Profi-Tänzer

„Wir möchten, dass die Zuschauer begeistert sind“

Kevin Berger tanzt im A-Team der Lateinformation im Grün-Gold-Club Bremen. Im Interview spricht er darüber, wie er zu seiner Leidenschaft kam und wie es für ihn ist, kein Geld mit dem Sport zu verdienen.
07.07.2020, 13:21
Lesedauer: 6 Min
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„Wir möchten, dass die Zuschauer begeistert sind“
Von Patricia Friedek
„Wir möchten, dass die Zuschauer begeistert sind“

Kevin Berger ist mehrfacher Landesmeister im Lateintanzen.

Karsten Klama
Herr Berger, das Tanzen ist nicht Ihr Beruf, trotzdem verbringen Sie enorm viel Zeit damit. Was ist es dann für Sie?

Es ist auf jeden Fall ein Hobby, aber viel mehr als das. Es ist ein Hobby, das man ohne Leidenschaft nicht durchhalten würde. Aber es ist irgendwie auch wie ein zusätzlicher Job, weil ich so viele Stunden in der Woche damit verbringe.

Wie viele Stunden in der Woche tanzen Sie denn?

Normalerweise trainiere ich drei Tage die Woche jeweils drei Stunden, also insgesamt neun Stunden die Woche. Hinzu kommen die Trainingslager vor den Meisterschaften, davon gibt es ungefähr zehn bis zwölf im Jahr. Die gehen am Wochenende am Samstag und Sonntag jeweils von zehn bis 18 Uhr. In der Corona-Zeit war das jetzt natürlich anders.

Was hat sich verändert?

Unser letztes Turnier wurde gestrichen. Das heißt, dass wir die Bundesliga nicht mehr zu Ende tanzen konnten. Leider wurde auch die Europameisterschaft in Wien abgesagt, was für uns sehr bitter ist. Das ist eines unserer wichtigsten Turniere, zusammen mit der Weltmeisterschaft und der deutschen Meisterschaft. Hinzu kommt, dass wir nicht normal weiter trainieren konnten. Die Stammbesetzung besteht aus 16 Leuten, da ist es unmöglich, unter den Corona-Regelungen zu trainieren. Das bedeutet, dass wir etwa zweieinhalb Monate gar nicht trainiert haben.

Wie haben Sie sich stattdessen fit gehalten?

Wir alle haben Fitnessübungen zu Hause gemacht oder waren laufen oder haben uns per Video als Team getroffen und dann gemeinsam Krafttraining gemacht. Das ist natürlich nicht die gleiche Belastung, das kann man nicht vergleichen. Aber das Training fängt jetzt langsam wieder an, ich habe begonnen, wieder mit meiner Tanzpartnerin zu trainieren.

Wird sich das fehlende Training auf die Performance in den Meisterschaften auswirken?

Es kommt drauf an, wann wir wieder richtig anfangen dürfen. Wir beschäftigen uns ja trotzdem mit unseren Körpern. Das gemeinsame Formationstraining mit der kompletten Mannschaft ist nur eine von vielen Komponenten, um eine perfekte Leistung aufs Parkett zu bringen. Wenn im November die deutsche Meisterschaft stattfinden sollte und wir vorher zwei volle Monate in der Halle trainieren können, bin ich überzeugt, dass es keine Auswirkungen haben wird. Wir können alle auf unsere Routine und unser Können zurückgreifen.

Wie wichtig ist es, ein Ziel vor Augen zu haben?

Es ist das Wichtigste. Wir arbeiten die ganze Zeit darauf hin, die Weltmeisterschaft oder die deutsche Meisterschaft nach Bremen zu holen. Das ist unsere Belohnung. Wir verdienen damit nämlich kein Geld. Es geht darum, auf die Fläche zu gehen und dem Publikum zu zeigen, was man erarbeitet hat. So ein Geisterturnier wie es das im Fußball gibt, würde beim Tanzen überhaupt keinen Sinn machen. Wenn da kein Publikum sitzt, bekommen wir nicht das Gefühl wieder, für das wir trainieren. Wir möchten ja, dass die Zuschauer begeistert sind.

