Tischtennis

Legende besiegt, Spiel verloren

INach einem Tischtennis-Krimi gegen Borussia Düsseldorf und trotz eines Triumphes von Mattias Falck über Timo Boll scheidet Werder aus dem Pokal aus
22.09.2019, 21:13
Lesedauer: 3 Min
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Legende besiegt, Spiel verloren
Von Olaf Dorow

Bremen. Das hatte gesessen. Aber sowas von gesessen hatte es. „Wenn er trifft, dann wächst da kein Gras mehr“, sagte Timo Boll über Mattias Falck. Um anzufügen: „Und Mattias hat heute oft getroffen gegen mich.“ Sehr oft. Das Spiel Nummer vier im Pokal-Achtelfinale zwischen den Tischtennis-Teams aus Bremen und Düsseldorf wurde eine sehr einseitige Angelegenheit. Falck schlug Boll klar mit 3:0. Boll führte nicht ein einziges Mal.

Mehr Tischtennis-Klasse war nicht hineinzubekommen in die mit rund 300 Zuschauern gefüllte Klaus-Dieter-Fischer-Halle in Hastedt. Das mit großer Spannung erwartete Duell zwischen Werders Vize-Weltmeister Mattias Falck, Europas Nummer zwei, und der Nummer eins Timo Boll, dessen Erfolge am Tisch eine ganze Zeitungsseite füllen könnten, ließ Falck die Siegesfaust ballen. Ließ Boll rätseln und das Publikum johlen. Was waren das aber auch für Ballwechsel. „Ich war einfach chancenlos, das wurmt einen schon“, sagte der von Falck als „Legende“ bezeichnete Boll. Alle seine Rezepte hätten nicht funktioniert. Er hatte vorher noch nie gegen Mattias Falck verloren, der seinen namhaften Gegner am Sonntag permanent unter Druck setzte. Quasi unter Dauerbeschuss.

Doch wer war es, der das hinterher glücklich lächelnd erzählen und kommentieren konnte? Wer musste es mit einem Tut-mir-leid-Achselzucken erzählen? Boll war der Glückliche, Falck der Traurige. Werder hatte im Doppel, im entscheidenden Spiel Nummer fünf, verloren. 2:3 gegen Borussia Düsseldorf. Pokal-Aus. „Wir sind sehr traurig“, sagte Manager Sascha Greber. Werder hätte so gern den Sprung ins Final Four geschafft, das erneut in Ulm ausgetragen wird. „Da spielst du vor 5000 Zuschauern“, sagte Greber und schwärmte von der flirrenden Atmosphäre der Pokal-Endrunde. Doch die Auslosung hatte es so gewollt, dass Werder bereits im Achtelfinale auf Borussia Düsseldorf traf. Ein Team, das im deutschen Tischtennis eine ähnliche Rolle spielt wie der FC Bayern im Fußball.

Dieser Sonntag in Hastedt, er brachte die Erkenntnis, dass Borussia Düsseldorf nicht besiegt ist, wenn Timo Boll im Top-Spiel besiegt wurde. Das dürfte wohl genug aussagen über die Stärke des Werder-Gegners. Der am Sonntag rund drei Stunden benötigte, bis sein Favoritensieg endlich feststand. Und der analog zu wohl fast allen in der Halle von einem Wow-Moment zum nächsten getrieben wurde. Mehrfach wendete sich das Blatt, bis im finalen Doppel sich die Düsseldorfer Anton Källberg und Omar Assar, ein ehemaliger Werder-Spieler, gegen die Bremer Hunor Szöcs und Kiril Gerassimenko durchsetzten. „Das Düsseldorfer Doppel ist einfach sehr gut“, sagte Greber. So komisch sich das anhören würde und so traurig ob der Niederlage alle seien: Sie könnten mit einem guten Gefühl aus diesem Tag herausgehen. Greber ist sich sicher, dass das Spiel keine schlechten Schwingungen für den Ligabetrieb gebracht hat. Bereits am Dienstag geht es in der Bundesliga gegen Königshofen.

Die Dramaturgie des Duells mit Düsseldorf wäre unvollständig wiedergegeben, wenn nicht auch der Vorlauf erwähnt wird. Gut zwei Stunden vor Matchbeginn hatte Greber seinen Spieler Kirill Gerassimenko vom Flughafen abgeholt. Der Kasache hatte an den Asienmeisterschaften in Indonesien teilgenommen. Kuala Lumpur, Bangkok, München – die Rückreise dauerte 30 Stunden. Doch Gerassimenko wollte fürs Team spielen, und weil sie sich als Team verstehen wollen, hat ihn der Trainer Cristian Tamas spielen lassen. Ob es ohne das Handicap mit dem Reisestress anders gelaufen wäre, ist nicht zu klären. Förderlich war es jedenfalls nicht, aus welcher Ausgangslage heraus Werders Nummer zwei auf Düsseldorfs Nummer eins traf, auf Timo Boll. Gerassimenko verlor in drei Sätzen.

Das war dann schon das 2:0 für Düsseldorf. Als im Spiel Nummer drei Ex-Werderaner Assar im ersten Satz seinen früheren Teamkollegen Hunor Szöcs mit 11:3 abfertigte, schien die Sache klar. Zu überlegen schien der Favorit, zu schwer wog die Niederlage aus Spiel Nummer eins. Mattias Falck hatte Anton Källberg, seinem Landmann und Mitspieler in der schwedischen Nationalmannschaft, die ersten beiden Sätze abgenommen, um dann zur allgemeinen Verblüffung die Sätze drei, vier und fünf zu verlieren. Als ob ein Schalter in seinem Kopf auf einmal falsch geschaltet worden wäre. Sinngemäß versuchte Falck die erste Wendung des Tages so zu erklären. Tischtennis kann sehr gut zur Nervensache werden.

Wendung Nummer zwei dann im Spiel Nummer drei. Hunor Szöcs kämpfte sich hinein ins Duell mit dem Hünen Assar – und besiegte ihn mit 3:2. Szöcs hatte damit nicht nur seinem eigenen Team und den Werder-Fans in der Halle wieder Hoffnung gemacht. Er hatte den schnellen dritten Punkt für Düsseldorf verhindert. Und die Voraussetzung geschaffen, dass die Zuschauer überhaupt in den Genuss des Tischtennis-Leckerbissens Falck gegen Boll gekommen sind. Es wurde dann wirklich ein Hochgenuss. Einer, um in diesem Bild zu bleiben, mit einem unerwünschten Nachgeschmack.

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