Gleichberechtigung im Sport

Frauen kämpfen für Frauen

Die große Sorge der Damen des Ausschusses „Frauen und Gleichstellung“ des LSB ist es, dass die Corona-Krise alle Bemühungen zurückwirft, die Gleichberechtigung um weitere Jahrzehnte verschiebt.
25.08.2020, 05:20
Lesedauer: 4 Min
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Frauen kämpfen für Frauen
Von Rebecca Sawicki
Frauen kämpfen für Frauen

Tina Brinkmann-­Lange (v.l.), Helke Behrendt, Jennifer Neßler, Inge Voigt­Köhler, Elke Regensdorff-Gloistein und Ingeborg Syska (nicht auf dem Foto) kämpfen gemeinsam für Gleichberechtigung im Sport. Vor der Pandemie noch Schulter an Schulter, mittlerweile mit ­physischer Distanz.

Frank Koch

Sport verbindet. Losgelöst von Religion, Hautfarbe, Einkommen und Geschlecht soll er die Menschen zusammenbringen. Nun besteht Sport nicht nur aus der individuellen körperlichen Ertüchtigung, sondern er ist meistens auch organisiert. In Vereinen und Verbänden, in Mannschaften und Clubs. Und dort hört nach Ansicht des Ausschusses „Frauen und Gleichstellung“ des Landessportbundes Bremen (LSB) die Loslösung von Geschlechtern dann auch auf. Den Frauen ist der organisierte Sport zu männlich.

„Frauen befinden sich zu selten in Führungspositionen. Sie ergreifen weniger häufig Ehrenämter, lassen sich nicht so oft in die Vorstände wählen“, erklärt Tina Brinkmann-Lange, hauptberufliche Mitarbeiterin des Ausschusses. Diese Unterrepräsentation, davon ist der Ausschuss überzeugt, liegt nicht am fehlenden Interesse der Frauen. „Wenn eine Vorstandssitzung abends um 19 Uhr ist, kann ich da als Mutter nicht so einfach hin. Nach der Arbeit kommt schließlich in vielen Fällen erst einmal die Familie“, sagt Brinkmann-Lange. Stattdessen könnten Vorstandssitzungen zu familienfreundlicheren Zeiten geplant werden, zum Beispiel nachmittags am Sonnabend, findet sie. Auch Zoom-Konferenzen, wie sie in der aktuellen Zeit weit verbreitet sind, sieht der Ausschuss als eine gute Möglichkeit, Frauen die Teilhabe zu vereinfachen.

Der Ausschuss, dem sie angehört, entwickelt Konzepte, wie Frauen in der Welt des Bremer Sports präsenter werden können. Wie sie unterstützt werden müssten, um die Initiative ergreifen zu können. Wie sie grundsätzlich in die Vereine gelockt werden können. Denn nicht nur auf der Führungsebene sind sie unterrepräsentiert. Wie Zahlen des LSB für 2019 zeigen, sind ab der Altersspanne 15 bis 18 Jahre nur noch rund halb so viele Frauen wie Männer in den Sportvereinen des Landes. Erst ab der Altersklasse 60+ gleichen sich die Zahlen wieder an. Neben Tina Brinkmann-Lange arbeiten noch sechs weitere Frauen in diesem Gremium mit; die Vorsitzende ist Elke Regensdorff-Gloistein, Präsidiumsmitglied des LSB.

Eine wichtige Säule der Konzeption sei es auch, Frauen sichtbar zu machen. Sichtbar vor allem auch in den Medien. So hat eine Studie der Hochschule Macromedia in Hamburg ­ ergeben, dass sich die Sportberichterstattung über Männer und Frauen unterscheidet und dass über Frauen generell sehr viel weniger berichtet wird.

Der Ausschuss hat deswegen eine Serie im Magazin des LSB etabliert, in dem Frauen in verschiedenen Positionen porträtiert werden. „Wir als Frauen müssen uns immer wieder bewusst machen, dass wir, wenn wir sichtbar sein wollen, die Bühne keinem anderen räumen sollten“, sagt Brinkmann-Lange. Ziel sei es deshalb auch, das Selbstbewusstsein und Verständnis zu stärken.

Seien Frauen erst einmal sichtbarer, könnten auch Medien motiviert sein, die Sportberichterstattung anzupassen. „Frauen werden oftmals anders präsentiert als Männer. Da gibt es keine schmerzverzerrten Gesichter im Zweikampf, fast so, als würde das niemand sehen wollen“, sagt Brinkmann-Lange. Dem Ausschuss sei klar, dass viele Probleme nicht im Bewusstsein der Gesellschaft angekommen sind. Dass die Ungleichheit nicht auf böser Absicht, sondern auf verschiedenen Sichtweisen fußt.

Eine weitere wichtige Säule ist das geplante Mentoring-Programm. Hierbei sollen Frauen unterstützt werden, wenn sie sich in bestimmte Positionen begeben wollen. „Wir können zum Beispiel Rhetorik-Kurse anbieten oder den Frauen zeigen, wie sie sich souverän präsentieren“, sagt Brinkmann-Lange. Gerade im Bereich der jungen Erwachsenen arbeite der LSB intensiv daran: „Wir bieten in Kooperation mit der Hochschule Übungsleiterkurse an. Die jungen Menschen können dann als Trainer in die Vereine gehen.“ Aber auch die Vereine selbst können an den Ausschuss herantreten. „Möchte sich ein Verein neu aufstellen und strukturieren, können wir ihm dabei helfen. Können wir vielleicht auch Bewusstsein dafür schaffen, dass bereits unter den Mitgliedern eine Menge Expertise vorhanden ist“, erklärt Brinkmann-Lange. So könne beispielsweise eine Mutter, die Buchhalterin ist, aktiv für den Job der Kassenwartin umworben werden.

Die große Sorge der Damen des Ausschusses ist es, dass die Corona-Krise alle Bemühungen zurückwirft und die Gleichberechtigung um weitere Jahrzehnte verschiebt. „Ich habe den Eindruck, dass wir schon einmal weiter waren. Gerade, was die Sprache angeht“, sagt Brinkmann-Lange, „es gibt auf jeden Fall noch viel zu tun, dessen muss man sich einfach bewusst sein.“ Ein weiterer Aspekt, auf den der Ausschuss wert legt: eine geschlechtergerechte Sprache. „Wir versuchen, das im Landessportbund schon durchzusetzen. Zum Beispiel lassen wir in E-Mails die Anrede Herr und Frau weg, um auch das dritte Geschlecht nicht auszuschließen“, sagt Brinkmann-Lange.

Letztlich sollen die Ideen, die der Ausschuss in der erarbeiteten Konzeption zusammengefasst hat, mit Leben gefüllt werden. Von Präsidium und Hauptausschuss, dem zweithöchsten Organ des LSB, sei dieses Ansinnen bereits abgenickt worden. Beim Landessporttag, dem höchsten LSB-Organ, das aktuell noch für November geplant ist, solle es final verabschiedet werden. Ziel sei es aber nicht, Quoten oder Strategien durchzudrücken, sondern eine Philosophie zu verankern, die die Gleichberechtigung fördert.

Info

Zur Sache

Frauensporttag

Einen Tag voll Sport, Spaß und Entspannung nur für Frauen plant der Landessportbund Bremen in diesem Jahr am 12. September. Auf der Sportanlage der SG Marßel werden diverse Schnupperkurse wie Zumba oder Nordic-Walking angeboten. Beginn ist um 9.45 Uhr und Anmeldungen werden per E-Mail an t.brinkmann@lsb-bremen.de entgegengenommen.

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