Integration

Der Himmelsstürmer aus Kattenturm

Er ist jetzt Lehrer an seiner alten Schule. Dazu arbeitet er in der Gesundheitsvorsorge und als Personal Trainer. Kaum jemand hatte sich vorstellen können, was Mazlum Demirci alles erreicht hat.
31.05.2020, 08:27
Lesedauer: 4 Min
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Der Himmelsstürmer aus Kattenturm
Von Olaf Dorow
Der Himmelsstürmer aus Kattenturm
Frank Thomas Koch

Jeden Tag ein Stück gesünder. Hört sich ziemlich gut an, und wer wollte das auch nicht sein? Mazlum Demirci hat ein Buch geschrieben, das so heißt. Wie man mit dem Mix aus Bewegung, Ergonomie, Ernährung und Stressmanagement zu mehr Gesundheit, Glück und Erfolg gelangen kann, das soll darin beschrieben werden. Das Vier-Säulen-Prinzip nennt der Autor diesen Mix. Nun ja, noch so ein Ratgeber, könnte man abwinkend sagen. Oder: noch so ein Rat-Geber, nicht als Buch, sondern als Person gedacht. Das wäre dann allerdings schade, wenn man nur lässig abwinken würde. Dann erführe man nichts über die Besonderheit, die sich hinter diesem Ratgeber verbirgt.

Das Besondere ist nicht nur, dass ein Euro pro verkauftem Exemplar an die Neven-Subotic-Stiftung fließen soll. Die Stiftung des bekannten Bundesligaprofis, früher Borussia Dortmund, heute Union Berlin, engagiert sich in Afrika. Sie will den Zugang zu sauberem Trinkwasser verbessern beziehungsweise ermöglichen. Die ganz spezielle Besonderheit des besagten Ratgebers aber, das darf man wohl so sagen, ist sein Autor. Beziehungsweise: der Weg, den er genommen hat. Millionär ist er nach vorliegenden Erkenntnissen nicht, aber es ist so etwas Ähnliches wie eine Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Story. Eine, die sich weniger auf der finanziellen, sondern mehr noch auf der sozialen Ebene abspielt. Politisch deutlich korrekter müsste man es wohl so formulieren: Es ist ein Beispiel gelungener Integration. Vielleicht sogar ein Musterbeispiel.

Aus der Türkei nach Bremen

Mazlum Demirci ist, verbeamtet und mit einer 70-Prozent-Stelle, Lehrer für Politik, Wirtschaft und Sport am Gymnasium Links der Weser. Kattenturm ist sein Kiez. Hier ist er aufgewachsen, hier will er jetzt ein Vorbild sein. „Manchmal sehe ich mich in den Kindern wieder“, sagt er. Er sehe, sagt er, in ihren Augen oft die Verzagtheit. Die Zweifel daran, es zu etwas bringen zu können. Sie kommen in Kattenturm häufiger vor als in anderen Gegenden. Die Kinder kommen hier häufiger als in Schwachhausen oder Oberneuland aus Familien mit wenig Geld und vielen Problemen. Aus Familien, über die man schnell mal sagt: bildungsfern. Oder auch: Da wachsen die Bäume nicht in den Himmel.

Es ist aber nicht unmöglich, ein Himmelsstürmer zu werden, das will Mazlum Demirci, 30 Jahre alt, seinen Schülern vermitteln. Er war einst selbst Schüler an dieser Schule. Dass er hier das Abitur macht, dass er danach an der Uni seinen Bachelor und seinen Master macht, das hätten ihm nur wenige Freunde und Bekannte zugetraut, erzählt er. Du und Abi, du und Studium? Das habe oft nur ein ironisches Schmunzeln erzeugt. Heute sei er es, der oft ironisch schmunzelt. Nicht aus Schadenfreude. Mehr aus Stolz.