Wie sind Sie überhaupt zum Tanzen gekommen?

Ich habe in Wien angefangen zu tanzen, also dort, wo ich aufgewachsen bin. Eine Nachbarin hat damals mit dem Formationstanzen begonnen, damals noch auf einer relativ unprofessionellen Ebene. Ich war damals neun und sie hat mich einfach zum Training mitgenommen und sagte, dass ich ja einfach mal zugucken kann. Das habe ich gemacht.

Und dann?

Dann kam der Trainer zu mir und fragte mich, ob ich mitmachen wollen würde. Von dem Zeitpunkt an habe ich in der Formation getanzt. Allerdings war das im ersten Jahr sehr speziell, weil es dort keine Kindermannschaft gab.

Das heißt, Sie haben bei den Erwachsenen mitgetanzt?

Genau. Das war echt witzig, weil es keine Partnerin gab, die so groß war wie ich. Im zweiten Jahr hat dann eine Tänzerin ihre Schwester mitgebracht, die gleich groß war. Mit 14 und 15 hatte ich dort dann bereits Training mit Trainern von Grün-Gold, die mich auch heute noch trainieren. Von da an war der Grün-Gold-Club Bremen ein großes Vorbild für mich, da er immer wieder amtierender Weltmeister oder deutscher Meister war. Man muss sich vorstellen: Das waren einfach die Promis.

Und irgendwann sind Sie selbst nach Bremen gezogen...

Mit 15 habe ich meine erste Weltmeisterschaft für Österreich in der ÖVB-Arena getanzt. Danach wusste ich, dass ich hierher ziehen muss. Ich habe erst meine Ausbildung beendet und mit 18 Jahren bin ich in mein Auto gestiegen und nach Bremen gezogen. Und das habe ich nur für das Tanzen gemacht, sonst hatte ich hier nichts. Keinen Job, keine Wohnung. Am Anfang habe ich noch bei einer Freundin gewohnt. Irgendwann habe ich einen Job gefunden und bin umgezogen. Mittlerweile wohne ich seit sechs Jahren hier.

Dann haben Sie ganz schön viel für Ihre Leidenschaft aufgegeben. Was treibt Sie an, den Sport zu machen?

Das ist leicht zu beantworten, aber nicht leicht nachzuvollziehen. In einer Mannschaft zu stehen und die sechs Minuten auf die Fläche zu bringen – da gehört so viel dazu. Ob es die mentale Stärke ist, oder die körperliche, mit den 16 Personen auf der Tanzfläche stehen, da entsteht einfach ein sehr besonderes Gefühl. Man muss auf so viel achten: Man muss die Bilder treffen, hintereinander stehen, wenn einer schlecht drauf ist muss der andere das ausgleichen, man muss mit der Partnerin harmonieren und dabei gut aussehen, man muss die Charakteristik und Technik der Tänze beherrschen. Das alles zusammen ist so komplex, aber gleichzeitig so spannend und macht so viel Spaß.

Gab es mal Vorurteile, mit denen Sie konfrontiert waren, weil Sie den Sport machen?

Mir fallen da gleich zwei Sachen ein: Jemand hat mich mal gefragt, ob ich damit Geld verdiene und er hat mir einfach nicht geglaubt, als ich sagte dass ich nichts damit verdiene. Er dachte, ich lüge, weil er sich das auf einer so professionellen Ebene nicht vorstellen konnte. Beim Fußball verdienen die Profis ja auch viel Geld. Und ich habe schon erlebt, dass es belächelt wurde und nicht als Sport angesehen wurde, weil manche Leute denken, dass so ein bisschen Tanzen ja nicht anstrengend sein kann.

Wie finden Sie das, dass Sie kein Geld für das Tanzen bekommen?

Die Frage habe ich mir auch schon mal gestellt. Einerseits fände ich es schön, wenn Tanzen das wäre, womit ich Geld verdiene und es mein Hauptberuf wäre. Andererseits könnte ich mir vorstellen, dass es auch viel kaputt machen könnte. Dass viele es nicht mehr aufgrund der Leidenschaft machen würden, sondern wegen des Geldes. Es könnte schon einen Ausgleich für den Aufwand geben, weil ich finde, dass es für eine Mannschaft, die amtierender Weltmeister ist, schon einen kleinen finanziellen Ansporn geben könnte.

