Lennard Kämna im Interview

„Fühlt sich wirklich fast unreal an“

„Je weiter es wegrückt, desto unrealer wirkt es irgendwie“, sagt Tour-de-France-Etappensieger Lennard Kämna im großen Interview mit dem WESER-KURIER. Er habe sich selbst überrascht.
22.09.2020, 05:00
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„Fühlt sich wirklich fast unreal an“
Von Olaf Dorow
„Fühlt sich wirklich fast unreal an“

Sein großer Moment: Lennard Kämna wird Etappensieger der Tour de France.

dpa

Herr Kämna, wo erwischen wir Sie gerade?

Lennard Kämna: Oh, ich sitze gerade allein in einem Bus, also abzüglich des Busfahrers. Wir sind auf dem Weg nach Deutschland. Irgendwann werde ich an der Autobahn abgesetzt und abgeholt. Dann bin ich kurz bei meiner Freundin in Hagen, danach geht‘s entweder nach Bremen oder nach Fischerhude zu meinen Eltern.

Und das wievielte Interview heute führen Sie jetzt gerade?

Ich habe sehr lange geschlafen, und wenn ich ehrlich bin, ist es das erste. . .

. . . Moment, niemand will was wissen von Lennard Kämna?

Na ja, man macht ja auch nicht unbedingt alles, was an Anfragen so kommt.

Wir fühlen uns geehrt. Also: Etappensieger bei der Tour de France, wie fühlt sich es sich an, das zu sagen rund eine Woche danach? Wird es sozusagen normaler oder steigert sich eher das Glücksgefühl?

Ich würde sagen, es steigert sich eher. Je weiter es wegrückt, desto unrealer wirkt es irgendwie. Gerade auf den Etappen danach. Wenn man da mal abgehängt wurde und nur über Funk das Finale verfolgt, denkt man: Boah, neulich war ich selbst da vorn dabei. Fühlt sich wirklich fast unreal an. Man wundert sich, es selbst geschafft zu haben. Auf der anderen Seite kommt das schöne Gefühl, wenn man die Rückblicke sieht.

Es wird dann mit Verzögerung noch viel mehr Wucht gewinnen?

Das ist wahrscheinlich so. Während der Rundfahrt ist es ja so: Auch wenn es mal nicht läuft und man total enttäuscht war, kommt halt direkt danach die nächste Chance. Dann bist du Etappensieger, das ist total schön, aber am nächsten Abend gibt es wieder einen neuen.

Konnten Sie sich das so einreden, als Sie vier Tage vor Ihrem Etappensieg noch kurz vor dem Ziel abgefangen wurden: Morgen ist ein neuer Tag?

Ich muss zugeben: An diesem zweiten Platz hatte ich ein bisschen zu knabbern. Ich war mir zwar nicht sicher. Aber ich hatte mir große Chancen auf den Sieg ausgerechnet, nachdem zunächst alles so perfekt lief.

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Wie haben Sie dann die Enttäuschung über Platz zwei verarbeiten können?

Tja, einfach weiterfahren. Es gab jetzt keinen klassischen Verarbeitungsprozess. Nach dem Ruhetag am Montag danach war ich einfach noch heiß, es noch mal zu probieren.

Machen Sie so etwas lieber mit sich allein aus? Oder sind Sie eher der Typ, der darüber reden will?

Tendenziell bin ich eher jemand, der so etwas mit sich selber ausmacht.

Hat ja auch gut geklappt, könnte man sagen. Bei einem generellen Tour-Rückblick: Was hätten Sie dem gesagt, der nach den Stürzen der ersten Woche einen Etappensieg prophezeit hätte?

Puh. Ich hätte wahrscheinlich große Augen gemacht und nicht unbedingt dran geglaubt. Die erste Woche lief alles andere als gut bei mir. Ich habe mich dann eher selbst überrascht.

Viele Experten oder auch nur vermeintliche Experten waren nicht überrascht. Haben Sie einen Umgang damit gefunden, dass Sie oft zu jemandem gemacht werden, der bestimmt mal die Tour gewinnt?

Das wird mir ja schon seit Längerem nachgesagt. Ich habe gelernt, damit umzugehen und es zu ignorieren.

Das mussten Sie richtiggehend lernen?

Ich glaube, das ist typabhängig. Manche sagen von sich aus, dass sie der Meinung sind, sie würden mal unter den ersten fünf landen oder so. Ich sage das halt nicht so einfach heraus. Ich denke, das ist eine Riesenleistung, wenn man das schafft. Ich sehe da eine Riesenhürde. Ich möchte es irgendwann auch mal ausprobieren, im Gesamtklassement anzugreifen, wenn es weiterhin so gut läuft. Aber primär geht es mir eher darum, das Beste aus meinem Potenzial zu machen. Ich tue mich schwer damit zu sagen: Das Beste, was ich erreichen kann, ist ein Tour-Sieg. Das ist so außergewöhnlich, das schafft halt nicht jeder. Wenn es bei mir eben nur zu Platz zehn oder 15 reicht, dann ist das auch etwas sehr, sehr Gutes.

