Beachvolleyball-EM-Medaille mit Pointe

Medaille für den Volleyball-Verband, Streit mit dem Verband

Die aus Bremen stammende Beachvolleyballerin Kim Behrens erlebt eine Achterbahn-EM – dabei hilft sie indirekt dem Verband, von dem sie Schadensersatz fordert. Am 7. Oktober soll es vor Gericht gehen.
23.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Medaille für den Volleyball-Verband, Streit mit dem Verband
Von Olaf Dorow
Medaille für den Volleyball-Verband, Streit mit dem Verband

Notlösung, Nachrücker - und plötzlich EM-Zweite: Kim Behrens (links) und Cinja Tillmann in Jurmala.

Toms Kalnins/EPA-EFE/Shutterstock

Dann sank sie in den Sand. Vorher, so zeigten es die TV-Bilder, hatte sie ihre Brille weggeschleudert und vor Wut geschrieen. So war es, das Ende dieses EM-Finales, das die aus Bremen stammende Beachvolleyballerin Kim Behrens an der Seite ihrer Partnerin Cinja Tillmann schließlich verloren hatte. Dieses Finale, dieses ganze Turnier war bestens geeignet, es eine Achterbahn der Emotionen zu nennen, wie es im Sportjargon so schön heißt, und Kim Behrens sagt noch zwei Tage später am Telefon: „Also, mehr Achterbahn geht wohl nicht.“ EM-Silber, wow, da freue sie sich natürlich total. Um sie herum würden alle gratulieren und sie irgendwie auch emotional abholen. Ja, aber diesen einen Matchball, den es gab gegen das Schweizer Favoritenpaar Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré, „den werde ich trotzdem nie vergessen“.

Die Silbermedaille war der größte sportliche Erfolg der seit Dienstag 28-jährigen gebürtigen Bremerin, die inzwischen in Münster und in Holland lebt und für den TSV Flacht antritt. Der Matchball war die größte sportliche Chance der Karriere. Vielleicht sogar eine, die nie wieder kommt, das kann man im Sport nie wissen. Zwei Matchbälle der Konkurrenz hatten Kim Behrens und Cinja Tillmann danach noch abgewehrt, dann war sie weg, die Chance. Dann war ein Turnier vorbei, in dem das Duo für eine Story gesorgt hatte, die gleich mehrere Facetten und Pointen aufwies.

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Erst kurz vor der EM als Nachrücker nominiert, hatte es am lettischen Ostseestrand keinen guten Einstieg. Es verlor sein Auftaktspiel. „Da haben wir aufgehört, uns irgendetwas auszurechnen“, wurde Cinja Tillmann von beach-volleyball.de zitiert. Im Anschluss konnten sie sich von Tag zu Tag mehr ausrechnen. Sie schlugen alle Gegnerinnen, darunter topgesetzte Paare aus der Schweiz und Russland. „Das Finale“, gesteht Behrens, „war dann eines der belastendsten Spiele, die ich je hatte.“ Physisch sowieso, im siebten Spiel innerhalb von sechs Tagen. Mental erst recht. Einerseits der Gedanke, schon jetzt zigmal mehr erreicht zu haben, als irgendjemand erwartet hatte. Andererseits das Gold zum Greifen nah. Als Psychologe ließe sich anmerken: sehr interessant. Was dazu passt, dass Kim Behrens, derzeit freigestellte Polizistin, im Oktober an der Fernuni Hagen ihr Masterstudium in Psychologie beginnen will. Gegen die favorisierten und körperlich überlegenen Schweizerinnen lief es im Endspiel von Jurmala so, dass die neue Europameisterin hinterher sagte, das Spiel hätte auf beide Seiten kippen können. Behrens und Tillmann hätten „verdammt gut aufgeschlagen“.

So weit der sportliche Teil der Story, die aber damit nur lückenhaft erzählt wäre. Parallel läuft ein Rechtsstreit. Kim Behrens und Cinja Tillmann hatten den Deutschen Volleyball-Verband (DVV) verklagt. Gretchenfrage: Muss der DVV für internationale Turniere streng nach Rangliste nominieren oder darf er seine vier Nationalteams bevorzugt behandeln. Das Landgericht Frankfurt/Main hatte im August die Klage zugelassen, in der es auch um Schadenersatz geht, und eine sechswöchige Frist für einen Vergleich gesetzt. Die Frist wäre an diesem Mittwoch abgelaufen. Laut Hans Voigt, der zum Trainerteam von Behrens/Tillmann gehört, wird es zu einem Vergleich nicht mehr kommen. Das Gericht habe für den 7. Oktober einen neuen Verhandlungstermin angesetzt.

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Pikanterweise hatte in Jurmala genau das Paar für den Verband die für Fördergelder sehr hilfreiche internationale Medaille geholt, das der Verband zuletzt von vielen internationalen Turnieren abgemeldet hatte. Mit der sinngemäßen Argumentation, dass diesem Paar nicht so große Chancen eingeräumt werden, um für die für Fördergelder benötigten internationalen Erfolge zu sorgen.

Schon bei den Deutschen Meisterschaften Anfang September hatten Behrens/Tillmann zweimal ein Nationalteam besiegt und waren nur äußerst knapp am Einzug ins Endspiel gescheitert. Beachvolleyball.de erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass schon vor zwei Jahren und ebenfalls im lettischen Jurmala mit Nadja Glenzke und Julia Großner ein deutsches Team im EM-Turnier glänzte, dem der Verband die Persprektive abgesprochen habe. Glenzke/Großner hatten sogar Gold geholt und kurz darauf die Karriere beendet.

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Kim Behrens und Cinja Tillmann hatten im Frühjahr 2019 zueinander gefunden und als eine Art Notlösung gegolten. Beide sind aufgrund ihrer Körpergröße eher Abwehr- als Blockspielerinnen, sie mussten fehlende Zentimeter am Netz versuchen auszugleichen. Ausgelöst durch die Karriere-Unterbrechung der mittlerweile wieder auf die Sandplätze zurückgekehrten Olympiasiegerin Kira Walkenhorst hatte es unter Deutschlands besten Paaren diverse Partnerwechsel gegeben. Und hatte Kim Behrens ihre Partnerin Sandra Ittlinger verloren. Ittlinger wurde die eine Hälfte eines neuen Nationalteams, Behrens war in dem großen Ringtausch zunächst leer ausgegangen. Das „Team Notlösung“ holte mehr Erfolge, als viele ihm zugetraut hätten.

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Womöglich wird es sich trennen. Beide Spielerinnen haben mit der EM automatisch ihren sportlichen Marktwert gesteigert, sich sozusagen attraktiv gemacht für ambitionierte Blockspezialistinnen. „Wenn ein gutes Angebot kommt, muss man überlegen“, sagt Kim Behrens. Natürlich könne man auch weiter zusammenbleiben. Man habe ja gezeigt, wie gut man performen könne. So gut, dass Kim Behrens orakeln kann: „Man stelle sich mal vor, wir gewinnen vor Gericht und bekommen Schadensersatz. In dem dann quasi Fördergelder stecken, für die wir gesorgt haben.“

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