„Die Demircis sind so was wie eine Kämpferfamilie“, sagt er. Er war vier, als er Anfang der 1990er-Jahre aus der Türkei nach Bremen kam, zusammen mit seinen beiden älteren Brüdern und seiner Mutter. Familienzusammenführung, der Vater war geflüchtet. Als Kurde sei er zwei Jahre lang in türkischen Gefängnissen gefoltert worden, sagt Mazlum Demirci. Als der Vater seine Frau und seine Kinder damals in Hannover in Empfang nahm, habe niemand aus der Familie genügend Deutschkenntnisse aufgebracht, um den richtigen Zug nach Bremen zu erfragen. Eine freundliche Schaffnerin habe sie aufgekärt, dass sie leider im Zug nach Hamburg sitzen würden.

Lehrer an der ehemaligen Schule

Heute beherrscht Mazlum Demirci, erzählt er, sechs Sprachen. Neben Türkisch, Kurdisch, Deutsch und Englisch auch noch Latein und Spanisch. Wie er hätten auch seine beiden Brüder studiert, der eine habe schon Frau und drei Kinder und arbeite als Informatiker in Hamburg. Mazlum Demirci selbst ist fünf Jahre lang von Kattenturm nach Oldenburg zum Studium gependelt. Er ist nicht nur an seine Schule zurückgekehrt. Sein früherer Lehrer Uwe Sudmann, heute Schulleiter, verhalf ihm zum Referendariat. Und der Rückkehrer wagte nebenher auch noch den Sprung in eine Selbständigkeit.

"MD Health & Perfomance" heißt die Firma, die Personal Training und betriebliche Gesundheitsvorsorge betreibt. Er arbeitet mit Krankenkassen zusammen und hält Vorträge vor hunderten Leuten. Spielerberater würden für ihre Klienten anfragen, sagt er. Die früheren Werder-Profis Özkan Yildirim oder Julian von Haacke seien bei ihm gewesen, zum Freundeskreis würden die Ex-Werderstars Thomas Wolter und Tim Wiese zählen oder der Oberneuland-Sponsor Florian Wellmann. MD, das darf man wohl so behaupten, ist schon ein Begriff in der Szene.

Ich muss etwas tun, dann kann ich etwas schaffen – dieses Motto ist natürlich keine Erfindung des Mazlum Demirci. Das taugt aber zu einem: Wow, Respekt! Tage mit zwölf bis 14 Stunden Arbeit seien eher die Regel als die Ausnahme bei ihm, erzählt er. Als Teeanager schon habe er angefangen, mit Zeitungsaustragen den engen wirtschaftlichen Rahmen daheim zu vergrößern. Ein eigener Fernseher oder PC im Kinderzimmer? War Wunschdenken. Neue Fußballschuhe? Ein Problem.

Der Fußballplatz ist lange sein zweites Zuhause gewesen. Mazlum Demirci pfiff als Schiedsrichter. Wie sein Bruder, der habe in der 2. oder dritten Liga an der Linie auch schon mal Bremens bekanntem Bundesliga-Referee Peter Gagelmann assistiert. Als Spieler kickte Mazlum Demirci bei Komet Arsten, beim SV Hemelingen oder SC Weyhe. Beim Bremer SV war er auch mal Athletiktrainer. Der Fußballplatz wurde auch zum Startpunkt fürs zweite berufliche Standbein neben dem Lehrerjob. „Ich habe mich gefragt: Wieso verletzen sich so viele Fußballspieler?“ Die Beschäftigung damit brachte ihn auf die Fitness- und Prophylaxe-Schiene, sie führte ihn zu Sportlern und Sportlerinnen aus anderen Sportarten, zu Krankenkassen. Sie ließen ihn einen Fitness- und Gesundheitsexperten werden.

Er hat's geschafft, das wäre allerdings ein Satz, den er nicht gerne über sich lesen würde. Weil er nicht ganz stimme, sich zu sehr nach Sattheit und Zufriedenheit anhöre. Zufriedenheit: ja. Sattheit: nein. Da kommt ein klares Dementi. Er sei noch so gierig, er wolle noch so viel machen, sagt er. Ein zweites Buch schreiben zum Beispiel. Oder an der Uni als Dozent lehren. Wenn, wie im Wissenschaftsplan 2025 hinterlegt, dort der Studiengang Sportlehrer neu aufgelegt wird, dann stünde also mit Mazlum Demirci ein weiterer Ansprechpartner bereit.

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