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Etwas sehr Gutes war definitiv die Etappe am vergangenen Dienstag. Sie haben schon 20 Kilometer vor dem Ziel die Attacke gesetzt. Wie viel Mut zum Risiko brauchten Sie?

Es sieht im Radsport immer recht einfach aus, was wir da taktisch so machen. Die taktischen Spielereien fangen in dem Moment an, in dem du in der Ausreißergruppe bist. Gehst du in die Führung? Wie sehr belastest du dich schon? Und so weiter.

Wie war die Gruppendynamik am Dienstag?

Zunächst mal war es so, dass drei Fahrer vom Team Ineos dabei waren. Da macht man für sich selbst aus, für wen die fahren. Da hängt man sich ans Hinterrad, und es ist dann alles so gekommen, wie ich mir das vorgestellt habe. Es wurde schon vorm Berg sehr schnell gefahren und flog alles auseinander. Als wir dann nur noch zu viert waren, guckt man sich erst mal an. Am Ende habe ich gemerkt, dass Richard Carapaz (Giro-Sieger 2019, aus Ecuador, d. Red.) sich ziemlich verausgabt hat. Das war der Moment, in dem ich mir gesagt habe: Jetzt muss ich es probieren. Wenn ich oben an der Kuppe zehn, 15 Meter Vorsprung habe, dann sollte er mich nicht mehr einbekommen. Wären wir zusammen angekommen, hätte wohl er gewonnen. Kurz vorm Ziel ging es noch mal etwas hoch. Bei kurzen Anstiegen ist er einer der Besten der Welt.

Es war die richtige Balance zwischen Risiko und Strategie nötig, um ihn zu schlagen?

Man muss wissen, was seine Stärken sind. Und sie dann im richtigen Augenblick einsetzen. Möglichst dort, wo die Schwächen des Gegners sind. Bei dem Profil an dem Tag hat es perfekt für mich gepasst. Vor dem Zielanstieg 20 Kilometer flach und leicht bergrunter. Ich wusste, dass ich da von der Aerodynamik und Power her einfach etwas schneller bin.

Herr Kämna, während der Tour wurden Sie 24 und gelten als junger Fahrer. Der Sieger war noch nicht mal 22, der Vorjahressieger war auch 22. Nur Zufall? Oder eine neue Entwicklung?

Das kann ich momentan noch nicht richtig beurteilen. Auf jeden Fall ist es außergewöhnlich. Bei Egan Bernal (Sieger 2019, aus Kolumbien, d. Red.) deutet sich an, dass er im vergangenen Jahr sein höchstes Level schon erreicht hat. Ich glaube nicht, dass er noch mal viel besser wird, als er letztes Jahr schon war. Leistungshöhepunkte werden im Radsport mittlerweile häufig deutlich früher erreicht als noch vor sechs, sieben Jahren. Das Training ab den Juniorenklassen ist deutlich besser geworden.

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Muss man aber mit Blick auf die Doping-Historie der Branche nicht skeptisch werden? Da kommt ein knapp 22-Jähriger und gewinnt mal eben die Tour?

Ich kann das nachvollziehen, dass solche ­Gedanken aufkommen und sich viele fragen, wie das sein kann. Für mich ist es nicht so, dass ich denke, das ging nur mit Doping. Ich glaube auf jeden Fall an den Radsport. Ich weiß, dass ich sauber ganz nach vorn fahren kann, ich weiß das von meinen Teamkollegen (bei Bora-Hansgrohe, d. Red.). Von daher gehe ich davon aus, dass eine solche Leistung wie die von Tadej Pogacar sauber produziert worden ist.

Wie geht es in den nächsten Wochen eigentlich weiter für Sie?

Mein nächsten Rennen ist dann am 30. September Flèche Wallonne, ein Klassiker in Belgien. Insgesamt fahre ich noch vier Ardennen-Klassiker, dann bin ich durch.

Nicht noch eine Rundfahrt?

Es gibt viele, die noch den Giro fahren oder die Vuelta. Für mich wäre das dieses Jahr einfach zu viel. Ich bin froh, dass die Tour jetzt stattgefunden hat und so zu Ende ging. Das reicht mir für dieses Jahr völlig.

Und wann sieht man Sie mal wieder auf der Blockland-Runde?

Also, wenn ich mal wieder in Bremen oder Fischerhude bin, werde ich sie auf jeden Fall fahren.

Info

Zur Person

Lennard Kämna (24) fährt fürs Team Bora-Hansgrohe und wurde Etappensieger bei der Tour de France 2020. Er gilt als große deutsche Radsport-Hoffnung. Er begann in Bremen mit dem Radsport, wuchs in Fischerhude auf, ehe er nach Cottbus ging. Zuletzt wohnte er in Bremen.

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