeit für mögliche Diskussionen geschaffen.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+