Sie sind in den sozialen Medien präsent und haben sogar eine Agentur, die Sie managed. Wie wichtig ist es, als Tänzer auf Instagram und Co. aktiv zu sein?

Ich selbst mache das vor allem, weil es mir Spaß macht. Richtig professionell mache ich das nicht. Für Tänzer ist es schon wichtig, dort präsent zu sein. Wir als Team haben auch einen Account, über den wir Informationen zu unserer Mannschaft veröffentlichen. Die Leute freuen sich mit uns und wollen auf dem aktuellen Stand sein, deswegen ist das ein Muss geworden. Es gibt kaum eine Mannschaft – gerade in der ersten Bundesliga – die kein eigenes Profil hat. Andererseits ist es natürlich schön, wenn man seine Erfolge teilen kann.

Was halten Sie von Fernseh-Tanzshows wie „Let‘s Dance“?

Joachim Llambi ist ein Kumpel von meinem Trainer Roberto Albanese und hatte letztens unser Maskottchen mit in der Show. So was ist schon cool. Selber verfolge ich solche Shows eigentlich nicht. Viele Bekannte denken dann, dass das meine Sendung ist und ich das anschauen müsste, weil ich ja selbst tanze oder fragen mich, wann ich dort mal auftrete. Dabei hat das mit dem Formationstanzen wenig zu tun – die Tänze und die Technik sind zwar das gleiche, aber in der kurzen Trainingszeit würden die Teilnehmer es gar nicht schaffen, eine ganze Formation einzuüben. Wir brauchen für eine Choreographie Monate.

Worauf freuen Sie sich, wenn es mit dem Training und den Meisterschaften wieder richtig los geht?

Wenn der Trainer normalerweise sagt: „Wir tanzen jetzt einen Durchgang“, dann freut man sich eher weniger. Ein Durchgang bedeutet, dass die komplette Choreographie einmal von Anfang bis Ende durchgetanzt wird. Das sind sechs Minuten voller Anstrengung und Konzentration, danach ist man richtig fertig. Witzigerweise ist es aber genau das, worauf ich mich jetzt am meisten freue – dass ich mit meiner Mannschaft einen Durchgang tanzen kann, weil es am Ende das ist, was für die Meisterschaft zählt.

Das Gespräch führte Patricia Friedek.

Info

Zur Person

Kevin Berger (26)

ist professioneller Latein-Formationstänzer beim Grün-Gold-Club Bremen. Mit dem A-Team ist er amtierender Weltmeister und hat auch zuvor mehrfach die Welt- und Deutschen Meisterschaften gewonnen. Hauptberuflich ist er Assistent des Großkundenbetreuers bei der Zur-Mühlen-Gruppe. So mancher hat ihn vielleicht im Fernsehen gesehen: 2019 kochte er in der Vox-Sendung „Das perfekte Dinner.“

Info

Zur Sache

Grün-Gold-Club Bremen

Der Grün-Gold-Club Bremen (GGC) ist ein Traditionstanzverein, der 1932 gegründet wurde. Nach eigenen Angaben hat der Club etwa 500 Mitglieder. Der Lateinformationstanz hat im Verein den größten Anteil, er bietet aber auch Standard- und Einzeltanz an. 2002 fusionierte der Grün-Gold-Club mit dem Tanzsportclub Schwarz-Silber.

2019 zog der GGC nach 56 Jahren aus seinem Domizil in Oberneuland aus und bewohnt nun ein neues Lokal in Bremen-Hastedt, gemeinsam mit der Tanzarena.

2004 wurde das Lateinformation-A-Team des GGC erstmals Deutscher Meister, Vize-Europameister und bei seiner ersten WM Vize-Weltmeister. 2006 gewann es erstmals die Weltmeisterschaft. Trainiert wird das Team von Roberto und Uta Albanese.

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